Zeitung Heute : Im Blütenrahmen

FREDERIK HANSSEN

Christian Thielemann dirigiert die Wiederaufnahme von "Figaros Hochzeit" an der Deutschen OperFREDERIK HANSSENDie leuchtende Blumenpracht, unter der Herbert Wernicke im Dezember 1978 das Bühnenportal bei Götz Friedrichs "Figaro"-Inszenierung verschwinden ließ, ist fast schon zu einem Markenzeichen der Deutschen Oper geworden: Unzähliger Male mußte der florale Triumphbogen herhalten, wenn es galt, Benefiz-Galas, Konzerte oder andere Veranstaltungen an der Bismarckstraße heiter einzurahmen.Fast ebenso häufig tauchte auch die Festsaal-Dekoration des zweiten Aktes mit den riesigen Flügeltüren in immer neuem Kontext auf, prägte sich ein als ästhetisches Symbol der Ära Friedrich. "Le Nozze di Figaro" war 1978 Götz Friedrichs zweite Arbeit für die Deutsche Oper, insgesamt 84 Mal ging der "tolle Tag" seitdem über die Bühne.Eine Inszenierung also, mit der mancher Nachwuchs-Opernfan in Berlin aufgewachsen ist.Christian Thielemann, der neue Generalmusikdirektor der Deutschen Oper, war damals beispielsweise noch keine zwanzig Jahre alt.Wenn er nun bei der Wiederaufnahme der Dauerbrenner-Produktion die musikalische Leitung übernommen hat, so auch, um zu zeigen, daß er im Repertoire-Betrieb, im Opern-Alltag einen Schwerpunkt seiner zukünftigen Arbeit sieht.Thielemann versteht sich - analog zur Lebensmaxime seines großen Vorbilds, Friedrich II.- als oberster Diener seiner Musik. So klingt dann sein "Figaro" auch im positiven Wortsinn kapellmeisterlich.Weder in Tempo- noch in Interpretationsfragen erlaubt sich Thielemann Extravaganzen, maßvoll und klar strukturiert er den Abend, einige wenige "Wackler" in der Ensemble-Koordination im ersten und zweiten Akt fallen da kaum ins Gewicht.Die Orchestermusiker reagieren prompt und zuverlässig, alle Rollen sind mit Gespür für die Erfordernisse des Mozart-Klangs besetzt - und doch fehlt das gewisse Etwas, das einen wirklich guten Abend erst zum "tollen Tag" werden läßt.Die Musik hat Frische und Leichtigkeit, aber sie hebt nicht ab, elektrisiert nicht.Vielleicht "wiegt" Mozarts Partitur in einem 1900-Plätze-Haus einfach schwerer als in intimeren Sälen, vielleicht liegt es auch an Thielemanns Hang zur kaum merklichen Dauerbremse, zum strikten Einhalten selbstgesetzter Geschwindigkeitsbegrenzungen. Mit Friedrichs Inszenierung geht es dem Betrachter bei der Wiederbegegnung ähnlich: Wenn der Diener Figaro in seiner ersten Cavatine wütend einen Bleistift zerbricht, als er entdeckt, daß sein Dienstherr, der ihm über Standesgrenzen hinweg so freundschaftlich verbundene Graf, im Zweifelsfall doch wieder auf seine Privilegien zurückgreift, dann scheint klar der interpretatorische Ansatz des Regisseurs durch.Doch Maurizio Muraro, sein Figaro-Darsteller mit dem gut sitzenden, sonoren Baß, bringt die Botschaft nur als angelernte Aktion über die Rampe, viel natürlicher gehen ihm die alten Sängergesten von der Hand.Ebenso Jean-Luc Chaignaud, der dem Grafen seine noble Stimme und jugendliche Gestalt leiht: Die soziale wie emotionale Konfrontation, die der kluge Werkexeget Friedrich aus der Partitur stringent ableitet, entdeckt nur der sehr aufmerksame, wissende Zuschauer, der bereit ist, sich manche Andeutung zurechtzudenken. Den vom Gänsebraten Geschwächten wird die musikalische Hochzeit mit Hindernissen an diesem ersten Weihnachtsfeiertag so vor allem als heiteres Gesellschaftsspiel in Erinnerung bleiben - was vielleicht nicht unbedingt im Sinne des Erfinders Friedrich ist, aber auch kein Schaden für die Sänger sein muß, die dadurch ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückten.Allen voran Ulrike Helzel, deren metallisch strahlender, stürmisch drängender Cherubino begeistert bejubelt wurde: Mit dem Engagement dieser vielversprechenden Stimme hat die Deutsche Oper nicht nur einen Glücksgriff getan, sondern auch die Verantwortung auf sich geladen, eine junge Sängerin behutsam auf die großen Partien vorzubereiten, die ihr offenstehen.Als rollengerecht jugendliche Gräfin gestaltete Camilla Nylund vor allem ihre Arie im zweiten Akt mit großer Konzentration.Fionnuala McCarthy war als Susanna wie immer verführerisch und geschmeidig, Heidi Persons kesse Barbarina stand ihr da kaum nach.Als Luxusbesetzung für die Marcellina schließlich wertete Mariana Cioromila die Mutter-Figur mit enormer Bühnenpräsenz und einer lustvollen Schwips-Showeinlage auf. Wieder am 28.und 31.Dezember. 

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