Zeitung Heute : Im Cyberspace verlieren Raum und Zeit ihre Bedeutung

BURKHART SCHRÖDER

Beim Online-Chatten können Netzsurfer schon einmal in einen neuen Körper schlüpfenVON BURKHART SCHRÖDER

Wer mit seinem Geschlecht oder seinem Aussehen unzufrieden ist, sollte in das Land Kymer und die Stadt Phantasus reisen.Dort kann man, falls man über die nötigen Mittel verfügt, in einen neuen Körper schlüpfen.Das Kaufhaus NuYu bietet gleich dutzendweise Köpfe an, neben menschlichen auch Hunde-, Katzen-, Enten- oder schrille Phantasieschädel.Wem die Auswahl nicht zusagt, kann schließlich kopflos herumirren.

Phantasus ist keine Erfindung eines Science-Fiktion-Autors, sondern Realität: Eine virtuelle Welt, ein künstliches Gebilde im Internet, mit Straßen, Plätzen, einem Tempel und - noch - wenigen anderen Gebäuden, voller merkwürdiger Wesen, die sich per Sprechblasen, wie im Comic-Strip, online unterhalten.Die Bewohner nennen sich "Avatars", haben eigene Zeitungen, treffen sich zum Bingo, Trivial Pursuit oder zum Blackjack und kaufen oder verkaufen mehr oder minder hübsche Dinge.Der Vorteil: Jeder, der sich eine Stunde in Phantasus aufhält, bekommt automatisch 60 Einheiten der Kymer-Währung, Token genannt, gutgeschrieben.

Phantasus oder WorldsAway, wie CompuServe die elektronische Welt genannt hat, ist ein Experiment, wie die Zukunft des "chattens" aussehen könnte."Chat"-Foren (englisch: plaudern) gibt es im Internet wie Sand am Meer.Jeder Netz-Surfer kann sich mit beliebigen Fremden über Beliebiges online austauschen.Spannend ist das zumeist nicht: Im Gegensatz zum CB-Funk ist die Stimme nicht zu hören.Dafür ist chatten allemal aktiver als Fernsehen.

Der etwas hochtrabene Anspruch des neuartigen Chat-Forums WorldsAway ist es, eine virtuelles soziales Gemeinwesen zu schaffen, eine interaktive Umgebung, die man auch Jugendlichen empfehlen kann.Die strengen Verhaltensregeln, die Netiquette, bestrafen sexistische oder andere beleidigende Äußerungen sofort: Der Übeltäter wird abgeklemmt und entschwindet sofort ins virtuelle Nichts.

Wer sich die umfangreiche, aber kostenlose Software von WorldsAway besorgt und sich eingewählt hat, landet auf einem virtuellen Schiff, der Argo, am Kai von Phantasus, muß sich entscheiden, welches Aussehen er annehmen will und sich dann im Gästebuch des Tempels einen Namen geben.

Doch Vorsicht: Auch in Kymer gibt es Bösewichte: Die schmeicheln sich bei unbedarften Neulingen ein und versuchen, denen den Kopf abzuschwatzten.Hat man den erst einmal aus der Hand gegeben, ist der Dieb mit ihm auf und davon.Im Gegensatz zum wirklichen Leben kann man in Phantasus auch als "Geist" in Form einer kleinen Wolke am oberen Bildschirmrand schweben und ist dann nicht mehr lokalisierbar.Böse Geister lauern vor allem an den Verkaufsautomaten, materialisieren sich blitzschnell und greifen die Dinge, die der Käufer gerade abgelegt hat.

Angeblich, so CompuServe, sind fast ein Drittel der Kymer-Bewohner Frauen.Da diese aber auch als Mann auftreten können, ist das schwerlich zu überprüfen.Niemand weiß auch, ob sich nicht hinter dem bärtigen Greis ein 14jähriger Computerfreak verbirgt - oder umgekehrt.Die virtuellen Frauen haben aber einen Vorteil: Wer zu Beginn die athletische Variante des weiblichen Körpers auswählt, ist in der Lage, für ein paar Sekunden über dem Boden zu schweben.Die Männer können nur hopsen.

Wenn Sie erst ein Bewohner von Phantasus sind, können Sich auch teure Auslandsgespräche sparen: Verabreden Sie sich mit Ihren Freunden aus den USA zu einer bestimmten Zeit, im Meditation Park oder im Star-Trek-Cafe, und unterhalten Sie sich per Ortstarif.Nur müssen Sie darauf gefaßt sein, daß ihre Freundin plötzlich ein Freund ist, womöglich mit einem Entenkopf, oder aussieht wie ein Alien.Wenn Sie jedoch einem braungebrannten Fakir begegnen, der seinen Kopf manchmal gegen den einer attraktiven Farbigen mit schrill firsierter weißen Haaren austauscht, dann können Sie ihn vertrauensvoll nach dem Weg zum nächsten Token-Automaten fragen: Das ist der Autor.

Voraussetzungen: Zumindest ein 486er Rechner mit einem Modem ab 14400 Baud, Windows 3.1 oder höher, WinCim 1.4 oder 2.0, empfehlenswert: Soundkarte.MacIntosh 68040 oder PowerPC, System 7.1 aufwärts, MacCIM 2.42 aufwärts.Die Software kann im GO AWAY - Forum von Compuserve (Programmdatei hat ca.12 Megabytes) geladen werden.

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