Zeitung Heute : Im Dienst des Lebens

Sie ist die erste Muslimin, die die Auszeichnung aus Oslo erhält. Schirin Ebadi war die erste Richterin im Iran. Für die Rechte der Frauen und die der Kinder hat sie ihr Leben riskiert – über eine Frau, die gelernt hat, ihre Furcht zu überwinden.

Caroline Fetscher

DER FRIEDENSNOBELPREIS

Sie war Richterin. Und sie hat im Gefängnis gesessen. In Demokratien kommt so etwas nur vor, wenn Staatsdiener schwere Schuld vor dem Gesetz auf sich geladen haben. Von der Iranerin Schirin Ebadi, der am Freitag in Oslo der Nobelpreis für Frieden zugesprochen wurde, lässt sich das Gegenteil sagen: Ebadis Einsatz gilt der Gerechtigkeit und dem Frieden. Für die Rechte von Frauen und Kindern in ihrem Land setzte sie das eigene Leben aufs Spiel. Ebenso bei der Verteidigung von Angehörigen der Opfer des Mullah-Regimes, Menschen die in einer Serie von Attentaten – bekannt als die „Kettenmorde“ – ums Leben kamen. Klein sei sie, mit sanfter Stimme sprechend, aber zäh und mutig, sagen Iraner, die Schirin Ebadi kennen. Eisern sei sie in ihrer Entschlusskraft.

Von 1975 bis zur Revolution 1979 war die heute 56-jährige Juristin nicht nur als erste Frau im Iran mit einem Richteramt betraut, sondern sogar Vorsitzende des Gerichtshofs von Teheran. Als Pionierin der seit den Zeiten des Schahs stets stärker werdenden iranischen Frauenbewegung, die als die fortschrittlichste in der gesamten islamischen Welt gilt, kämpfte sie nach ihrer Entlassung aus dem Amt weiter. „Die Hälfte der iranischen Bevölkerung sind Frauen“, erklärte Schirin Ebadi bei einem Berlin-Besuch vor zwei Jahren. „Frauen stellen 63 Prozent des akademischen Nachwuchses und Frauen sind auf gleiche Rechte mit ihren Brüdern angewiesen.“ Ebadi selbst unterrichtet Rechtswissenschaft an der Universität Teheran und gilt als inoffizielles Sprachrohr der Frauen im Iran, mit deren Wählerstimmen im Mai 1997 der Reformer Chatami seine Chance bekam.

Ebadi geht es darum, den frommen Muslimen im Land, klarzumachen, dass Islam und Fortschritt, Islam und Menschenrechte einander in vielen Fällen keineswegs ausschließen, nicht allein was Frauen betrifft, sondern auch die Rechte der Kinder, die unter den religiösen Herrschern wenig Privilegien genießen. „Unser Strafkodex sieht vor, dass neunjährige Mädchen oder fünfzehnjährige Jungen, für ein Vergehen wie Erwachsene bestraft werden“, argumentiert sie. „Ein Mädchen von neun darf verheiratet werden, aber eine Frau von vierzig Jahren, auch wenn sie Professorin wäre, braucht die Erlaubnis ihres Vaters, wenn sie heiraten möchte.“ Das ist für Ebadi die Beschreibung unhaltbarer Zustände. Und das waren für den Wächterrat der Mullahs schwer erträgliche Worte. Frauen, hatten sie damals beschieden, als sie Ebadi ihren Beruf nahmen, Frauen seien „zu emotional und irrational für das Richteramt“.

Doch schon immer habe es im Islam Entwicklung gegeben, Fortschritte bei der Auslegung des Koran, davon ist Schirin Ebadi überzeugt und davon will sie ihre Gesellschaft überzeugen. Zugleich betont die Juristin, dass das Land sich an die internationalen Verträge halten muss, die es unterzeichnet hat: „Wir haben den Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte und den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte unterschrieben, und einer der Hauptgrundsätze dieser Verträge ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau“. Der Iran sei mithin zur Erfüllung der Konvention verpflichtet. Als diese Verträge unterschrieben wurden – in den Tagen des Schahs – gab es die Bedingung, dass sie dem Islam entsprechen müssten, noch nicht. Keine zwei Stunden alt war die Nachricht aus Oslo, als die Exilzeitung „Kayhan“ in London auf ihrer Website Schirin Ebadi bereits mit Jubel feierte. „Wir sind glücklich, dass sie den Preis erhält, der Papst ist auch ein Mann des Friedens, aber er ist ja schon berühmt“, erklärt der Vertreter einer iranischen Menschenrechtsorganisation in Berlin gegenüber dem Tagesspiegel. Von der weltweit aktiven Organisation Human Rights Watch hat Schirin Ebadi schon einen Preis bekommen. „Jeder Mensch, der sich im Iran für Menschenrechte einsetzt muss jeden Tag um sein Leben fürchten“, erklärte Ebadi einmal in einer amerikanischen Zeitschrift, „aber ich habe gelernt, diese Furcht zu überwinden.“

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