Zeitung Heute : Im digitalen Nirwana Kränze niederlegen

Virtuelle Gedenkstätten im Internet liegen im Trend.Die "Hall of Memory" bietet seit Mitte Mai Trauernden in Deutschland die Möglichkeit, Verstorbene mit Nachrufen und zweidimensionalen Grabsteinen im weltweiten Datennetz zu ehren."Mit unserem Angebot wollen wir keine Trauerfeier ersetzen, sondern eine individuell gestaltete Erinnerung an die Toten ermöglichen", sagt Birgit Eich, Projektmanagerin der Betreiberfirma "Marketing-Kommunikation- Schmidkowski" in Frankfurt am Main.50 Angehörige haben laut Eich bereits Einträge vornehmen lassen, die für 30 Jahre gespeichert werden.

Auf dem Markt der Erinnerungen haben Hinterbliebene die Auswahl zwischen Gruppengedenkstätten, zum Beispiel für Aids- Opfer, Danksagungen und individuell gestalteten Nachrufen mit Fotos, Texten oder künstlerischen Reliefs.Solche Seiten belasten das Budget der Trauernden allerdings erheblich.Den Wünschen der Angehörigen werde meist entsprochen, aber es gebe Grenzen, "weil wir Wert auf Pietät legen", betont Eich.Neben den Gedenkstätten für Verstorbene bietet die "Hall of Memory" auch Fachliteratur zum Thema Tod und Bestattung.Besucher des virtuellen Friedhofes können sogar Kondolenzschreiben hinterlassen und gegen eine Gebühr Kränze niederlegen oder bedächtig flackernde Kerzengraphiken "entzünden".

Für die Zukunft hofft Eich auf eine Kooperation mit den Bundesverbänden des Bestattungsgewerbes und den Kirchen.Therapeuten und Pfarrer sollten künftig via Internet den Trauernden in Gesprächen helfen, meint sie.Volker Herbert, Referent für besondere Seelsorge der bayerischen evangelischen Kirche, sieht darin eine ernstzunehmende Option."Warum sollte sich die Kirche nicht daran beteiligen?", fragt er.Die "Hall of Memory" ( www.hall-of-memory.com ) ist Eich zufolge die erste Einrichung ihrer Art in Deutschland.Zwar hat eine Gruppe von Studenten der Universität Regensburg, die Idee bereits früher aufgegriffen.Die Umsetzung trägt jedoch humoristische Züge.So wird etwa das "rechtliche Aus für Atommüll in Gorleben" betrauert.Auf amerikanischen Internetseiten gibt es virtuelle Friedhöfe schon seit längerem.Sie bieten sogar Gedenkstätten für Selbstmörder und Kriegsveteranen an.Selbst das Leben dahingeschiedener Haustiere und Tamagotchis wird auf virtuellen Friedhöfen salbungsvoll gepriesen.

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