Zeitung Heute : Im Dschungel der Widersprüche

Moritz Kleine-Brockhoff

Die jungen Männer sehen nicht gerade aus, als kämen sie zu Beratungsgesprächen ins Land. In Kampfmontur steigen 15 US-Soldaten mit schweren Rucksäcken in Zamboanga aus einer MC-130 der amerikanischen Luftwaffe. Oberst Servando vom "Southern Command" der philippinischen Streitkräfte sagt nur knapp, die US-Soldaten besuchten die Stadt. Wohl fühlt sich Servando nicht. "Philippinische Soldaten sind genauso gut wie amerikanische", sagt er, "wir kämen gut alleine zurecht, wenn wir besseres Material hätten." Der Oberst spricht leise und schaut in die Ferne. Es scheint ihm peinlich zu sein, dass er und 7000 andere philippinische Soldaten seit eineinhalb Jahren vergeblich versuchen, rund 700 Abu-Sayyaf-Anhänger auszuschalten, und jetzt auf die Hilfe der USA zurückgreifen müssen. Die Abu-Sayyaf-Gruppe, eine Mischung aus Rebellen und Kriminellen, steht auf der US-Liste internationaler Terrororganisationen.

Doch die US-Soldaten werden von ihren philippinischen Kollegen nicht mit offenen Armen empfangen. 90 Jahre lang waren zehntausende von GIs in den Philippinen stationiert gewesen, die früher eine US-Kolonie waren. Die spätere Unabhängigkeit hatte zunächst wenig mit Unabhängigkeit zu tun, das Land blieb größter Stützpunkt der USA in Asien. Erst vor zehn Jahren kündigten die Filipinos die Abkommen, und schmissen so die US-Truppen raus. Heute ist von Basketball bis Starbucks-Cafés fast alles aus den USA willkommen - nur ihre Soldaten nicht. George W. Bush wollte US-Bodentruppen gegen die Abu Sayyaf einsetzen. Die philippinische Präsidentin Gloria Arroyo sagt, sie habe das abgelehnt. Alles andere wäre innenpolitisch auch nicht durchsetzbar.

Nun sind sie doch da. Es wird möglichst wenig darüber gesprochen, die Präsidentin spielt die Rolle der US-Soldaten herunter: "Sie sind nach Zamboanga gefahren, um philippinische Soldaten zu trainieren.", sagt Arroyo in Manila. Warum flogen die GIs dann einen Tag später wieder ab? Oder waren die Uniformierten, die abreisten, vielleicht gar nicht die, die angekommen waren? Sind US-Soldaten schon gegen die Abu Sayyaf im Einsatz und eine Einheit ist ausgetauscht worden? Bereits im Oktober schickte Washington erstmals "Berater" in die Südphilippinen.

Dort, vor der Hafenstadt Zamboanga, liegen die Inseln Basilan und Jolo. Die Heimat der Abu Sayyaf sind kleine Flecken im Meer, Jolo etwa so groß wie Berlin, Basilan etwas größer. Sie sind mit Dschungel überzogen, im Inneren bergig und bewohnt von Menschen, die lieber einem muslimischen Abu Sayyaf helfen als einem christlichen Soldaten. Weil die Abu-Sayyaf-Kämpfer sich in kleinen Gruppen bewegen und in fast jedem Dorf Unterschlupf finden, sind sie schwer zu finden. Die Abu Sayyaf tat in diesem Jahr wieder das, was sie seit fast zehn Jahren tut: Menschen entführen und dann Lösegeld kassieren oder morden - vor zwei Jahren hatten sie eine Gruppe Touristen verschleppt, darunter die Göttinger Familie Wallert.

Einige Mitglieder der Abu Sayyaf kämpfen auch für einen islamischen Staat. Dafür hatten ein paar von ihnen schon in Afghanistan gekämpft und Verbindungen zu Osama bin Laden geknüpft. "Vor vielen Jahren war bin Ladens Bruder auf Basilan und hat den Bau einer Moschee unterstützt", sagt Pfarrer Angel Calvo, der 19 Jahre lang auf Basilan gewohnt hat, "aus Afghanistan kamen auch militärische Ausbilder, Geld und Logistik nach Basilan."

Die Abu Sayyaf ist eines der wenigen offensichtlichen Ziele, die die USA im Kampf gegen den Terrorismus noch haben. Man weiß genau, wo sie sind. Außerdem hält ein Abu-Sayyaf-Führer, Abu Sabaya, seit sechs Monaten die Burnhams gefangen, ein amerikanisches Ehepaar. Eine weitere US-Geisel hat Sabaya im Juli köpfen lassen.

Präsidentin Gloria Arroyo, gilt als die größte Unterstützerin der Amerikaner in Asien. Bei ihrem Besuch in Washington im November, sagte ihr US-Präsident Bush Hilfen in Höhe von rund vier Milliarden US-Dollar zu: Kredite, Zollvergünstigungen und Militärhilfe für den Kampf gegen die Abu Sayyaf. "Meine Wunschliste war lang, ich habe zwar nicht alles, aber einiges bekommen", sagt General Angelo Reyes, der philippinische Verteidigungsminister. Die Militärhilfe aus den USA ist zum Teil schon angekommen, zum Teil noch unterwegs. "Das Transportflugzeug, einige Gewehre, Munition und moderne Geräte zum Aufspüren der Terroristen sind eingetroffen", bestätigt US-Botschaftssprecherin Karen Kelly. Washingtons Anti-Terror-Paket für das philippinische Militär ist rund 200 Millionen Mark wert: ein Transportflugzeug, acht Hubschrauber, zwei Schnellboote, 30 000 Maschinengewehre und 120 000 Magazine, 100 LKWs und 30 Millionen US-Dollar für Wartung des Geräts und Ausbildung von philippinischen Soldaten.

"Das Material nehmen wir gerne", sagt Roilo Golez, der Nationale Sicherheitsberater, "aber wir wollen keine US-Bodentruppen, da haben wir die Grenze gezogen. Die Philippinen dürfen nicht zum Schlachtfeld der USA werden." Andere Politiker sind deutlicher: "Die Amerikaner missbrauchen die Abu Sayyaf als Entschuldigung dafür, sich in Südostasien breit zu machen", sagt Norberto Gonzales, Berater von Präsidentin Arroyo mit Ministerrang. "Die Amis nutzen den 11. September aus, ihr Militär bringt jetzt weltweit überall dort den Fuß in die Tür, wo man sie lässt. Ich sag es nicht gern: Die Amerikaner sind in den Philippinen nicht willkommen."

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