Zeitung Heute : Im Einsatz gegen die Armut

Nachwuchsprogramme bereiten junge Menschen mit Berufsabschluss auf eine Arbeit in der Entwicklungshilfe vor

Horst Heinz Grimm,Silke Zorn

Eine gehörige Portion Idealismus kann sicher nicht schaden. Doch auch Flexibilität, Belastbarkeit, Fachkompetenz und eine abgeschlossene Ausbildung plus Berufserfahrung gelten als Grundbedingungen für eine Arbeit als Entwicklungshelfer. Tausende von ihnen sind derzeit im deutschen Auftrag im Einsatz – etwa in Afrika, Asien und Lateinamerika. Von der Pike auf lernen kann man den Beruf zwar nicht. Zahlreiche Organisationen bieten aber Nachwuchsprogramme und Vorbereitungskurse für angehende Entwicklungshelfer an. Und auch in Weiterbildungs-Studiengängen kann man sich mit Themen rund um die Entwicklungszusammenarbeit beschäftigen.

„Wir suchen interessierte, sozial engagierte Frauen und Männer“, beschreibt Inge Weizenhöfer vom Deutschen Entwicklungsdienst (DED) in Bonn die aktuelle Lage. Die Liste der gefragten Berufe enthält unter anderem Ärzte, medizinisches Personal mit Lehrbefugnis, Betriebs- und Volkswirte, Agrarfachleute, Wissenschaftler und Juristen. Auch konfessionelle und private Organisationen sowie parteinahe Stiftungen für Entwicklungshilfe brauchen qualifizierte Mitarbeiter für Einsätze im Ausland, auch in Krisengebieten.

Die Anforderungen sind hoch. „Unsere Bewerber müssen einen akademischen Abschluss sowie Erfahrung, möglichst im Management, vorweisen und mindestens eine Weltsprache sehr gut beherrschen“, erklärt Ulrich Heise von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Eschborn bei Frankfurt. Für die GTZ arbeiten derzeit 1200 entsandte Berater und Experten in mehr als 130 Ländern.

Erfahrung im erlernten Beruf gilt als Voraussetzung für jede Tätigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit in anderen Staaten, die heute überwiegend als beratende „Hilfe zur Selbsthilfe“ verstanden wird. Sie umfasst den wirtschaftlichen Bereich ebenso wie Bildung und Gesundheitswesen. „Ein starker Trend geht zur Unterstützung politischer Reformprozesse“, stellt Heise fest.

„Neben den beruflichen Fähigkeiten sind soziale Kompetenz, Toleranz, Flexibilität und Offenheit für fremde Kulturen unabdingbar“, erklärt Inge Weizenhöfer. Gefragt sind ferner Team- und Führungsfähigkeit. „Außerdem muss der Mitarbeiter mit Stress fertig werden können“, ergänzt Heise. Konfessionelle Organisationen verlangen die Bereitschaft, sich „mit dem kirchlichen Auftrag zu identifizieren“, wie Birte Asja Detjen vom Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) in Bonn erläutert. „Bewerber müssen sich schon kirchlich engagiert haben.“ Die Motivation unserer Leute gründet sich auf den christlichen Glauben, heißt es auch bei der katholischen Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) in Köln.

Auswahlgespräche, Informationen über den Einsatzort und Eignungstests stehen vor jeder Vertragsunterzeichnung. Bewerber erfahren auch, dass sie in den Zielländern auf klimatisch schwierige Bedingungen, soziales Elend, Gewalt, Korruption, reduzierten Wohnkomfort und geringere Lebensqualität treffen. Vor der Entsendung finden Vorbereitungskurse statt, am Einsatzort gibt es Betreuung und bei der Rückkehr Eingliederungshilfe.

„Der Freizeitwert ist sehr eingeschränkt“, erzählt die diplomierte Betriebswirtin Sylvana Schien von ihrer Beratertätigkeit an der Frauenberufsschule für das Hotelfachgewerbe in Kuwait. „Anpassung an die Gesellschaft ist Voraussetzung. Tanzen und Fahrradfahren müssen beispielsweise entfallen.“ Trotzdem sieht sie ihre Erfahrungen als große Bereicherung für die berufliche Zukunft: „Die Aufgaben sind sehr interessant, und man bildet sich weiter.“

Wer sich für eine Tätigkeit als Entwicklungshelfer interessiert und einen Bogen zwischen seinem bisherigen Job und der neuen beruflichen Herausforderung spannen möchte, kann bei verschiedenen Organisationen an Nachwuchsprogrammen teilnehmen. Der Deutsche Entwicklungsdienst etwa, der 1000 Entsandte in 45 Ländern beschäftigt, bietet ein Nachwuchsförderungsprogamm als „Schnupperpraxis“ an. „Der Aufenthalt ist limitiert auf ein Jahr“, beschreibt Inge Weizenhöfer dieses „Stipendium“, das neben Reisekosten und sozialer Absicherung mit 770 Euro steuerfrei dotiert ist.

Der Evangelische Entwicklungsdienst hat für den Nachwuchs das „Personalvermittlungsprogramm 24“ aufgelegt. Es richtet sich an junge Menschen mit abgeschlossener Ausbildung, die ökumenisch und entwicklungspolitisch engagiert sind, aber noch keine längere Berufserfahrung vorweisen können. 24 Monate dauert der Einsatz auf Probe, der bei einer ausländischen Partnerorganisation des EED durchgeführt wird.

Auch die Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH), der Personaldienst der deutschen Katholiken für internationale Zusammenarbeit. bietet entsprechende Traineeprogramme an: In den Zentralen der AGEH und der Partner-Organisationen Misereor und Caritas international lernen die Teilnehmer einerseits das Programm- und Projektmanagement kennen, arbeiten andererseits aber auch an konkreten Projekten im Ausland mit. Fortbildungskurse und Trainings runden das Programm ab. Die Dauer beträgt bei Caritas international zwölf, bei Misereor 24 Monate.

Bei der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit haben junge Interessenten die Wahl zwischen verschiedenen Einstiegsvarianten: Neben Praktika im In- und Ausland kann man sich entweder für ein 18-monatiges Traineeprogramm entscheiden oder sich unter Umständen gleich auf eine so genannte Junior-Position bewerben. Sie soll Akademikern mit höchstens zweijähriger einschlägiger Berufserfahrung die Chance zum Einstieg in die Entwicklungszusammenarbeit bieten.

Vorbereitungskurse für Entwicklungshelfer hat auch die Gesellschaft für Internationale Weiterbildung und Entwicklung Inwent im Angebot: Das Programm ihrer Vorbereitungsstätte für Entwicklungszusammenarbeit umfasst zahlreiche Lehrgänge und Seminare zu den unterschiedlichsten Themen – angefangen von landesbezogenem und entwicklungspolitischem Wissen über interkulturelle und sprachliche Fähigkeiten bis hin zu Management- und Beratungskompetenz im internationalen Kontext.

Wer sich auf Hochschulniveau mit der Entwicklungszusammenarbeit beschäftigen will, für den könnte das Postgraduierten-Programm des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) in Bonn das richtige sein. Jedes Jahr können dort bis zu 22 Uni-Absolventen eine neunmonatige Ausbildung durchlaufen. Im Mittelpunkt steht dabei die Arbeit in so genannten Ländergruppen, die sich mit konkreten Projekten im Ausland beschäftigen. Parallel dazu gibt es Lehrveranstaltungen zu entwicklungspolitischen Fachthemen, Kommunikations- und Methodenkompetenz.

Ein Nachdiplomstudium für Entwicklungsländer (NADEL) bietet die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich an. Das Studienangebot gliedert sich in zwei Teile: Ein Masterprogramm zur Ausbildung von Nachwuchskräften in der Entwicklungszusammenarbeit und Weiterbildungskurse, die von Fachkräften der Entwicklungszusammenarbeit einzeln oder als Paket belegt und berufsbegleitend absolviert werden können.

Bleibt noch eine Frage: das liebe Geld. Die finanzielle Vergütung für Entwicklungshelfer fällt je nach Organisation, Einsatz und Position unterschiedlich aus. GTZ-Berater verdienen zwischen 1500 und fast 7000 Euro. „Oft steuerfrei“, bemerkt Ulrich Heise. Beim DED und anderen Organisationen richten sich die Leistungen nach dem Entwicklungshelfergesetz, das den „Dienst ohne Erwerbsabsicht“ festschreibt. Gezahlt werden Unterhaltsgeld und Sachleistungen zur Sicherung des Lebensbedarfs. Knapp 900 Euro monatlich fließen aufs Konto, für den Ehepartner noch einmal die Hälfte. Dazu kommen Kaufkraftausgleich, Urlaubsgeld, freie Wohnung, soziale Absicherung, Versicherungen und diverse Einmalzahlungen. Auch der Urlaub ist geregelt. Reisekosten werden erstattet.

Obwohl sich das ganz große Geld in der Entwicklungshilfe also nicht machen lässt, ist die Nachfrage groß. Die Aussichten auf einen Vertrag schätzt Ulrich Heise dennoch optimistisch ein: „Die Chancen sind gar nicht so schlecht, wenn man die Voraussetzungen mitbringt.“

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