Zeitung Heute : Im Freizeitpark von Zinsen leben

Jahrgang 1939[leitet seit 1977 das Institut f&u]

Über die Frage, ob ihr die Arbeit ausgehe, wird eine Frau, die einen berufstätigen Ehemann, zwei schulpflichtige Kinder, ein Haus mit Garten und eine betagte Mutter zu versorgen hat, nur milde lächeln.Zwar ist sie von immer mehr hilfreichen Geistern umgeben: Waschmaschine und Geschirrspüler, Tiefkühltruhe und Mikrowelle, Staubsauger und Multimix.Mit deren Unterstützung vermag sie jedoch allenfalls mit den steigenden Ansprüchen der Familie Schritt zu halten.Wie dereinst ihre Urgroßmutter eine Tischdecke kunstvoll zu sticken - dafür hat sie keine Zeit mehr.

Auch ihr Ehemann kann sich über Arbeitsmangel nicht beklagen.Die Liste der im Haus unerledigten Aufgaben ist lang.Dabei ist er keineswegs ein Hobbybastler.Aber für vieles findet sich einfach kein Handwerker, und wenn doch, dann stehen Aufwand und Nutzen in keinem sinnvollen Verhältnis zueinander.Also macht er es selbst.So wie er auch seinen Rasen mäht und sein Auto wäscht.Abends noch eine halbe Stunde mit den Kindern - Erziehungsarbeit.Schließlich noch ein wenig Ausgleichssport, vom Arzt dringend empfohlen, nicht zum Vergnügen.

Kaum anders ergeht es der ledigen kinderlosen Nachbarin mit dem gut bezahlten, aber zeitaufwendigen Job.Müde hetzt sie aus dem Büro, um schnell noch ein paar Einkäufe zu tätigen, die Wäsche zur Wäscherei zu bringen, und in ihrer Wohnung das Notwendigste zu erledigen.Dann noch ein, zwei Anrufe und ein kurzer Brief, damit sie nicht in die Isolation gerät - Beziehungsarbeit.Und Zeit haben auch ihre alten Eltern nicht.Sie befinden sich im Unruhestand.Keinem fehlt es an Arbeit.Von Muße ist weit und breit nicht viel zu spüren.

Dennoch plagt diese Gesellschaft die ständige Furcht, ihr werde die Arbeit ausgehen.Freilich meint sie damit nicht die Arbeit, von der bislang die Rede war, sondern eine besondere: die Erwerbsarbeit.Was aber hebt diese aus der übrigen Arbeit heraus? Die Wertschöpfung, die höhere Produktivität? Mitnichten.Auch außerhalb der Erwerbsarbeit werden Werte geschaffen, wird produktiv gearbeitet.Wirtschafts- und Arbeitswissenschaftler schätzen, daß derzeit nur reichlich ein Drittel des individuellen und kollektiven Wohlstands durch Erwerbsarbeit geschaffen wird.Der weitaus größere Teil entsteht durch "sonstige Arbeit".

Was aber macht dann die Erwerbsarbeit besonders? Offenkundig der Erwerb.Erwerb heißt, daß die Leistung der Arbeit ganz unmittelbar eine Gegenleistung erheischt.Diese Gegenleistung hat mehrere Facetten.Neben dem Lohn umfaßt neben dem Lohn soziale Anbindung, Sicherheit bei Krankheit und im Alter, gesellschaftlichen Status und manchmal so etwas wie die Vermittlung von Lebenssinn.Das alles erwarten die Anbieter von Erwerbsarbeit.Sie wollen nicht nur geben, sondern auch empfangen.Doch damit lösen sie unfehlbar einen ganz bestimmten Mechanismus aus - die Verdrängung von Erwerbsarbeit.

Der Mechanismus ist einfach.Sobald Arbeit in Form von Erwerbsarbeit zum Tauschobjekt wird, versuchen alle Beteiligten, bei diesem Tausch so günstig wie möglich zu fahren.Der Anbieter von Arbeitskraft ist bestrebt, sehr haushälterisch mit ihr umzugehen.Er will sich "kein Bein ausreißen".Doch genauso haushälterisch geht der Nachfrager vor.Er ist bemüht, keine größere Gegenleistung als unbedingt notwendig zu erbringen.Wo immer er kann, möchte er sparen.Er drückt auf die Kosten, und wenn das nicht erfolgreich ist, sucht er nach einem Ersatz für die "teure" Arbeit.

Dieser Mechanismus ist so alt wie die Arbeitsteilung.Doch abhängig von Zeit und Raum verändert sich mitunter seine Wirkweise.Widersetzen sich die Anbieter von Arbeitskraft dem Kostendruck erfolgreich, fachen sie die Ersetzung von Arbeit durch andere Produktivfaktoren kräftig an.Das Arbeitsvolumen - gemessen in effektiv geleisteten Arbeitsstunden - sinkt.Können oder wollen sie sich nicht widersetzen, sinkt der Preis für Arbeit, und das Arbeitsvolumen verändert sich kaum oder steigt sogar.Beide Entwicklungen können heute, fast wie in einem Laboratoriumversuch, nebeneinander beobachtet werden: erstere in Europa, vor allem in Deutschland, letztere unter anderen in den USA.

Allerdings sind die Ergebnisse beider in einem Punkte sehr ähnlich.Sowohl dies- als auch jenseits des Atlantiks steigt die durch Erwerbsarbeit erlangte Kaufkraft seit vielen Jahren nur äußerst schleppend.Ein Großteil der Erwerbsbevölkerung ist über den Faktor Arbeit nicht mehr an der allgemeinen Wohlstandsentwicklung beteiligt.Zwar erhöhten sich in Deutschland wie in der Europäischen Union bislang die realen Stundenlöhne im Großen und Ganzen parallel zum Wirtschaftswachstum.Aber ebenso parallel verminderten sich die Arbeitsstunden.Umgekehrt nahm in den USA die Zahl der Arbeitsstunden pro Erwerbstätigen zu.Aber im Gleichschritt nahmen über lange Phasen die realen Stundenlöhne ab.

Das ist im Kern die Alternative entwickelter Volkswirtschaften: wenig Erwerbsarbeit bei Arbeitskosten oder mehr Erwerbsarbeit bei niedrigen Arbeitskosten.Das eine wie das andere signalisiert: Langsam aber sicher schwindet die Bedeutung von Erwerbsarbeit, vor allem dort, wo sie besonders nachgesucht wird - in den wissens- und kapitalintensiven und deshalb hoch produktiven, gut bezahlten, sozial abgesicherten und gesellschaftlich angesehenen Bereichen der Volkswirtschaft.Der Grund: Dort kann die Erwerbsarbeit mittlerweile am leichtesten durch den Produktivfaktor Wissen ersetzt werden.

Neu ist diese Ersetzung von Erwerbsarbeit durch Wissen nicht.Doch Quantität und Qualität der Verdrängung haben sich verändert.Früher war Wissen fest in den Hirnen von Menschen verankert.Höhere Wissensintensität bedeutete deshalb vorrangig die höhere Qualifikation von Erwerbstätigen - Verbesserung des Humankapitals.Das bedeutet es teilweise auch heute noch.Aber immer mehr Wissen befindet sich nicht in Menschenhirnen, sondern in deren Produkten: künstlichen Speichern in kleinen schwarzen Kästchen, in denen es Eigenleben entfaltet.Die Folgen: An immer mehr Stellen, an denen über viele Generationen Erwerbsarbeit, sprich Arbeitskräfte, und Kapital zusammenwirkten, wirken jetzt ungebundenes Wissen und Kapital zusammen.So entstehen aus Arbeitsplätzen Wertschöpfungsplätze, die der traditionellen Erwerbsarbeit nicht mehr bedürfen.

Zum einen schlägt sich das nieder in sinkenden Wochen-, Jahres- und Lebensarbeitszeiten.Im Durchschnitt zählt das Arbeitsjahr heute 165 freie Tage.Vor 25 Jahren waren es erst 127, vor 50 Jahren gar erst 86.In zehn Jahren wird es im Jahr mehr freie als Arbeitstage geben.Diese Entwicklung ist den meisten sehr willkommen.Das schlägt sich jedoch auch nieder in mitunter unfreiwilliger Teilzeitarbeit, befristeten Tätigkeiten oder geringfügiger Beschäftigung.Einem Drittel der Erwerbsbevölkerung stehen nur noch solche gewissermaßen "flockigen" Arbeitsplätze zur Verfügung.Einem stabilen Trend folgend wird in wenigen Jahren jeder zweite abhängig Beschäftigte keinen dauerhaften Arbeitsplatz mehr haben.Und drittens trägt diese Entwicklung zur Arbeitslosigkeit bei.Insgesamt hat sich in Westdeutschland seit 1955 das Arbeitsvolumen pro Kopf der Bevölkerung um rund zwei Fünftel vermindert, ohne daß hierunter die Wertschöpfung gelitten hätte.Sie hat sich sogar real vervierfacht.

Geht uns demnächst also doch die Arbeit aus? Ja und nein.Zwar ist das Reservoir wertschöpfender Tätigkeiten schier unerschöpflich.Doch nur ein Teil dieser Tätigkeiten ist so produktiv, also in aller Regel so eng mit Wissen und Kapital verflochten, daß er auf dem regulären Arbeitsmarkt zu Arbeitsplätzen gerinnt, die zu Packeseln für hohe Stundenlöhne, Renten- und Krankenversicherungsbeiträge, Steuern, Solidaritätszuschläge und anderes mehr taugen.Die übrigen brechen unter dieser Last zusammen und werden deshalb auf dem Markt weder nachfragt noch angeboten.Umso leuchtender blühen sie im Verborgenen.Allein durch Schwarzarbeit - von Eigenarbeit und hauswirtschaftlichen Tätigkeiten ganz zu schweigen - werden heute in Deutschland Werte geschaffen, die der Arbeitsleistung von sechs Millionen Vollzeitbeschäftigten entsprechen.

Ist dieser Trend unvermeidbar? Wer diesen Zustand mit Ge- und Verboten überwinden will, wird nicht weit kommen.Die Lösung sieht anders aus: An der Wertschöpfung der wissens- und kapitalintensiven, aber arbeitsärmeren Wirtschaftsbereiche müssen anders als bislang künftig möglichst viele dadurch teilhaben, daß sie am Produktivkapital beteiligt werden.Konkret: Die Bevölkerung muß mehr individuelles Vermögen bilden.Dann ist sie weniger auf hohes Erwerbseinkommen angewiesen und mehr an den Kapitalerträgen beteiligt.Das ist möglich.Die immer wiederkehrende Behauptung, Durchschittsverdiener seien zu größerer Vermögensbildung außerstande, ist falsch.Schlimmer noch: Durch sie werden wachsende Bevölkerungsgruppen von der allgemeinen Wohlstandsentwicklung abgekoppelt.

Daneben sind Tätigkeitsbereiche dem Markt zu erschließen, die seit langem ein Schattendasein fristen.Dienstleistungen sind hierzulande durchaus ausbaufähig.Und morgen wird es für alle ein gesellschaftlicher Fortschritt sein, wenn die Ehefrau gelegentlich eine bezahlbare Hilfe für ihre betagte Mutter findet, der Ehemann jemanden, der ab und zu den Rasen mäht, und wenn die Nachbarin ihre Einkäufe nicht alle selbst erledigen muß, sondern damit einen Einkaufshelfer betrauen kann.

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