Zeitung Heute : Im Garten der Zärtlichkeit

ANDREAS CONRAD

Kein Salz in der Suppe: Art Garfunkels empfindsamer Auftritt im Tempodrom-ZeltDas Erstaunlichste des Konzertabends gleich vorweg, diese rätselhafte Frage: Wo waren die Wunderkerzen? Noch jeder zweite Song, mindestens, lud zu einem Lichtermeer ein, doch selbst als Art Garfunkel gefühlvoll wie eh und je auf der "Bridge Over Troubled Water" spazierte, glühten nur drei, vier Flämmchen auf, und ein einsames Paar versuchte nostalgietrunken noch einmal den Klammertanz vergangener Partys.Nicht, daß die Schmusesongs das Publikum kühl ließen, im Gegenteil.Die Feuerzeuge aber blieben kalt. Eine weitere Irritation hatte es gleich zu Beginn des Auftritts gegeben: Als Garfunkel die Bühne betrat, wurde der Eingang zum Tempodrom-Zelt geschlossen, als wäre es die Philharmonie.Wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben, und sei es, daß er nur sein Bier austrinken wollte.Offenbar verlangte der Künstler für seine Darbietungen absolute Ruhe, ein vergebliches Bemühen: Der Drang nach drinnen, von einigem Rumoren begleitet, war stärker. Damit war klar, wie Art Garfunkel gesehen zu werden sich wünschte: nicht als Rock-Musiker, sondern als empfindsam konzertierender Folk-Poet, als ein die Huldigungen entgegennehmender Maestro, der sich, ganz dankbare Bescheidenheit, ebenso dezent vor seiner Gemeinde wie vor den Begleitmusikern zu verneigen weiß. Doch, doch, ein begnadeter Interpret mit einer sich gefühlvoll durch die Harmonien schmeichelnden Stimme.Noch heute nimmt man ihm ab, daß er gemeinsam mit Paul Simon Mitte der 60er Jahre zum erfolgreichsten Folkrock-Duo der Welt aufstieg.Anders als sein Kollege aber, der sich immer neue Weltmusik-Strömungen einverleibte, stagniert Art Garfunkel musikalisch, zehrt noch immer vom frühen Ruhm und setzt auf die kaum mehr glaubwürdigen Posen permanenter Ergriffenheit. Auch bekommt es den einst im Duett vorgetragenen Weisen nicht, daß sie nun im Solo interpretiert werden.Simon and Garfunkel waren kein heterogenes Paar, aber eine Spannung blieb, bei aller Harmonie, doch spürbar.Nun fehlt die Gegenstimme, der Widerpart, das Salz in der Suppe, und es siegt das ungebrochene Sentiment.Augenzwinkern, eine Andeutung von Selbstreflexion oder Ironie, doch nicht ganz abwegig nach so vielen Jahren voller Gefühl, fehlen.Selbst die scherzhafte, schon in früheren Konzerten angebotene Erklärung für den Zerfall des Duos - Arts Vorschlag, es Garfunkel and Simon zu nennen, scheiterte an Paul - vermag die Lücke nicht zu schließen. Nur selten wagte sich Garfunkel aus dem Garten zärtlicher Gefühle auf härteres, rockigeres Terrain, doch drifteten Sänger und Band dann rasch auseinander, versank die Stimme im Gedröhn.Daß der singende Feingeist zu einem alten Fetenknaller wie "Cecilia" selbst ins Tanzen gelangen würde, hin zu einer etwas exaltierteren Show, war sowieso ausgeschlossen.Schon winkten wieder liebliche Gefilde, und ein Kondor schwebte heran, begrüßt von Flötentönen aus der Konserve.ANDREAS CONRAD

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar