Zeitung Heute : Im Gleichschritt

Gelöst, fast aufgekratzt: Angela Merkel besucht Georg W. Bush. Der behauptet, er höre auf ihren Rat

Christoph von Marschall[Washington]

Sie wirkt entspannt und gelöst, als sie vor dem Blair House, dem Gästehaus des Präsidenten, in die schwarze Limousine zum Airport steigt. Auch ein bisschen aufgekratzt, als sei sie in bester Laune für weitere Gespräche. Es ist drei Uhr morgens deutscher Zeit, ihr engster Kreis wird auf dem Rückflug nach Berlin nicht viel Schlaf bekommen, dabei muss ihr Sprecher dort vom Flughafen direkt in die Regierungspressekonferenz. Aber den mächtigsten Mann der Welt trifft auch die Bundeskanzlerin nicht alle Tage.

Und doch: Wenn man diese Angela Merkel mit der Kanzlerin vergleicht, die vor knapp zwölf Monaten ihren Antrittsbesuch in Washington machte, dann ist eine damals ungeahnte Selbstverständlichkeit des Umgangs mit der Supermacht eingekehrt. Vor einem Jahr war alles neu, vorsichtig machte sie ihre Gehversuche auf höchstem internationalem Parkett, setzte ihr Mädchenlachen wie einen Schutzschirm ein. Wenn sie jetzt neben George W. Bush in der „Cross Hall“ des Weißen Hauses steht, dem von Kronleuchtern erhellten weiten Vestibül am Nordeingang, wirkt das fast wie Routine. Gut für sie und für Deutschland: Sie hatte Zeit, sich auf die Doppelpräsidentschaft in EU und G 8, dem Club der wichtigsten Industriestaaten, vorzubereiten, die Berlin mit Jahresbeginn übernommen hat. Das rot-grüne Gespann Schröder-Fischer war direkt nach dem Antritt mit dem EU-Vorsitz samt der kniffligen „Agenda 2000“ zu EU-Budget und Agrarpolitik konfrontiert und dem Kosovo-Krieg dazu, ohne Einarbeitungszeit.

Sie wolle einen Dialog mit Bush beginnen, hatte sie im Januar 2006 in Washington gesagt, einen Gedankenaustausch über die großen Linien und so eine Vertrautheit herstellen, in der man Differenzen aussprechen kann, ohne in Konfrontation zu enden. Sechs Mal haben sie sich seither getroffen, erwähnt sie beiläufig in der Pressekonferenz.

Das Konzept trägt Früchte. Natürlich, sie hat nicht die Macht, US-Politik zu verhindern oder dem Präsidenten einen Meinungswechsel aufzuzwingen. Aber der Umgang hat sich verändert. Vor einem Jahr hatte Merkel das Gefangenenlager Guantánamo kritisiert, um nicht wie Bushs willige Helferin zu erscheinen. Diesmal fällt öffentlich kein Wort der Kritik, weder an der Irak- noch der Gefangenenpolitik. Das hat sie nicht mehr nötig, ihre Bedeutung definiert sich heute andersherum: Bush zeigt mit vielerlei Gesten, wie sehr er Merkel schätzt – und behauptet gar, dass er auf ihren Rat hört.

Er überlässt ihr das Blair House, obwohl sie diesmal nur Tagesgast ist und nicht übernachtet. Als die deutsche Kolonne am Donnerstagnachmittag vorfährt, weht dort Schwarz-Rot-Gold. Merkel geht dann zu Fuß zum Nordwesteingang des Weißen Hauses. Er lobt das Wildschwein-Barbecue bei seinem Besuch in Mecklenburg-Vorpommern; Laura und er könnten nichts annähernd so Gutes zum Dinner anbieten.

In der Pressekonferenz macht er ihr gleich zwei politische Geschenke. „Die Kanzlerin hatte die gute Idee, das Nahostquartett zu aktivieren“, befördert er sie zur Initiatorin einer neuen Friedensinitiative. Mehr noch, zur Unterstützung werde Condoleezza Rice rasch in den Nahen Osten reisen und dann „nicht nur mir, sondern auch Merkel berichten“, betont er. Kaum glaublich, die US-Außenministerin erstattet gleichermaßen Präsident und Kanzlerin Rapport! Zweitens verspricht Bush, mehr für den Klimaschutz zu tun. Den Streit um das KyotoProtokoll wolle man hinter sich lassen, er werde „mit voller Kraft“ Techniken fördern, die Energie sparen und Treibhausgase reduzieren.

Die respekteinflößende Kulisse und der Verlauf der Pressekonferenz bewahren davor, Merkels Einfluss zu überschätzen. Das Weiße Haus ist zwar kein großes Gebäude, von der Cross Hall auf der Nordseite kann man durch die offene Tür des Blue Rooms direkt auf die gerundete Fensterfront der Südseite blicken, hinter der sich der Obelisk des Washington Memorials in den Abendhimmel erhebt. Aber es hat eine imperiale Aura. Beiderseits der Redepulte hängen Porträts der Vorgänger George W.’s in schweren Goldrahmen, rechts Clinton, links Vater Bush. In den Fragen der US-Kollegen tauchen die Worte Merkel, Deutschland, Europa gar nicht auf. Sie konzentrieren sich auf Bushs anderthalbstündiges Telefonat mit Iraks Premier Maliki vor dem Gespräch mit Merkel. Amerika wartet auf die neue Irakstrategie, aber die will Bush erst nächste Woche verkünden. Nicht einmal den Tag will er verraten – schon „um die Spannung aufrechtzuerhalten“.

Immerhin äußert sich Bush erstmals öffentlich zu Saddams Hinrichtung. Er hätte sich „mehr Würde bei der Vollstreckung“ gewünscht und erwarte „volle Aufklärung der Zwischenfälle“. Saddam habe aber einen fairen Prozess bekommen, den er seinen Opfern verweigerte. Das „Horror-Kapitel“ in Iraks Geschichte sei nun endlich abgeschlossen.

Können europäische Mittelmächte die Supermacht überhaupt beeinflussen, hat er jemals seine Meinung nach einem Gespräch mit europäischen Partnern geändert? Bush reagiert belustigt, nicht verärgert auf die Frage des Tagesspiegel-Korrespondenten und gibt eine sehr ehrliche Antwort: Die Meinung geändert, das wäre zu viel gesagt. Aber er habe „einige Lektionen gelernt“: zum Beispiel, wie wichtig für Länder wie Dänemark oder die Niederlande die Rückendeckung der UN sei. „Ich respektiere das.“ Er habe aber „nie das Gefühl gehabt, dass die USA die Genehmigung der UN brauchen“, um Entscheidungen über Amerikas Sicherheit zu treffen.

Merkel beantwortet die ebenso direkte Frage, woran es eigentlich liege, dass der Nahostfrieden nicht vorankomme – an fehlenden Bemühungen des Westens oder an den Problemen in der Region –, und was das für die Aussichten ihrer Friedensinitiative bedeute, nicht ganz so offen. Man müsse es immer wieder versuchen. Gelingen könne es aber nur, wenn auch die Verantwortlichen in der Region Frieden mit ganzer Kraft anstreben. Sehr optimistisch klingt es nicht. Mit Syrien zu reden habe derzeit keinen Sinn, stellt sie klar, ganz in Bushs Sinn. „Good job!“, sagt der Hausherr gönnerhaft, nimmt sie am Arm und scherzt im Abgehen: „Heute keine Nackenmassage!“

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