Zeitung Heute : Im Hinterhof Berlins

Der Tagesspiegel

Von Stefan Jacobs

Oberschöneweide. Bitte nicht noch einen von diesen Oberschweineöde-Texten, sagt der Professor zum Abschied. Dabei hat sich das Wortspielchen längst vom dahergeredeten Jux zur Zustandsbeschreibung entwickelt. Heute will Klaus Wowereit den Köpenicker Ortsteil Oberschöneweide besuchen, in dem aus schmutzigen, brummenden Fabrikhallen dank Aufschwung Ost und der Berliner Landesentwicklungsgesellschaft (BLEG) prächtige tote Hüllen wurden.

Jetzt wird die BLEG liquidiert, und Oberschöneweide dümpelt vor sich hin. Wer herziehen wollte, könnte sich die Hausnummer aussuchen - nur will niemand herziehen. Das Quartiersmanagement bemüht sich nach Kräften, dem Kiez wenigstens etwas Leben einzuhauchen. Gerade wurden 600 Bäume gepflanzt, erzählt die 70-jährige Anwohnerin Ursula Glatzel. Ahorn, ganz dicht vor die Häuser, weil wenig Platz ist. Ein Händler habe noch gefleht, man solle ihm den Zugang zu seinem Laden nicht verbauen - vergeblich. Als Nächstes will das Quartiersmanagement angeblich Bänke in die Wilhelminenhofstraße stellen, was ungefähr so reizvoll wäre wie ein Spielplatz auf dem Mittelstreifen der Avus.

Für diesen Montag also haben der Professor und Frau Glatzel und die anderen vom Projekt „Organizing Schöneweide“ den Regierenden Bürgermeister eingeladen. Sie wollen ihn herumführen, weil die schönen Fördermittelgräber und die entvölkerten Straßen mehr erzählen als die gedruckte Zahl 15 Prozent, die den Anteil der noch genutzten Industrieflächen beziffert. Sie wollen Wowereit fragen, ob denn nun die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) nach Oberschöneweide kommen wird.

Seit Jahren diskutiert der Senat eine Verlegung des Campus aus dem nahen Karlshorst, denn dort fehlt der Hochschule Platz zum Wachsen. Ein Campus in Schöneweide wäre die Initialzündung, hoffen die Bürger – für die Wohnungswirtschaft ebenso wie für den Schuhladen und das Fotogeschäft, die bis heute überlebt haben. 8000 FHTW-Studenten könnten dem Kiez das zurückgeben, was ihm mit den 25 000 Arbeitsplätzen aus Kabel-, Transformatoren- und all den anderen Fabriken verloren gegangen ist, sagen sie. Deshalb hoffen sie auf ein Ja vom Senat. Oder notfalls auf ein Nein. Hauptsache, es kommt endlich ein klares Wort.

Professor Leo Penta ist der Initiator von „Organizing Schöneweide“. 1996 kam der studierte Philosoph und Theologe aus den USA an die Katholische Fachhochschule nach Berlin und brachte die Studienrichtung „Community Organizing“ mit. Er will da ansetzen, wo die Rezepte der Politik versagen. Ende der 70er Jahre, als New York finanziell und politisch am Abgrund stand, nahm er sich als Priester mit ein paar Aufrechten das völlig verwahrloste Brooklyn vor. Mit Geld von Kirchen, Stiftungen, Spendern und Sponsoren reaktivierten sie die verbliebene soziale Infrastruktur und bauten 25 00 preiswerte Reihenhäuser, um den Slum auf Durchschnittsniveau zu hieven. Es klappte.

In Schöneweide gibt es keine starke Kirche, aber ein paar Unternehmen, die bei „Organizing“ mitmachen: zum Beispiel die Köwoge, die die leeren Wohnungen verwaltet. Außerdem den Bäcker, der durchgehalten hat, und Samsung, das im einstigen Werk für Fernsehelektronik weiter Bildröhren produziert. Weiter gibt es gemeinnützige Vereine und ein paar Privatleute, die den Niedergang bremsen wollen. Leute wie Ursula Glatzel.

Über vier Millionen Euro kosteten die noblen Industriebrachen den Senat jährlich, sagt sie. Deshalb solle er lieber die Fachhochschule umquartieren, statt ihr in Karlshorst neue Flächen zu mieten. Frau Glatzel und den Professor eint ihr Sinn fürs Praktische. „Wir treffen uns, um etwas zu tun.“ Ihre Taktik funktioniert etwa so, dass sie regelmäßig nett mit den Leuten plaudern und sie jetzt zu Wowereit mitnehmen, damit der sieht, dass den Menschen hier nicht alles egal ist. Das ganze Projekt lebt von Eigeninitiative und Beziehungsgeflechten.

Der Unterschied zum Filz ist, dass „Organizing“ keine Abhängigkeiten schafft. „Organizing ist die Umsetzung der Demokratie“, sagt Professor Penta. Er glaubt nicht, dass die Lethargie in Berlin größer ist als in New York. Aber die Mentalität, dass der Staat schon machen oder zumindest zahlen werde, scheint ihm ausgeprägter. Deshalb rät er Berlin, sein Finanzdesaster mit noch mehr Getöse zu vermitteln, damit auch der Letzte begreift, dass von oben keine Almosen mehr zu erwarten sind.

„Organizing Schöneweide“ will mehr sein als eine Bürgerinitiative. Sich nicht nur um ein Projekt kümmern, sondern Visionen entwickeln. Nicht gegen, sondern für etwas kämpfen. Also auch einen Plan B entwerfen, falls sie die Fachhochschule nicht holen können. Die Umsiedlung könnte auch deshalb schwierig werden, weil Karlshorst zu Lichtenberg gehört und die Bezirkspolitiker dort nicht freiwillig auf die Hochschule verzichten werden – auch wenn Schöneweide nur zwei Straßenbahnhaltestellen entfernt ist. Mal sehen, was Wowereit sagen wird.

Falls die Hochschule in Karlshorst bliebe, hätten die Rathäusler ihren Frieden. Nur müsste für Oberschöneweide dann Plan B her, damit der Brennpunkt nicht zum Brandherd wird. Oder zur dauerhaften Wüste, über der weiter warme Regenschauer aus öffentlichen Töpfen niedergehen und versickern. Noch klingen die Vorstellungen der „Organizer“ vage. Aber sie arbeiten dran.

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