Zeitung Heute : Im Höllenschacht

Brennende U-Bahn: Über 130 Tote bei einem Anschlag im südkoreanischen Daegu

Harald Maass

Es ist zehn Uhr morgens, als der Mann die U-Bahn-Station Chungang-ro in der südkoreanischen Stadt Daegu betritt. Er trägt einen Trainingsanzug und hat einen Milchkanister in der Hand, welche Flüssigkeit er darin aufbewahrt, bleibt ein Rätsel. Kurz darauf brennt alles.

Ein Zug fährt und „als die U-Bahn die Türen öffnete, zündete der Mann im Trainingsanzug eine grüne Plastikflasche mit dem Feuerzeug an und schmiss sie in den Waggon. Dann rannte er weg“, sagt der 64-jährige Chon Yoong-nam. „Immer wieder versuchte er sein Feuerzeug anzuzünden“, erzählt ein anderer Augenzeuge dem südkoreanischen Fernsehen. Ein älterer Passagier habe den Mann noch angeschrien, dass er aufhören sollte. „Dann ließ er das Feuerzeug fallen und der Zug fing Feuer“, sagt der Zeuge.

Innerhalb von Sekunden verwandeln sich die Waggons in eine brennende Falle. 400 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, befinden sich in den Waggons und in der unterirdischen Haltestelle. Panik bricht aus. Ein Mann ruft seine Frau auf dem Handy an: „Helft uns! Die Türen sind verriegelt.“ Dann bricht die Verbindung ab.

Daegu, die drittgrößten Stadt Südkoreas, war im vergangenen Sommer Spielort der Fußball-Weltmeisterschaft, 2,5 Millionen Menschen leben hier. Die Innenstadt säumen mehrstöckige Betongebäude und Einkaufspassagen. Auf der städtischen Webseite ist der normalerweise ruhige Alltag der Stadt in Zahlen ausgedrückt: 40 Hochzeiten gibt es durchschnittlich an einem Tag und 18 Scheidungen. 78 Babys werden geboren, 30 Menschen sterben. Normalerweise. Am Dienstag wurde die Stadt jäh aus ihrer Normalität gerissen.

Als die ersten Löschzüge den U-Bahnhof erreichen, rennen den Feuerwehrmännern brennende Menschen aus dem U-Bahn-Schacht entgegen. Flammen schlagen in die Luft, dichter schwarzer Rauch hängt in den Schächten. Stundenlang kämpfen die mit Atemmasken ausgerüsteten Feuerwehrmänner gegen die Flammen. Vergeblich. Als sie zu den Waggons vordringen, ist die gesamte U-Bahn-Station bereits zerstört, die Deckenverkleidung heruntergebrochen. Auf dem Boden liegen überall schwarz verkohlte Leichen. Mehr als 100 Tote ziehen die Männer bis zum Abend aus den völlig verbrannten Wagen der U-Bahn. Dutzende Überlebende werden mit schweren Verbrennungen in den Krankenhäusern der Stadt behandelt. „Die Zahl der Opfer wird noch steigen“, sagt ein Sprecher der Polizei. Noch an der Unglücksstelle nimmt die Polizei einen Tatverdächtigen fest. Mehrere Augenzeugen hätten den 56-Jährigen Mann mit dem Nachnamen Kim als mutmaßlichen Täter identifiziert, sagt ein Behördensprecher.

Spät am Abend, als die erschöpften Feuerwehrmänner ihre Gasmasken ablegen und die Suche nach Überlebenden schließlich aufgeben, warten Angehörige und Bewohner Daegus an der Unglücksstelle. Noch immer werden Hunderte Menschen vermisst. Die Polizei hängt Listen mit Namen von Toten und Verletzten aus. Doch die meisten Leichen sind so verbrannt, dass sie sich zunächst nicht identifizieren lassen. „Wenn sie jetzt noch nicht raus ist, ist sie wahrscheinlich tot“, ruft die in Tränen aufgelöste Chung Sook-jae. Ihre 26-jährige Tochter war mit dem Zug unterwegs und hatte ihren Mann mit dem Handy alarmiert. „Sie war ein gutes Kind. Warum musste ihr das passieren?“, ruft die Mutter.

Über das Motiv des mutmaßlichen Attentäters Kim rätseln die Behörden. Polizei und südkoreanische Regierung gehen davon aus, dass er kein politisches Motiv hatte. Der Verdächtige sei ein geistesgestörter Einzeltäter, heißt es. Der angeblich gehbehinderte Kim soll gegenüber seiner Familie mehrmals mit einem Brandanschlag gedroht haben.

Noch ist unklar, wie sich die Flammen so schnell in dem Waggon ausbreiten konnten. Viele Überlebende berichteten zudem, dass die Türen der U-Bahn sich nicht öffnen ließen. Die U-Bahn-Linie hatte man erst 1997 in Betrieb genommen, und die Züge hätten eigentlich mit modernem Brandschutz ausgerüstet sein müssen. Möglicherweise wurde bei dem Bau der U-Bahn in Daegu gepfuscht. Schon 1995 hatte sich bei den Bauarbeiten ein Unglück ereignet. 105 Menschen starben damals bei einer Gasexplosion in einer Station der unterirdischen Linie. „Wäre eine solche Katastrophe wie am Dienstag passiert, wenn die U-Bahn-Station richtig ausgerüstet gewesen wäre und eine Belüftung und Notfallvorrichtungen gehabt hätte?“, fragt ein südkoreanischer Journalist.

Viele erinnert das jüngste U-Bahn-Feuer an frühere Katastrophen in ihrem Land wie den Einsturz der Sungsu Brücke und des Sampoong Kaufhauses. Mängel am Bau hatten beide Unglücke verursacht, Dutzende Menschen kamen damals ums Leben.

Möglicherweise ist Kim ein Nachahmungstäter. Vor einigen Wochen hatte in China ein Mann eine mit Benzin gefüllte Trinkflasche in einem Flugzeug ausgeschüttet und in Brand gesteckt. Der Fall, bei dem der Mann überwältigt und der Brand gelöscht werden konnte, hatte auch in Südkorea Schlagzeilen gemacht. Einige Zeitungen zogen am Dienstag auch Parallelen zu dem U-Bahn-Anschlag 1995 in Tokio, als die Aun Shinrikyo-Sekte mit Giftgas zwölf Japaner getötet hatte.

Das Unglück von Daegu trifft die Südkoreaner in einer Zeit, in der viele Angst vor einem Krieg mit Nordkorea haben. Seitdem der Erzfeind in Pjöngjang im Oktober sein Atomprogramm wieder aufgenommen hat und den in Südkorea stationierten US-Truppen mit einem Angriff droht, befürchten viele Terrorangriffe aus dem Norden. „Der Anschlag von Daegu zeigt die Verletzlichkeit unserer Nation gegenüber der Außenwelt, wo Terroranschläge gegen Zivilisten die Menschen bedrohen“, schreibt eine Zeitung. Auf der offiziellen Webseite von Daegu steht seit gestern eine kurze Nachricht: „Die Menschen in Daegu trauern um die Toten.“ Und um ihre verschwundene Normalität.

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