Zeitung Heute : Im Internet scheint die US-Vormachtstellung zementiert

FRANK BERBERICH

Längst ist es kein Geheimnis mehr, daß die freien Domains, also quasi die Adressen für Angebote im World Wide Web, knapp werden.Dies gilt um so mehr für die begehrten .com-Domains.Eine Umstrukturierung des Vergabeprozederes sowie der Namenskonventionen scheint unvermeidbar.Doch um das wie und wann wird heftig gestritten - nicht zuletzt zwischen den USA und der Europäischen Gemeinschaft.

Um einen bestimmten Rechner im World Wide Web (WWW) ansteuern zu können, muß dieser über eine exakte digitale Anschrift verfügen.Die wiederum besteht aus einer Kombination von Zahlen, der sogenannten IP-Adresse.Um dem Anwender das Eintippen der daraus resultierenden Ziffernkolonnen zu ersparen, wurde bereits kurz nach der Geburt des WWW ein zusätzlicher Dienst eingeführt, der Domain Name Service (DNS).Er erlaubt es, daß jeweils einer Zahlenfolge eine Domain zugeordnet wird.So ist es möglich, das WWW-Angebot des Tagesspiegel über die URL http://www.tagesspiegel.de zu erreichen.Dabei markiert "Tagesspiegel" die Domain, die Endung ".de" wird als Top-Level-Domain bezeichnet und zeigt an, daß der Server in Deutschland angesiedelt ist - zumindest aber, daß es sich um ein von Bundesbürgern oder deutschen Unternehmen unterhaltenes Angebot handeln muß.

Die länderspezifischen Top-Level-Domains werden von lokalen Internet-Zugangs-Providern für ihre Kunden bei der jeweils zuständigen Zentralstelle beantragt.In Deutschland hat bislang DE-NIC, also das Deutsche Network Information Center unter www.de-nic.de die Oberhoheit über die .de-Domains.Doch neben den Landeskennungen existieren acht weitere Endungen: .com und .int (internationales Angebot), .net (für Netzwerk), .org (Non-Profit-Organisation), .arpa und .mil (Militär), .gov (Regierung) sowie .edu (Bildungseinrichtungen).Hier sind es besonders die .com-Domains, die begehrt sind und langsam knapp werden.

Diese internationalen Top-Level-Domains wurden von der US-amerikanischen Network Solutions Incorporated (NSI) unter www.netsol.com , die zum Dunstkreis des Pentagon zählt, vergeben.Das führte dazu, daß europäische Staaten, aber auch Australien oder China und Japan, bei der Beantragung solcher Domains stets im Hintertreffen waren.Doch das NSI-Monopol ist gefallen - rund 90 Unternehmen in den USA vergeben bereits die Top-Domains, offiziell endet der Vertrag zwischen Regierung und NSI am 30.September.Trotzdem: Die Regulierung des Web lag und liegt in US-amerikanischen Händen.

Bereits Anfang 1997 wurde festgelegt, daß aufgrund von Vergabestreitigkeiten und der erwähnten Knappheit an .com-Domains weitere Top-Level-Domains hinzu kommen sollen, nämlich .arts (Kunst), .firm (Unternehmen)

Über die Domain-Bezeichnungen besteht also Einigkeit, doch die USA schossen bei der Umsetzung quer.Kurz bevor die neuen Top-Domains in Kraft treten und durch ein regierungsunabhängiges Non-Profit-Unternehmen, das bereits bestehende CORE (Council of Registrars) vergeben werden sollten, legte Ira Magaziner, Internet-Berater der Clinton-Regierung, Ende Januar ein Greenbook vor.Hierin wird gefordert, lediglich fünf neue Top-Domains einzuführen, deren Vergabe durch insgesamt fünf Unternehmen - natürlich in den USA angesiedelt - erfolgen solle.

Die Oberhoheit, also die Verwaltung der Domains und der dazu gehörigen IP-Adressen müsse, so Magaziner, einem neu zu gründenden, regierungsunabhängigen Unternehmen übertragen werden.Standort: Natürlich die USA.Diese Lösung provozierte denn auch prompte Kritik.So wurden Proteste von Seiten der Europäischen Gemeinschaft und Australiens laut gegen das Zementieren einer US-amerikanischen Hegemoniestellung in Sachen Domain-Vergabe.Bundeswirtschaftsminister Rexrodt erklärte den Plänen ebenfalls eine entschiedene Absage.Auch in Bonn hat man inzwischen die Bedeutung des Internets für die Zukunft des Landes erkannt und ist nicht bereit, sich von den USA Vorschriften machen zu lassen.

Aber die Internet Society ISOC wehrte sich.Ihr Vorsitzender David Maher äußerte gegenüber Spiegel online: "Wenn dies als eine US-Lösung von US-Problemen behandelt wird, dann werden die Menschen außerhalb der USA damit nicht glücklich sein", brüskiert sich Maher.Der ISOC-Präsident Don Heath geht die Clinton-Regierung noch härter an: "Zehn Jahre lang haben sie sich nichts aus dem Internet gemacht, dann sollen sie es auch jetzt in Ruhe lassen.Kaum mischt sich die Regierung ein, gibt es Chaos", äußerte sich Heath.

Aufgrund der Proteste hat Ira Magaziner Anfang Juni ein neues Thesenpapier vorgelegt.Dessen Kernaussage besteht darin, daß sich die US-amerikanische Regierung gänzlich aus der Internet-Verwaltung zurückzieht und diese stattdessen an ein Non-Profit-Unternehmen abgibt, das neu zu gründen sei und sich aus 15 internationalen Mitgliedern zusammensetzt, eine Art Board of Internet Directors.Zumindest in den USA stößt diese Absichtserklärung auf Gegenliebe.So zitiert das Wall Street Journal den ISOC-Präsident Don Heath mit den Worten: "Ein evolutionärer, marktorientierter Ansatz".

Heath übersieht dabei, daß der Magaziner-Report lediglich heiße Luft enthält.Weder ist klar, aus welchen Nationen die 15 Vertreter des Directors Board stammen sollen, noch wie die Domain-Vergabe konkret zu regeln sei.All dies soll das neue Unternehmen entscheiden, das die US-Regierung ab 1.Oktober 2000 in die Pflicht nehmen will, wie die Zeitung in ihrer Ausgabe vom 12.Juni berichtet.Es bleibt also spannend und chaotisch.Klar scheint nur eins: Neue Domains werden kommen, wann aber und vor allem wieviele, das entscheidet sich immer noch in den USA.Bleibt nur zu hoffen, daß künftig die Kontingentverteilung der neuen Domains sich mehr an internationalen denn an US-amerikanischen Interessen orientiert.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben