Zeitung Heute : Im Kampf um die Aufmerksamkeit der Netizens

HOLGER SCHLÖSSER

Zum Tagesspiegel im Internet soll es gehen.Rasch die Netz-Adresse in den Browser eingetippt, und schon kann man die neuesten Nachrichten lesen.So war es jedenfalls geplant.Doch statt der erwarteten Weltkugel prangt in großen, bunten Lettern "Hurra Deutschland" auf dem Bildschirm.Spätfolgen der Silvesternacht? Haben Hacker dem Tagesspiegel einen Besuch abgestattet? Weder noch - ein fehlendes "s" im Namen verursachte die Verwirrung.Eifrige Geschäftsleute haben den Tippfehler als Geschäftsidee entdeckt und sich fehlerhafte Schreibweisen von Markennamen im Internet gesichert.

Vertippt man sich, landet man auf einem fremden Angebot.Im Wettbewerb um Aufmerksamkeit in der Daten- und Kommunikationflut des Netzes scheint das eine erfolgversprechende Strategie zu sein.Je mehr Surfer man auf die eigene Seite zieht, desto teurer kann man die obligatorischen Werbebanner verkaufen.Der zur Zeit delikateste Fall dieser Art kommt aus den USA.Wer die Homepage der amerikanischen Regierung fälschlich über www.whitehouse.com und nicht unter www.whitehouse.gov aufruft, sieht sich nackten Tatsachen gegenüber.

Ein Pornoanbieter hat sich die prominente Adresse im Netz gesichert.Was ursprünglich als politische Parodie des Web-Designers Dan Parisi begann, entwickelte sich zu einem gutem Geschäft.Kein Einzelfall.Auch die NASA hatte kurzzeitig einen schlüpfrigen Namensvetter, bis die Organisation eine Sperrung der Seiten bei der zuständigen Behörde, dem Inter-NIC, erwirken konnte.Andere Unternehmer im elektronischen Markt setzten auf Tippfehler bei bekannten Markennamen und kauften Varianten von Microsoft, Philips oder der Suchmaschine Yahoo.

Ein Trend, der auch in Deutschland erkannt wurde.Der Tagesspiegel ist nur ein Unternehmen, vom dem sich René Schweier eine Variation auf den Namen sichern ließ.Daneben hält er Buchstabendreher vom Nachrichtenmagazin "Spiegel", der "Bild"-Zeitung und einer Reihe von Suchmaschinen.Daß er damit den Surfer in die Irre führt, kann er nicht glauben.Im Gegenteil, er sieht sein Unternehmen als eine Art kostenlosen Rechtschreibservice."Durch uns bekommt der Surfer doch ein Glücksgefühl, wenn wir ihm nach Tippfehlern die häßlichen Fehlermeldungen ersparen", meint Schweier ohne jeden Anflug von Ironie.

Und nebenbei könne er auch für sein Produkt werben.Das Produkt heißt, in Anspielung an den erfolgreichen amerikanischen Suchdienst "Yahoo", "Hurra" und wurde vor anderthalb Jahren von ihm und seinem Bruder gegründet.Mit dem Angebot, bei dem mittlerweile nach eigenen Angaben über eine Million Besucher im Monat stranden, kann man in mehreren Suchmaschinen recherchieren, ohne sie einzeln aufrufen zu müssen.

Um das Wohlwollen der Suchmaschinen-Betreiber ist Schweier nicht besorgt.Schließlich profitieren diese von ihm, wenn er verirrte User an sie weiterleitet.Ein Problem, das den Unternehmen durchaus bewußt ist, besonders wenn sie exotische Firmennamen wie etwa Lycos haben."Wir wissen, daß unser Name nicht ganz einfach ist und haben selbst viele Tippfehler gesichert", so Kaspar von Mellentin, Vizechef von Lycos Deutschland.Daß dennoch einige Schreibweisen übersehen wurden, stört den Manager eines mit 25 Prozent Marktanteil in Deutschland erfolgreichen Unternehmens indes nicht."Das ist kein Angriff auf uns.Nur ein verschwindend geringer Teil der Surfer kommt nicht auf unsere Seiten.Und die werden das schon merken", so Mellentin.Gelassen reagiert man auch beim Münchner Firmensitz von Yahoo Deutschland."Wir sehen das ganz locker", sagt Mediaberaterin Beate Wittek."Unser Name und unser Dienst sind so bekannt, daß der User sieht: Das ist nicht Yahoo."

Neben dem Bewußtsein seiner eigenen Größe spielt wohl auch die Grundstimmung in der jungen Internet-Branche eine Rolle: "Das Internet ist einfach freundlicher als althergebrachte Branchen.Hier helfen oft noch ein paar klärende Worte, um ein Problem zu lösen", meint Lycos-Deutschland-Manager von Mellentin.

Dabei stehen die Chancen, vor Gericht einen Unterlassungsanspruch durchzusetzen, nicht schlecht, meint Sebastian Biere, Online-Rechts-Experte an der privaten Internet-Akademie in Berlin."Die Erfolgsaussichten eines Gerichtsverfahrens sind insbesondere bei bekannten Namen nicht gering.Dabei ist es egal, ob man einen Markennamen mit oder ohne Rechtschreibfehler verwendet", so Biere.Schließlich bestünde eine Verwechslungsgefahr, da jeder Surfer auch mit den Namensvarianten das eigentliche Unternehmen verbindet.Neue Browsertechnologien könnten diese Diskussionen ohnehin überflüssig machen.Schließlich sollen sie in Zukunft eine Rechtschreibprüfung gleich mitliefern.Doch auch ohne Blick in die Zukunft, ist sich René Schweier sicher, daß der Markt heute bereits abgedeckt ist."Da ist kaum noch was Neues zu holen.Alle zugkräftigen Markennamen sind vergeben."

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