Zeitung Heute : Im Kosovo fehlt es an Nachdruck

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Nur zwei Monate zeigte die NATO-Drohkulisse Wirkung.Mitte Oktober hatte Slobodan Milosevic, um den Militärschlag abzuwenden, die serbischen Truppen aus Kosovo abgezogen und Verhandlungen über einen neuen Status für die zu 90 Prozent von Albanern bewohnte Provinz zugestanden.Nun schießen sie wieder aufeinander, die Truppen der Belgrader Zentralmacht und die Kämpfer der Befreiungsarmee UCK.Die westlichen Institutionen tragen eine gehörige Mitschuld daran.Sie haben es zugelassen, daß sich der Druck auf beide Seiten wieder verflüchtigte.Ein solcher Friedensprozeß lebt von einer inneren Dynamik, die aufrechterhalten bleiben muß, bis der Erfolg da ist.Geht der Schwung verloren, so gewinnen erst die Zweifler wieder die Oberhand, dann die destruktiven Kräfte.In den zwei Monaten hat die OSZE von den vereinbarten 2000 Beobachtern erst 600 in den Kosovo entsandt - das ist, auch unter Berücksichtigung des Organisationsaufwands und der Belgrader Verschleppungstaktik etwa bei der Visaerteilung, ein zu langsames Tempo.Der US-Vermittler Christopher Hill hat zwar in strapaziösen Pendelmissionen Kompromißpläne ausgearbeitet, aber keiner wurde zum Abschluß gebracht.

Da liegt ein Grundproblem westlicher Ansätze zur Krisenlösung: die fehlende Nachhaltigkeit.Im Moment der schlimmsten Zuspitzung sind die Regierungen zu erstaunlichen Anstrengungen in der Lage und sorgen mit großem Nachdruck für eine erste Beruhigung des Konflikts.So auch in Kosovo die Husaren-Diplomatie des Richard Holbrooke, der bereits für Bosnien den Vertrag von Dayton ermöglicht hatte, gestützt auf die Interventionsdrohung der NATO.Die Tür zu einer Verhandlungslösung für Kosovo stand weit offen.Doch dann erschlafften die Muskeln.Das Problem wurde zunehmend verwaltet, statt aktiv auf eine Lösung zugetrieben.So etwas geschieht schleichend, oberflächlich sieht vieles nach großen Aktivitäten aus.Die OSZE begann Kandidaten für die Beobachter-Mission zu sammeln.Europäische NATO-Staaten, die bei der Gelegenheit auch gleich beweisen sollten, was sie ohne die Amerikaner vermögen, bauten eine Schutztruppe in Mazedonien für den Fall auf, daß die OSZE-Beobachter in Kosovo bedroht werden.Ein wackerer Vermittler sondierte Kompromißformen zwischen einer rechtlosen Provinz, zu der Milosevic Kosovo gemacht hatte, und der von den Albanern geforderten Eigenstaatlichkeit - die Aufwertung des Kosovo zu einer dritten Republik neben Serbien und Montenegro wäre eine allen zumutbare Lösung.

Mit dieser Aufteilung des Problems in Portionen verschwand Kosovo jedoch von der Prioritätenliste der Kabinette.Bill Clinton hatte mit Monica und Irak zu tun.In Großbritannien, Frankreich und Deutschland ließen innere Reformvorhaben und EU-Aufgaben kaum Energie für den Balkan.Alle waren es zufrieden, daß das Problem zwischengeparkt war.Ein Frühwarnsystem, das Kosovo auf die internationale Tagesordnung setzt, bevor erneut geschossen wird, fehlt offenbar.Hätte ein Holbrooke, eine Madeleine Albright oder der NATO-Generalsekretär sich die taktierenden Streithähne rechtzeitig zur Brust genommen, müßte man heute nicht die Hände ringen.

Dennoch: Für Schwarzmalerei, der Frieden sei bereits endgültig verloren, besteht noch kein Anlaß - vorausgesetzt, der Westen nimmt die Aufgabe nun ernst.Dafür sind nun größere Anstrengungen nötig, um Slobodan Milosevic, aber auch die albanische Befreiungsarmee wieder auf Vergleichskurs zu bringen.Milosevic ist, abermals, vor Augen zu führen, daß er die letzten Teile des alten Jugoslawien verspielt und Luftangriffe auf die serbischen Truppen riskiert, wenn er den Kompromiß hintertreibt.Die UCK ist an die bittere Erfahrung des Sommers zu erinnern, daß sie das Ringen militärisch nicht gewinnen kann, sondern mit Kämpfen nur das Leid der Zivilbevölkerung vermehrt.Sich selbst aber müssen die westlichen Regierungen mahnen, daß sie mit der Einmischung im Kosovo auch eine Verantwortung übernommen haben, die sie nicht nur von Fall zu Fall wahrnehmen können.Es ist Zeit für eine diplomatische Mission im Holbrooke-Stil, die diesmal jedoch in eine Dayton-Konferenz für Kosovo münden muß, aus der Albaner und Serben nicht entlassen werden, ehe sie nicht eine endgültige Abmachung getroffen haben.

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