Zeitung Heute : Im Kreis der wilden Frauen

SPIELZEIT EUROPA Sasha Waltz knüpft in „Continu“ an ihre großartigen Museumsprojekte an

SANDRA LUZINA

Mit ihren beiden Museumsprojekten machte Sasha Waltz im vergangenen Jahr Furore. Im März 2009 gestaltete sie mit 70 Tänzern und Musikern einen choreografischen Parcours zur Einweihung des Neuen Museums von David Chipperfield in Berlin, im November folgte die Inauguration des MAXXI von Zaha Hadid in Rom. Wie Waltz die leeren Räume mit Energie und Emotion füllte, war atemberaubend. Nach den aufregenden Exkursionen ist die Choreografin nun auf die Bühne zurückgekehrt – doch die „Dialoge 09“ lassen sie nicht los. In „Continu“ greift sie wichtige Impulse aus den Museumsarbeiten auf. Am 11. November eröffnet Waltz mit dem großformatigen Werk die „Spielzeit Europa“.

Die Choreografin hat nicht etwa nur Bausteine neu zusammengefügt. „,Continu’ ist ein durchkomponiertes Stück“, erklärt Waltz. „Ich habe einige Ideen weiterentwickelt, es ist aber auch viel neues Material hinzugekommen.“ Die Raumerfahrung, wie sie die kühnen Baumeister ermöglichen, lässt sich im Theater schwerlich wiederholen. So wurde erst gar nicht versucht, eine imposante Bühnenarchitektur zu schaffen. „Die Antwort auf die Museumsräume war der schwarze Nicht-Raum“, sagt Waltz. Doch der Raum erlaubt eine große Konzentration und Verdichtung. Im Neuen Museum führte Waltz zum Finale ihre Tänzer im Treppenhaus zusammen. Die Dynamik der Gruppe erkundet sie auch in „Continu“, das für 24 Tänzer konzipiert ist und auf Kompositionen von Varèse und Xenakis basiert. „Ich wollte herausfinden: Wie funktioniert diese Gruppe? Und die Energie der Musik von Varèse mit dem vielen Schlagwerk verlangt geradezu nach einer Gruppe“, erklärt Waltz. Die Gruppe ballt und drängt sich zusammen, wird zur wütenden Masse, zur Woge, die alle mitreißt. „Die Kraft der Gruppe wird ins Extrem getrieben. Alles bleibt aber in der Form.“

Waltz choreografiert Aufruhr und Aufbegehren – hier werden Urgewalten, archaische Leidenschaften beschworen. Sie hat aber auch mit Trancezuständen experimentiert. Und knüpft an archetypische Bilder wie das der „wilden Frau“ an. Wenn ein Haufen unbezähmbarer Frauen dann auf eine Horde entfesselter Männer trifft, wird daraus ein dunkles Ritual.

„Continu“ besteht aus zwei Blöcken und einem Prolog. Während in der ersten Hälfte die 24 Tänzer immer anwesend sind, treten in der zweiten Hälfte Duos und Trios in den Vordergrund. „Im schwarzen Teil geht es um die Verankerung mit der Erde, um die Triebe und das Begehren. Der weiße Teil ist der geistige Teil. Man schaut nun aus einer gewissen Distanz auf sich selbst.“

Die Kontinuität, die der Titel „Continu“ verheißt, spielt in erster Linie auf den Kreislauf der Natur an. Doch er lässt sich auch auf die künstlerische Produktion von Waltz beziehen. Denn sie hat ja vorgemacht, wie man das eigene Werk immer wieder neu befragt und dekonstruiert. Das brachte nicht nur andere Lesarten des Körpers hervor – auch das Menschenbild hat sich vertieft. „Es gibt in ,Continu’ viele Schichten und auch eine formalistische Ebene. Es wechselt beständig zwischen den Ebenen und dringt immer tiefer in die menschliche Seele vor“, betont Waltz.

Kontinuität meint Fortsetzung, aber auch Wandlung und Veränderung. Und so macht es durchaus Sinn, dass Waltz eine Woche nach der Premiere von „Continu“ im Radialsystem die Uraufführung „Métamorphoses“ herausbringt. „Es gibt in den Museumsprojekten viele Choreografien, die autark sind, in sich geschlossene Duette, Quartette und Gruppenstücke, die ich nicht aufgebrochen habe“, erläutert Waltz. In „Métamorphoses“ werden nun choreografische und musikalische Elemente, die im Dialog mit der Architektur des Neuen Museums entstanden sind, neu ausgelegt. Verlässlicher Partner der Tänzer ist wieder das Solistenensemble Kaleidoskop. „,Métamorphoses’ ist die eigentliche Reaktion auf die Museumsprojekte – da wird man vieles wiedererkennen“, unterstreicht Waltz. „,Continu’ ist dagegen ein völlig neues Stück geworden.“ SANDRA LUZINA

Haus der Berliner Festspiele, 11.-14.11., 20 Uhr

Radialsystem, 19. u. 21.11., 20 Uhr, 20.11., 19 Uhr

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