Zeitung Heute : Im Kriegsgetümmel allein gelassen

HENRY STEINHAU

CD-Rom: Das Zeitalter des Dreißigjahrigen KriegesHENRY STEINHAUDie Arbeitsräume von Geschichtsschreibern des 17.Jahrhunderts stellen das Szenario der vom Freien Historiker Büro Bergisch Gladbach erarbeiteten CD-ROM, die sich mit der ereignisreichen Epoche des dreißigjahrigen Krieges auseinandersetzt.Mit der Maus bewegt man sich in dem computergrafisch erzeugten Abbild eines damaligen Schreibzimmers, mit Schreibtisch, Schreibutensilien, Büchern, Karten, Gemälden und vielem mehr.Die verstreuten und interaktiven Gegenstände symbolisieren jeweils eine Kapitelüberschrift, sie wird im unteren Bildrand angezeigt, sobald man mit dem Mauszeiger über das Objekt "fährt". Auf diese Weise und von stimmiger Musik untermalt läßt sich die Epoche vom 16.zu 17.Jahrhundert im entdeckerischen Stil erschließen, das hat etwas von Herumstöbern.Eine spielerische Komponente kommt hinzu, denn es gilt in den Räumen drei versteckte Gegenstände aufzuspüren, wie einen Schlüssel zu einer Schatulle, um das Geheimnis eines historisch aussagekräftigen Bildes zu lüften. Wenn allerdings ein Symbol und damit ein Kapitel aktiviert ist, folgt in aller Regel ein vertonter Bildervortrag, wie er linearer kaum sein könnte.Eine geschulte Stimme liest historische Daten, Erkenntnisse und Zitate vor, allerdings textlich so dicht gepackt, daß auch Geschichtsbeflissene Schwierigkeiten haben dürften, dem Redefluß zu folgen.Das Entschlacken der anstrengenden Satz-Kaskaden würde nach Meinung des Rezensenten den Lerneffekt erhöhen; die Texte zudem nachlesbar "beizupacken" wäre die für Multimedia adäquate Umsetzung. Wohl aus Mangel an Bildmaterial kommt es bei vielen der Vorträge ­ die Interaktivität besteht hier leider nur aus Vor- und Zurückblättern ­ zu langatmig wirkenden Sequenzen, weil ein und dasselbe Motiv (zu) lange im Bild "steht" beziehungsweise immer und immer wieder eingesetzt wird.Und weil dann oft gar nichts zu klicken ist, verliert die CD-ROM an diesen Stellen ihren speziellen Reiz, erstens interaktiv zu sein und zweitens in der dynamischen Kombination verschiedener Medientypen zu glänzen. Schade, denn an mangelnden handwerklichen Fähigkeiten der Produzenten mangelt es gewiß nicht.Die Verknüpfung von 3D-Umgebung, Musikuntergrund und weiteren Funktionen etwa läuft generell sehr glatt ab.Im Bücherregal finden sich sowohl ein Inhalts- als auch ein Stichwortverzeichnis, die den direkten und vom Programm auch schnell ausgeführten Sprung ins jeweilige Unterkapitel ermöglichen.Ist der Sprung vollführt, fühlt man sich jedoch etwas verloren, weil man direkt in einem der Vorträge landet, und es fehlt der Zusammenhang.Hinzu kommt, daß innerhalb der Vorträge nur eine Indizierung des Unterkapitels, aber keine des eigentlichen Kapitels erfolgt. So entsteht auf die Dauer der Eindruck einer zwar liebevoll gestalteten und sehr atmosphärisch umgesetzten, aber vom Lernerischen her unbefriedigenden "Vortragsabrufmaschine".Viel zu selten werden Fragen gestellt, viel zu wenig wird man als Nutzer in "Geschichte" einbezogen.Wenn etwa auf einer historischen Weltkarte unter fünf gekennzeichneten Regionen jene zwei zu finden sind, in denen der Pfeffer wuchs, dann ist das ein Abfrage-Spielchen auf einfachstem Niveau.Was gäben die Erkenntnisse von Isaac Newton und Nikolaus Kopernikus, die Thesen von Martin Luther oder die Zusammenhange von Wirtschaft, Krieg und gesellschaftlichen Umbruchen nicht alles für Stoff her, um eine wirklich interaktive "Exploration" zu realisieren! Das Zeitalter des Dreißigjahrigen Krieges, MicroMediaArts & Freies Historiker Büro, kostet im Handel rund 100 DM.Systemvoraussetzungen sind ein Multimedia-PC ab 486er DX und Windows 3.11/95 oder ein vergleichbarer Macintosh ab 68040

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