Zeitung Heute : Im Labyrinth aus Stahl

17 Stockwerke, 3000 Räume, keine Fenster. Das ist der US-Flugzeugträger „Connie“. Hier ist der Irak-Krieg schon ein bisschen Wirklichkeit. Seit knapp einem Monat fliegen 115 Piloten von hier täglich in Feindesland. „Ich tue es für meine Familie“, sagt einer von ihnen.

Andrea Nüsse

Im Fernseher an der Decke läuft gerade eine Verfolgungsjagd auf der Brooklyn-Bridge, als Leutnant Taylor Nekomoto den engen Ankleideraum betritt. Der Song „New York, New York“ von Frank Sinatra läuft dazu, doch Nekomoto, genannt Tattoo, hört nicht hin. Er muss sich konzentrieren, denn gleich wird er zu seiner nächsten Mission aufbrechen. Er trägt einen hellbraunen Overall ohne Namensschild und Rangabzeichen, dann zwängt er sich in eine mit Luftkissen gefüllte Hose, die sein Blut im Körper nach oben pressen soll. Der 29-jährige Amerikaner japanischer Abstammung hebt den linken Arm, ein Kollege steckt ihm einen Revolver, eine Sig-Sauer, 9 mm, in das Halfter unter dem Arm. Das Schild am Türrahmen beachtet er nicht: „Vergiss nie den 11. September“. Taylor Nekomoto hat die Botschaft längst verinnerlicht. Zum Schluss unterschreibt er, dass er zehn Stück Revolver-Munition mit auf seine Reise nimmt: In einer Stunde wird er mit seinem Kampfjet F/A-18 Hornet (Hornisse) vom Flugdeck der „USS Constellation“ Kurs auf den Südirak nehmen. An Bord hat er fünf Raketen.

Während die gesamte Welt mit Spannung darauf wartet, ob es einen Krieg gegen den Irak geben wird, ist dies für Taylor Nekomoto und die Mannschaft an Bord des Flugzeugträgers „USS Constellation“, genannt „Connie“, bereits Alltag. Seit dem 19.Dezember sind sie im Persischen Golf unterwegs, und die 115 Piloten an Bord fliegen täglich über dem Südirak. Außer am Weihnachtstag und an Silvester. Ihre Aufgabe bisher: zu kontrollieren, ob der Irak das Flugverbot über dem südlichen Landesteil einhält. Die Iraker sagen, die US-Flugzeuge bombardierten dabei immer häufiger Ziele am Boden. Die Amerikaner sagen, dies sei nur eine Reaktion auf Versuche der irakischen Armee, die Flugzeuge zu beschießen. Im Falle eines Krieges würden die Kampfjet-Staffeln an Bord der „USS Constellation“ die massiven Bombardements auf den Irak niederprasseln lassen, die Saddam Hussein in die Knie zwingen und den Weg für Bodentruppen frei machen sollen.

Taylor Nekomoto vom Luftwaffengeschwader Kestrels ist nur einen Meter 55 groß und ein wenig untersetzt. Er sieht anders aus, als man sich einen Kampfflieger gemeinhin vorstellt, er hat nichts von dem drahtigen und durchtrainierten Typ, den Tom Cruise in dem berühmten Film „Top Gun“ darstellt. Nekomoto sorgt sich nicht vor einem möglichen Krieg. „Wir sind bereit, dafür haben wir trainiert.“ Sein Gesicht verrät keine Regung. Bereits bei einem Einsatz der „USS Constellation“ im vergangenen Sommer ist Nekomoto über dem Südirak geflogen. Ob er dort schon Menschen mit seinen Raketen getötet hat, will er nicht wissen. „Das herauszufinden ist nicht meine Aufgabe.“ Warum er diesen Job macht? „Wir führen die Befehle von Präsident Bush aus. Ich tue das auch für meine Familie. Ich will nicht, dass ihnen dasselbe passiert wie den Opfern des 11. Septembers.“ Und wenn der Präsident sagt, dass ein Zusammenhang besteht zwischen Al Qaida und dem Irak, dann glauben ihm die Soldaten das.

Wie anstrengend Starts und Landungen auf einem Flugzeugträger für die Kampfpiloten sein müssen, kann man sich als Laie nach dem Anflug in einer Turboprop ganz gut vorstellen. Die Maschine sackt so abrupt ab, dass man das letzte Essen nicht mehr im Magen behalten kann. Danach kommt die Maschine ruckartig zum Stehen, Bücher oder Zeitungen, die man in Händen hält, würden einfach durch die Gegend fliegen. Zum Start bekommen wir Helm und Schutzbrille, werden fest in den Sitz gezurrt, dann ruft eine begleitende Soldatin „here we go“, wir kreuzen die Arme und versuchen, den Kopf nach vorne zu lehnen. Dennoch schießt einem durch die Fliehkraft beim Start das Blut so schnell in die Beine, dass man für einige Sekunden das Gefühl hat, ohnmächtig zu werden.

Gespenst an Bord

Ein Profi wie Taylor Nekomoto kennt diese Probleme natürlich nicht, dafür hat er bei jeder Landung auf dem Flugzeugträger die Sorge, eines der vier aufgespannten Stahlseile zu verpassen, welche die heimkehrenden Maschinen innerhalb von 35 Metern zum Stillstand bringen sollen. Seinem Kollegen Peterson ist dieses Missgeschick am Vortag passiert, er musste durchstarten und einen neuen Landeanflug versuchen. Über Petersons gepolstertem Sitz im Mannschaftsraum hängt nun eine weiße Gespensterpuppe mit der Aufschrift „Poltergeist“. Ein Wortspiel mit dem Begriff „bolter“, so nennt man das kurze Aufschlagen auf Deck und das erneute Durchstarten.

Auch der Kapitän der „Connie“, John W. Miller, sieht das nicht gern. Denn bei Start und Landung muss der Flugzeugträger immer gegen den Wind fahren, er ist dann verwundbar, weil er nicht manövrieren darf. Der große, etwa 50-jährige Mann im blauen Overall verfolgt das Geschehen auf dem rund 300 Meter langen Flugdeck von der Brücke aus, ein erhöhter Liegesitz, der irgendwie an einen Zahnarztstuhl erinnert.

So wie der Pilot Taylor Nekomoto versuchen alle 5000 Männer und 32 Frauen an Bord, ihre Aufgaben präzise zu erfüllen. Die Frauen arbeiten als Mechanikerinnen und Pilotinnen, genau wie die Männer. „Wir sind ein Team“, sagt der Mechaniker auf dem Flugdeck, der einen Riss in der Tragfläche von Nekomotos Jet repariert, ebenso wie der Koch in einer der sieben Großküchen an Bord. Was Leutnant Wendy Snyder, zuständig für Pressearbeit, als eine „schwimmende Stadt“ bezeichnet, wirkt eher wie eine gigantische, unterirdische Fabrik. Auf 17 fensterlose Stockwerke sind 3000 Räume verteilt, 72 Kampfflugzeuge sind an Bord, in den sieben Küchen werden täglich 18000 Mahlzeiten zubereitet, in den drei Geschäften an Bord 6000 Dosen mit Sodawasser verkauft. Gearbeitet wird rund um die Uhr in Schichten. So wuseln um Mitternacht auf dem Hangar-Deck genauso viele Mechaniker herum wie mittags um 12 Uhr. Hierher werden die Maschinen, die auf dem Flugdeck keinen Platz finden, über vier große Fahrstühle gebracht. An den Fahrstühlen haben die Ingenieure und Mechaniker die seltene Chance, einmal frische Luft zu schnappen.

Keine Privatsphäre

Ansonsten spielt sich das Leben der meisten Soldaten in einem Labyrinth aus Gängen, steilen Treppen und engen Einstiegsluken ab. Wie sie sich darin orientieren, bleibt einem als Besucher, der auch nach 24 Stunden noch nicht allein zur Toilette findet, rätselhaft. Damit hat anscheinend auch so mancher Soldat zu kämpfen. Der Bordpsychologe Denis Patrick Wood erzählt, einige Mannschaftsmitglieder bräuchten vier bis sechs Monate, um ihren Weg durch das Schiff zu finden, sich an den Lärm und die Enge zu gewöhnen. Ohrstöpsel und Lärmschützer sind nicht nur auf dem Flugdeck ein absolutes Muss. Wohnt man in Deck 03, genau unter dem Flugdeck, bekommt man beim Zähneputzen fast einen Herzinfarkt, wenn gegen 23 Uhr 30 unvermittelt ein Kampfjet über einem zum Stehen kommt. Die Ventilationssysteme in den Räumen machen einen ohrenbetäubenden Lärm, so dass man sich auch beim Essen in der Messe kaum unterhalten kann. Eine Privatsphäre hat keiner der Soldaten und Offiziere. Taylor Nekomoto muss mit zwei anderen Piloten eine Schlafkammer teilen. Das ist Luxus. Einfache Soldaten teilen mit bis zu 120 Kollegen einen Schlafsaal. Wenn Taylor Nekomoto allein sein will, zieht er den blauen Vorhang an seinem Bett zu, setzt seinen Walkman auf und versucht zu lesen. Die Soldaten müssen neben der Arbeit ihre gesamte Energie auf die Anpassung an die extremen Lebensbedingungen verwenden. So bleibt kaum Zeit über Sinn und Unsinn eines Angriffs auf den Irak nachzudenken. Auch der Psychologe Denis Patrick ist davon überzeugt, dass ein Krieg kein zusätzlicher Stressfaktor wäre. „Es wird immer um das Leben an Bord gehen, die untreue Freundin zu Hause oder die Arbeitslosigkeit des Vaters.“ Leutnant Andrew Hildebrand, der in Rosenheim aufgewachsen ist, erklärt, warum: „Hier an Bord sind wir sicherer als in Kuwait oder im Pentagon. Das Schiff ist einer der bestbewachten Plätze der Welt.“ Für die Piloten gilt das natürlich nicht.

Alle drei bis vier Tage spricht der Kapitän via Bordfernsehen an die Besatzung. Fragen können die Soldaten per E-Mail an Miller richten. Aus ihnen kann man ganz gut herauslesen, was den Soldaten so durch den Kopf geht, wenn sie an Krieg denken. Kapitän Miller hat gefordert, dass bei der morgigen Generalübung für den Angriffsfall bessere Leistungen erbracht werden. Höchstens zwölf Minuten darf es dauern, bis jeder auf seinem Posten steht. Ein Soldat fragt Miller, ob er vorher noch duschen könne. Der Kapitän antwortet geduldig: „No, we are going to fight.“

Beim 22-jährigen Aaron Spencer ist die Botschaft angekommen. Der farbige Mann mit der weißen Kochmütze arbeitet als „assistant watch captain“ in einer der Messen für einfache Soldaten. Er ist dafür zuständig, dass die Gerichte appetitlich serviert werden. Eine wichtige Aufgabe: „Ich bin verantwortlich für die Moral der Truppe.“ So ist das Essen an Bord ausgesprochen gut – Schweinebraten, Kartoffeln, Bohnen gibt es heute. Über einen möglichen Krieg macht sich Aaron Spencer so seine Gedanken: „Dann müssten wir Sandwiches machen und verteilen, weil nicht mehr alle in die Messe kommen können, das wäre sehr viel Mehrarbeit.“

Die „Raucherecke“ ist an Bord der einzige Ort zum Abschalten. Hier muss niemand funktionieren. Auf dieser kleinen Plattform direkt unter dem Flugdeck herrscht am Abend eine fast romantische Atmosphäre. Es ist stockdunkel, um die Flugoperationen nicht durch Lampen zu gefährden. Zu sehen sind allein die Glut der Zigaretten und schwarze Schemen. Eine leichte, milde Brise weht, der Persische Golf liegt ruhig da, in der Ferne leuchten die Feuer von Ölplattformen.

Ein Stockwerk höher betritt der Pilot Taylor Nekomoto das Flugdeck. In der Hand trägt er eine grüne Nylontasche, die aussieht, als ginge er damit zum Einkaufen. Doch darin stecken lebenswichtige Informationen: Landkarten, die ihm bei der Orientierung helfen, falls er abgeschossen wird. „Ich habe keine Angst“, sagt Nekomoto, bevor er in sein Flugzeug steigt, „aber ich bin besorgt.“ Er geht um seine Maschine, rüttelt an der Benzinreserve, um zu sehen, ob sie gut verankert ist. Etwa 1000 Meilen wird er in den nächsten dreieinhalb Stunden fliegen. „Ich habe mich noch einmal fünf Minuten konzentriert, denn oben in der Luft geht alles so schnell, dass man nicht mehr nachdenken kann“, sagt er. Dann klettert er über eine kleine Leiter ins Cockpit. Ein Katapult, „cat shot“ genannt, beschleunigt seine Maschine in zwei Sekunden von null auf 240 Stundenkilometer. Taylor Nekomoto schießt in die Luft und steuert zu auf Feindesland.

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