Zeitung Heute : Im Labyrinth der Hoffnungen

Tag und Nacht am Computer, verzweifelt am Telefon: Wie Angehörige nach den Vermissten suchen

Constanze von Bullion

Manchmal ist es, als wäre sie festgewachsen vor dem Bildschirm, den sie nicht mehr abschaltet, als wollte sie dieses Tor zur Hölle nie mehr zufallen lassen. Tage und Nächte verbringt Myriam Mikailov jetzt vor ihrem Computer und saugt diese Internetbilder in sich auf, die grausamer sind als alles, was sie je gesehen hat. Das Wohnzimmer, die Stadt da draußen – alles scheint zu versinken hinter dieser Galerie zerschundener und verwesender Körper, in der sie nach zwei Gesichtern sucht: nach Elin, die zehn ist, und nach Martina, die ist 14. Die Mädchen sind ihre Nichten. Und zwei von Zehntausenden, die sich der Tsunami geholt hat.

Myriam Mikailov ist 25 Jahre alt und eigentlich eine muntere Person, die in einem Neubau weit im Westen von Berlin wohnt. Sie hat einen Mann und einen kleinen Sohn und lebt jetzt in einer Welt, in der die Bilderflut jeden Tag ein bisschen mehr vom Alltag wegreißt. Im Fernsehen packen maskierte Menschen Leichen in Tüten, über den Computerbildschirm auf dem Schreibtisch flimmern immer neue Fotos von Flutopfern, die oft kaum noch zu erkennen sind.

Per Internet tote Verwandte zu identifizieren, das ist eine Beschäftigung, die in diesen Tagen Millionen umtreibt – und die nur erträgt, wer die Hoffnung nicht sterben lassen will. Einen Dschungel von Internet-Links, Chatrooms und Patientenlisten gibt es inzwischen, in dem Angehörige von Vermissten in verzweifelter Pedanterie Namens- und Bilderlisten abgleichen. Und sei es nur, um endlich Ruhe zu finden.

Myriam Mikailov erschrickt jetzt selbst manchmal über diesen eigenartigen Gleichmut, der sie umgibt wie ein Panzer. Den Kummer, den spürt sie noch nicht, und den Ekel, sagt sie, hat sie hinter sich. Kühl wie eine Chirurgin beschreibt sie dann, was sie auf Dutzenden von Internetseiten gesehen hat. „Man konnte weder Zähne noch Augen erkennen. Bei vielen Toten sind die Augenhöhlen leer, die Zunge ist zum Ball aufgeschwollen, die Haut ist bläulich-lila.“

Was bringt es, solche Bilder anzusehen? Wohin kann die fieberhafte Suche nach all den vermissten europäischen Touristen noch führen? Ist es nicht Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass nicht mehr zurückkommt, wer jetzt nicht gefunden ist? Mit solchen Fragen macht man sich unbeliebt bei vielen, die noch hoffen. Die Suche ist schon schwer genug, aber noch schwerer, so scheint es, fällt es vielen, damit aufzuhören.

„Es ist wahrscheinlich dieser innere Druck“, sagt Myriam Mikailov, die unruhig auf dem Stuhl herumrutscht, wenn sie die skeptischen Blicke ihres Mannes spürt. Dem wird ihre besessene Suche langsam unheimlich. Er weiß, dass seine Frau kein Blut sehen kann, seitdem sie als Kind einen halben Finger in einer Rolltreppe verloren hat. Manchmal fällt sie schon in Ohnmacht, wenn sie sich in den Daumen schneidet. Und jetzt soll sie unbeschadet diese Fotos überstehen?

Miriam Mikailov zuckt die Schultern, als gäbe es längst keinen Ausweg mehr aus diesem Labyrinth des Schreckens. Sie will nicht aufgeben, bis sie die Töchter ihrer Schwester Manuela Bjerre findet. Die ist mit einem Schweden verheiratet und wartete mit Mann und drei Kindern auf einen Bus im thailändischen Khao Lak, als die Welle kam. Die Mutter wurde ins Meer geschwemmt und klammerte sich an Treibholz fest. Den Vater riss die Flut ins Land, den siebenjährigen Frederik auf eine Palme. Dort haben sie ihn später gefunden. Von den beiden Töchtern aber fehlt jede Spur.

Elin und Martina Bjerre, das waren zwei Mädchen, die sie gut kannte – und zu denen Myriam Mikailov jetzt so wenig Konkretes einfällt. „Zierlich“ hat sie unter Martinas Suchanzeige geschrieben, „Silberblick oder Brille“ unter Elins. Auch die Mutter der Kinder kann nicht weiterhelfen, sie liegt mit schwerem Schock im Krankenhaus und sagt immer nur den einen Satz: „Frederik lebt noch, Frederik lebt noch.“ So, als könnte sie sich an der Rettung ihres Sohnes festklammern. Und dem Rest der Wahrheit irgendwie entkommen.

Loszulassen, das ist auch an Tag elf nach der Katastrophe für viele unmöglich. An den Stränden Asiens sieht man Menschen, die schreien und sich die Haare raufen, während unter den Angehörigen vermisster Deutscher eine verzweifelte Betriebsamkeit anhält, die alles möglich erscheinen lässt, nur nicht den Tod. Da ist Familie Wilke aus Hamburg, die ihren Sohn Martin sucht, Dutzende von Freunden alarmiert hat, täglich mit Thailand telefoniert und Interviews gibt. Oder Steffen Wagner aus Leipzig, der seiner Tochter unermüdlich Mut zuspricht und nur ungläubig zur Kenntnis nimmt, dass sein Schwiegersohn tot sein soll. Doch es gibt auch Familien, die sich auf den schwierigen Weg des Abschiednehmens machen.

Friedrich Sauerwein, das ist nicht zu leugnen, sieht blendend aus. Braun gebrannt ist er aus Thailand zurückgekehrt, ein sportlicher Mann, dem man seine 70 Jahre nicht ansieht. Jetzt sitzt er im Wohnzimmer seines Hamburger Hauses, im Kamin knistert ein Feuer, seine Söhne Thomas und Volker sind da. Fast könnte man glauben, hier erzählte einer Abenteuergeschichten. Stünde nicht das Foto einer weißhaarigen Frau auf dem Couchtisch. Neben einer brennenden Kerze und einem Strauß lachsroter Rosen.

Es ist das Geräusch, sagt Friedrich Sauerwein, das ihn nicht in Frieden lässt. „Dieses fürchterliche Rauschen, das Verfolgtwerden, das geht nicht mehr aus dem Kopf raus.“ Was da tost in seinen Ohren, ist die Flutwelle, die ihn und seine Frau Freia in Khao Lak überrollt hat. Ihm wurde etwas mulmig, erzählt er, als das Wasser sich kilometerweit zurückzog. Als es zurückkam, rannten sie schon durch die Hotelanlage. Bei der ersten Welle hat er seine Frau aus den Augen verloren. „Dann kam eine Riesenwand. Es wurde dunkel.“

Was Friedrich Sauerwein dann erlebte, kann man gut und gern ein Wunder nennen. Das Wasser drückte ihn durch die Tür eines Bungalows. Drinnen legte er erst mal den Fotoapparat aufs Bett. Binnen Sekunden stieg der Wasserpegel. Der Schrank fiel um, dann der Kühlschrank, er selbst stieg mit der Brühe zur Zimmerdecke. Als noch ein Spalt zum Atmen übrig blieb, holte er tief Luft. „Dann war es aus“, sagt er. „Da war für mich eigentlich Schluss.“

Seltsam, sagt er im Rückblick, dass im Angesicht des Todes so gar keine Panik in ihm war. So habe ich mir das Ende nicht vorgestellt, hat er nur gedacht. Dann hat es gekracht und der Bungalow ist geplatzt. Nach einer Odyssee fand Sauerwein sich im Krankenhaus wieder, und als er da am nächsten Tag rausgehumpelt kam, hatte sich diese Gewissheit in ihm festgesetzt: „Die Freia konnte gut schwimmen, aber nicht mit dem Kopf unter Wasser gehen“, sagt er. „So etwas kann die nicht überleben.“

Er sagt das sachlich und in einem Ton, der keinen Raum für Zweifel lässt. Und nur in diesen winzigen Pausen, in denen seine Augen dunkel werden und ihm plötzlich der Text ausgeht, kann man ahnen, was vorgeht in Friedrich Sauerwein. 42 Jahre ist er mit seiner Frau verheiratet, seit der Pensionierung sind sie mit dem Rucksack durch halb Asien gereist. Indien, Java, Hongkong, allein in Thailand waren sie sieben Mal. Seine Mutter war eine sensible Frau, die Asien liebte, erzählt Volker Sauerwein, der Sohn. Immer habe sie Pflanzensamen mitgebracht und zu Hause ausgesät. Er spricht, unwillkürlich, in der Vergangenheitsform.

Sein Bruder Thomas kämpft jetzt. Mit den Tränen und gegen dieses Gefühl der Ohnmacht, das ihn in Schach hält, seit sein Vater in Thailand ein Telefon fand, ohne Brille lauter falsche Nummern wählte, bis er einen Freund erreichte. Hoffnungslos habe er geklungen, erfuhren seine Kinder, und vier Tage nach dem Beben war er zurück in Deutschland. Allein. Wenn der Vater keine Chance gesehen hat, gab es keine, sagt Thomas Sauerwein tapfer.

Gesucht hat er natürlich trotzdem, hat sich die Toten im Internet angeschaut, ist wohlmeinenden Hinweisen und falschen Hoffnungen hinterhergesurft. Die Geschwister haben sich über die Hotline des Auswärtigen Amtes aufgeregt, wo man offenbar noch Tage nach dem Unglück keine Ahnung hatte, welche Krankenhäuser Listen von Verletzten und Geretteten veröffentlichten. „Man hatte das Gefühl, da sitzen Studenten, die gerade gefeiert haben.“

Die Wut hat ein bisschen geholfen. Auch die Anteilnahme der ganzen Welt. Aber jetzt wird es Zeit, eine Mutter und Ehefrau ziehen zu lassen. Aber wie macht man das, wenn es keinen Sarg gibt und keine Gewissheit? „Das Thema Abschied kommt“, sagt Thomas Sauerwein vorsichtig. „Aber ich kann das eher dort als hier auf dem Friedhof.“ Deshalb will er irgendwann nach Thailand fahren, an das Meer, das ihm seine Mutter genommen hat. Einfach nahe sein, egal, wo sie inzwischen ist.

Jetzt ist es der Vater, der besorgt aussieht. Freia und Friedrich Sauerwein haben sich mal ein Versprechen gegeben: Wenn einer in Asien stirbt, wird er dort verbrannt und die Asche ins Meer gestreut. Das Auswärtige Amt aber kündigt nun an, alle identifizierten Leichen deutscher Touristen heimzubringen. „Ich habe Angst, dass ich dieses Vermächtnis nicht erfüllen kann“, sagt Friedrich Sauerwein. Er unterbricht sich. Greift plötzlich nach einer Zeitung.

Es gibt kein Rezept gegen den Schmerz und wenig Trost in solchen Momenten. Aber es gibt Erinnerungen. Am Ende des Gesprächs verlässt Friedrich Sauerwein den Raum und kommt mit drei Kleidungsstücken zurück. Mit dem T-Shirt und der Hose, die man ihm gab, als er nur noch eine Badehose besaß. Und mit Sandalen. Die hat ihm ein Thai geschenkt, als er in diesem Tempel stand. Barfuß und zwischen Leichen, unter denen er seine Frau suchte.

Friedrich Sauerwein weiß nicht genau, was er aus diesem Unglück lernen soll. Er hat schon mal überlebt, erzählt er, kurz nach dem Krieg, als eine Granate ihm die rechte Hand abriss. Jetzt also wieder so eine Rettung, ein drittes Leben sozusagen. Ob es ihn nochmal nach Thailand führen wird, um „richtig Abschied zu nehmen“, wie er sagt, darüber kann er noch nicht reden. Falls er aber fährt, nimmt er die Sandalen mit. Und bringt sie dem Mann, der in der schlimmsten Stunde seines Lebens an seiner Seite stand.

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