Zeitung Heute : Im Land der Freien

Beidseitige Annäherung bis zur Selbstverleugnung: Angela Merkel bei George Bush in Washington

Christoph von Marschall[Washington]

Ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen? Die Gäste des Abendessens zu Ehren von Angela Merkel stoßen in der Eingangshalle der Residenz des deutschen Botschafters auf eine große Tafel mit ihrem Bild und der Zeile „Common cause freedom“. Gemeinsame Sache Freiheit? Auf Deutsch klingt das unschuldig. Aber in den USA ist „freedom“ ein klarer Bush-Begriff. 27 Mal hat der Präsident das Wort in der Antrittsrede zur zweiten Amtszeit benutzt. Unter „freedom agenda“ fällt der Plan zur Modernisierung der arabischen Welt, die orangene Revolution in der Ukraine, aber eben auch der Irakkrieg. Für Angela Merkel ist „freedom“ dagegen die „größte Überraschung“ ihres Lebens – so steht es da auf der Tafel unter ihrem Bild, ein Satz aus ihrer Regierungserklärung.

Zur Überraschung dieses Besuchs wird, wie weit der Präsident und die Kanzlerin tatsächlich aufeinander zugehen – fast bis zur Selbstverleugnung. Merkel spricht das Thema Guantanamo nicht ein Mal öffentlich von sich aus an, sondern erst, als sie am Freitagmittag im East Room des Weißen Hauses von US-Journalisten danach gefragt wird. Und da wiederholt sie ihre Kritik nicht, sondern sagt, die Europäer müssten Gegenvorschläge machen, wie man sich vor Terroristen schützen könne. Woraufhin Bush sich schützend vor sie stellt: Unter vier Augen habe die Kanzlerin ihre Bedenken durchaus geäußert. Der Präsident wiederum verzichtet darauf, die militärische Drohung gegen Iran in ihrer Anwesenheit öffentlich zu wiederholen. „Wir wollen eine diplomatische Lösung“, sagt er nur.

Beim Dinner am Abend zuvor in der Botschaft ist Deutschland zu klein. Die Tische sind nach den Bundesländern benannt, aber da „jeder in Washington die neue Kanzlerin sehen will“, wie Hausherr Wolfgang Ischinger sagt, musste ein 17. Tisch unter dem Namen „Washington“ aufgestellt werden, damit die 190 Gäste Platz finden. Die Kanzlerin trägt ein rotes Samtjackett zur dunklen Hose und ein Silberband um den Hals. Alan Greenspan sitzt zu ihrer Rechten, 18 Jahre lang hat alle Welt auf jedes Wort des Notenbankchefs gehört – selbst wenn er nichts sagte. Und Ex-Außenminister Colin Powell zu ihrer Linken. Wenn Greenspan spricht, neigt sie den Kopf zu ihm, er hat eine leise Stimme. Sehr gut sei ihr Englisch, versichert der 79-Jährige hinterher. Die Mutter, die in der DDR nicht unterrichten durfte, hat es ihr beigebracht. Er habe „Sehnsucht nach Helmut Schmidt“, sagt Greenspan plötzlich, korrigiert sich aber gleich: Das sei keine Kritik an Merkel, deren Auftritt sei „großartig“. Nur das Fachsimpeln über Weltwährungspolitik war mit Schmidt wohl leichter. Merkel „merkt man im Gespräch die Physikerin an“. Beim Plaudern mit Powell wirkt sie gelöster, immer wieder ist Lachen zu hören.

Spannungen lösen, das ist das Ziel des Antrittsbesuchs – und Merkel erfährt viele Zeichen der Ehrerbietung: Sie übernachtet im Gästehaus des Präsidenten, nicht im Hotel. Bush nimmt sich drei Stunden Zeit für sie. Die Hoffnungen auf einen Klimawechsel sind so groß, dass Merkel auf dem Flug nach Washington zu den mitreisenden Journalisten ging, um die Erwartungen zu dämpfen – damit die Reise nicht in Enttäuschung endet.

Und nun haftet ihr gleich zu Beginn das Bush-Wort „freedom“ an. „Freiheit ist die größte Überraschung meines Lebens“ – mit dem Zitat bittet Botschafter Ischinger die Kanzlerin auch ans Rednerpult. Sie quittiert es mit ihrem Mädchenlachen, das viele Amerikaner an diesem Abend bezaubert. Es ist 21 Uhr 45 in Washington, nachtschlafende Zeit nach deutschem Rhythmus. Doch müde wirkt sie nicht. US-Vizeaußenminister Nicholas Burns ist gerade wieder rechtzeitig im Saal. Während die Gäste Languste und Lobster auf Salaten der Saison genossen und sich mit einem 2002er Gau-Odernheimer Herrgottspfad auf Merkels Rede einstimmten, ist er mehrfach mit dem Handy am Ohr nach draußen geeilt. „Iran, natürlich“, bestätigt er im Vorübergehen. „Alles ist auf einem guten Weg.“ Auch die Eskalation im Atomstreit samt der Frage, auf welche härtere Gangart man sich einigen kann, hängt über dem Besuch: als Belastung oder als Chance?

Merkel geht es nicht um solche Details, nicht an diesem Abend, nicht am nächsten Tag bei Bush. Sie will einen Dialog beginnen, in dem Kritik offen ausgesprochen wird, ohne in Konfrontation zu enden. Geschickt nimmt sie Bushs Begriffe auf und füllt sie mit ihren Inhalten. Die Freiheit, die sie meint, ist oft unbequem. Das Ende des Kalten Krieges war die Erfüllung eines Traums – eben jene größte Überraschung ihres Lebens, mit der die DDR- Bürgerin Merkel „nicht vor ihrem Rentenalter gerechnet“ hatte –, aber diese Freiheit brachte auch mehr Wettbewerb und Globalisierung. „Wie reagieren Deutschland und Amerika auf die neuen Unsicherheiten – miteinander oder gegeneinander?“

Bush hat tags darauf im Weißen Haus das gleiche Ziel: sichtbar auf sie zugehen, aber ihre Aussagen auch als Bestätigung der eigenen Agenda interpretieren. Seine Kurzfassung des 90-minütigen Gesprächs unter vier Augen – „Ich habe alle anderen aus dem Raum geschickt, ehrlich!“ – beginnt mit dem Bekenntnis: Frieden sei das Wichtigste. Man habe „so lange und über so vieles geredet, weil wir so viel gemeinsam haben“. Und dann folgt das ultimative Bush-Kompliment: sie liebe die Freiheit. Phasenweise wirkt die Pressekonferenz, als sage Bush den Merkel-Text auf – und umgekehrt. So groß ist die bilaterale Fürsorge, dass der Präsident ausdrücklich Grüße an Gerhard Schröder ausrichten lässt. Und die Pressebegegnung beendet, indem er Angela Merkel am Arm nimmt. Nun sei es genug, er müsse doch noch mit ihr zum Lunch.

Die Amerikaner sind von Merkel begeistert: sie habe alles richtig gemacht. Konnte sie überhaupt viel falsch machen, wo doch alle den Erfolg so sehr wollen?

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