Zeitung Heute : Im Land des Misstrauens

Mit Kuli und Klemmbrett für die UN: 38 deutsche Soldaten sind derzeit im Südsudan. Ohne Waffen. Sie wollen Vertrauen schaffen

Ingrid Müller[Juba]

Langsam bilden sich kleine Schweißperlen unter der blonden Stirnlocke des jungen Deutschen. Zum fünften Mal versucht Christian Schneider, die UN-Zentrale im südsudanesischen Juba zu erreichen. „Juliet Golf base, this is Juliet Golf 155 mobile, Radio Check – over.“ Doch es folgt wieder nur Rauschen. Also funkt der Hauptmann seinen vor ihm fahrenden rumänischen Kollegen Nicolae Ilies an. Die beiden weißen Geländewagen stoppen, mitten in einer Herde Watussi-Rinder mit gewaltigen Hörnern. Nicolae hat Glück: „Don’t worry, be happy“, meldet er. Entwarnung. Alle halbe Stunde müssen sich Militärbeobachter auf Patrouille im Südsudan bei ihrer Basis melden. Wenn sie keinen Kontakt bekommen, müssen sie umkehren. Sicher ist sicher.

Chris – auf seiner Uniform stehen nur Vorname und Blutgruppe – und Nicolae sind zwei der 750 Militärbeobachter, die im Namen der Vereinten Nationen den Frieden im Süden Sudans sichern helfen sollen. UNMIS heißt die Mission. Derzeit gehören ihr als Militärbeobachter – in Uniform, aber ohne Waffen – auch 38 Deutsche an; vergangenen Freitag hat der Bundestag der Verlängerung des Mandats um weitere sieben Monate zugestimmt.

2005 hatten sich Khartums Machthaber im islamisch geprägten Norden mit der Rebellenarmee SPLA aus dem eher christlich orientierten Süden auf diesen Frieden geeinigt – nach dem längsten Bürgerkrieg des an blutigen Auseinandersetzungen nicht eben armen Kontinents. Fast ein Vierteljahrhundert hat er gedauert, gut zwei Millionen Menschen sind gestorben, doppelt so viele wurden vertrieben. Nun sind für 2009 Wahlen geplant, und 2011 soll der Süden über seine Unabhängigkeit abstimmen. Um das zu gewährleisten, sind 10 000 UN-Soldaten hier – schon heute die größte UN-Mission nach dem Kongo. Aber immer ist auch der barbarische Konflikt, den jeder mit dem Sudan verbindet, präsent: Darfur im Westen. Wenn von Afrikanischer Union und Vereinten Nationen endlich doch eine gemeinsame Darfur-Friedenstruppe zustande kommen sollte, wird UNMIS auch ihr Kern sein. Im UN-Hauptquartier in Khartum sind fast täglich Diplomaten zu Besuch, um zu verhandeln.

Hauptmann Chris Schneider aus Memmingen, 30, ist einer der UNMOs („Anmos“), wie sie in der UN-Sprache heißen. Sie versuchen, Vertrauen herzustellen im Land des Misstrauens. Ein Südstaatler würde noch heute oft nicht einmal einen Schluck Wasser von einem Landsmann aus Khartum annehmen. Chris Schneider hat – anders als mancher Kollege – kein Problem damit, dass er ohne Waffe, nur mit Klemmbrett und Kuli unterwegs ist. Das Gespür für eine Situation sei wichtiger als eine Waffe, sagt er. Mit seiner Patrouille rumpelt er über die Schlaglöcher auf der roten Sandpiste nach Rokon, einem ehemals heiß umkämpften Ort. Hierher fahren sie ohne bewaffnete Begleiter. Chris findet das gut. Waffen erschwerten nur den Kontakt zu den Menschen.

Vorbei geht es an endloser Savanne, immer wieder unterbrochen von kleinen Dörfern mit runden, strohgedeckten Lehmhütten, den Tukuls. Dann ein rot markierter Holzstumpf am Wegesrand, bald darauf ein Totenkopf. Rechts und links der Pisten liegen noch viele Minen. „No more pee in the bushes“, mahnt Nicolae über Funk. Keine Pipipause am Straßenrand mehr. Auch nach zwei Jahren sind erst 70 Prozent der „Straßen“ minenfrei, sagt die UN-Statistik.

Nach drei Stunden endlich Rokon. Am Ortseingang wuselt ein Menschenknäuel um einen alten Mercedes-Truck, ihr „Bus“ ist zusammengebrochen. Es wird eine ganze Weile dauern, bis sie in einer Dieselwolke weiterfahren. Die beiden schneeweißen Nissan-Patrol schnurren leise unter einem der Bäume am Ortsrand.

Dann ist erst einmal Geduld gefragt. Die Honoratioren tragen in der Mittagshitze unter dem Versammlungsbaum Plastikstühle zusammen, der hagere Ortsälteste ist in grauem Anzug, schwarzem Hut und Stock mit Knauf erschienen. Barnabas, der aus Simbabwe stammende Chef der Patrouille mit dem wuchtigen, kahl geschorenen Schädel, erklärt der Runde, dass sie Informationen sammeln, für Hilfsprojekte aber nicht zuständig sind. Das machen andere, die zivilen Organisationen der UN. Die Leute hoffen, dass nach all den Kriegsjahren etwas vorangeht. Wie fast überall in der Gegend klagen die Dorfoberen, dass es zu wenig Brunnen gibt, dass die Schule weit entfernt ist und dass es in der Krankenstation keine Medikamente gibt. Chris, der in der Sonne schon gut Farbe bekommen hat, blutet in solchen Momenten wohl das Herz. Er weiß, UNMOs dürfen keine Versprechungen machen. „Wir können keine Wasserlöcher bohren oder Schulen bauen. Aber für einen selbst wäre es schon was Schönes, eine Befriedigung.“ Er bewundert, wie freundlich die Menschen trotz all der Widrigkeiten sind und wie sie versuchen, ein würdevolles Leben zu führen.

Rund zwei Stunden werden sie unter dem Baum sitzen, fast 20 Minuten vergehen allein, bis ein Annährungswert für die Einwohnerzahl erreicht ist, sie erfahren von Hunderten Personenminen, die einer der Gesprächspartner während des Krieges wohl selbst deponiert hat, und erleben einen wütenden Dorfoberen, der sich beschwert, er habe bis heute keine Kopie des Friedensabkommens erhalten, wie er dann bitteschön mit seinen Leuten reden solle? Am Schluss findet Chris, dass es sich gelohnt hat. Diesen Optimismus teilt sein Kollege Robert Müller allerdings nicht. Er meint, dass die Leute „nur erzählen, was wir hören wollen“. Als Soldat habe er gelernt, dass man „nie seine Truppenstärke verrät“. Nie. Genau das täten sie hier auch nicht. Komme man mal richtig ins Gespräch, sei klar, die Rebellen „versuchen, sich wieder zu organisieren“.

Zum Abschied stellt sich der hagere Sayman Soro Kenibilal mit seiner dicken Hornbrille auf der Nase und Riesenlöchern in den schwarzen Socken feierlich in die Runde – alle zusammen sollen sie in die Hände klatschen. Heute hat es mit dem Vertrauen anscheinend geklappt.

So friedlich, wie es hier in Rokon erscheint, ist die Lage allerdings nicht überall. Immer wieder gibt es Zusammenstöße. Der im Friedensabkommen vorgesehene Abzug der Soldaten der Nordarmee (SAF) läuft nicht ohne Probleme – rund ein Viertel will wohl den Süden nicht verlassen. Auch mit der Entwaffnung und Wiedereingliederung der Süd-Kämpfer steht man ganz am Anfang, die Bildung gemeinsamer Einheiten kommt nicht voran, ist zu hören. Mancher sagt sogar, da habe noch gar nichts begonnen. UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon ist besorgt.

Der aus Bangladesch stammende Kommandeur des sogenannten Sektors 1 rund um die Hauptstadt des Südens, Juba, der eine Truppe aus aller Herren Länder befehligt, fühlt sich offenbar auch nicht recht wohl in seiner Haut. „Wir brauchen mehr Truppen“, sagt Oberst Elahi, ein Mann mit kurzen, dunklen Haaren und einer neckisch hochgekämmten kleinen Locke über der Stirn. In seinem Sektor seien drei Standorte vorgesehen gewesen, eingerichtet habe man dann aber fünf – ohne das Personal aufzustocken. So könne er unmöglich den nötigen Schutz gewährleisten. Dann flucht er über die Wasserversorgung. Die Schlangen an den Brunnen seien jetzt schon lang, wenn noch mehr Flüchtlinge zurückkämen, stünden statt 50 plötzlich 500 Menschen an. „Aber es gibt Fortschritt.“ Er grinst. „Stau in Juba.“

Peter Schumann, UNMIS-Repräsentant im Südsudan, kennt die Probleme. Der deutsche UN-Diplomat sitzt in einem schmalen Büro mit zwei schwarzen Ledersofas in einem der grauen UN-Container in Juba. Ihm macht ein Finanzierungsproblem Kopfzerbrechen. Für die Friedensmission stünden 1,081 Milliarden Dollar pro Jahr zur Verfügung, von denen Deutschland als drittgrößter Zahler zehn Prozent berappt, rechnet er vor. Für den Aufbau aber fehle Geld. Dafür wolle niemand zahlen, weder die Entwicklungs- noch die Industrieländer. Schumann ist deshalb auch nicht besonders gut auf die Berliner Entwicklungsministerin zu sprechen. „Frau Wieczorek-Zeul muss endlich einsehen, dass sie hier unterstützende Maßnahmen finanzieren muss. Niemand bestreitet, dass es im Westen, im Darfur Menschenrechtsverletzungen gibt, aber sie blockiert die Hilfe hier im Süden“, wettert er. Im Kosovo komme die Bundeswehr auch „mit echtem Geld und baut Brücken“. Aber vielleicht müsste die Sudan-Mission dafür auch an anderen Stellen wichtiger genommen werden. Bisher, so hat es den Anschein, interessiert sich bei der Bundeswehr niemand wirklich für einen höheren Posten. Afghanistan und Kosovo sind für Generäle wohl sehr viel karriereträchtiger als ein Kommando im staubigen Staat zwischen Arabien und Afrika.

Chris und Nicolae sind inzwischen zurück in Juba – einer der dreckigsten Städte der Welt, wie gerade erst einer der Süd-Minister klagte. Überall in dem vor Menschen explodierenden Ort, der in Zukunft gerne ein Manhattan am Weißen Nil werden möchte, liegt Müll. In den Straßen, auf den Plätzen, selbst auf dem Friedhof. Man mag sich nicht ausmalen, wie es in der Regenzeit aussehen wird. Schon jetzt schnellt die Zahl der Cholerakranken in die Höhe, die Ärzte ohne Grenzen versuchen zu helfen. Aber es gibt weder öffentliche Toiletten noch Müllabfuhr und kaum Zugang zu sauberem Wasser, sagt die Spanierin Carmen Ramirez de la Piscina. Vielleicht denkt auch sie beim Anblick des großen UN-Parkplatzes manchmal, dass man mit dem Gegenwert nur eines dieser Allradautos zehn Gesundheitsstationen aufbauen könnte.

Chris, der mittags einen Müsliriegel und einen Apfel verdrückt hat, zieht es in seine Unterkunft: ein Zehn-Quadratmeter-Container im UN-Camp, eine schmucklose Wohnschachtel, Klimaanlage inklusive. Er verfügt über ein Bett, darauf ein Moskitozelt, einen Gartentisch, zwei Stühle, einen abschließbaren Kühlschrank und drei Metallkisten, in denen er seine 128 Kilo Gepäck für die sechs Monate verstaut hat. Unterkünfte auf dem freien Markt sind rar, die Standards oft niedrig. Chris zahlt pro Nacht 30 Dollar. Ein Schnäppchen. Ein vergleichbarer Container kostet im Oasis-Camp 240 Dollar die Nacht. In der White Nile Lodge, einem Camp mit mäßig intakten Armeezelten, ohne fließend Wasser, aber mit Energiesparlampe unterm Zeltdach, sind knapp 100 Dollar fällig. Wer in Juba ein Hotel aufmachte, wäre wahrscheinlich in Kürze Millionär. Goldgräberstimmung. Auch deutsche Wirtschaftsvertreter waren jüngst da, um die Lage zu sondieren. Wenn der Frieden hält, könnte Juba mit seiner Nähe zu Uganda, Kenia und den Bergen in wenigen Jahren eine Boomtown sein.

Ein kühler Schauer wäre jetzt schön, aber Chris duscht nicht jeden Tag. Er verzieht das Gesicht: Manchmal kommt braunes Wasser aus der Brause. Sein Kollege Robert Müller weiß, dass selbst die spartanische Unterkunft hier Luxus ist. Der 41-jährige Fluglotse war weiter östlich in Torit eingesetzt. „Ein schreckliches Mistloch“ schimpft er. Selbst im UN-Areal überall Ungeziefer, „drei Toiletten für 50 Mann, ohne Putzfrau, weil die nicht bezahlt wurde“. In zwei Monaten hat er achteinhalb Kilo abgenommen, er hat von Thunfisch aus der Dose und Brot gelebt.

Chris und seine Kollegen gehen selten abends aus, sie bleiben meist unter sich. Sudanesische Freunde hat der deutsche Hauptmann nicht. Wenn er ausgeht, muss er auch schon ein paar Dollar einstecken. Hähnchen mit Pommes kosten 18 Dollar. Aber wenigstens gibt es in Juba Bier, um den Staub des Tages herunterzuspülen.

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