Zeitung Heute : Im Mauerschatten

LORENZ MAROLDT

Schön sieht sie aus, die Mauer, wie sie sich da im polierten Edelstahl spiegelt, zwar langweilig grau, aber doch kleiner, als sie in Erinnerung war, und deutlich gepflegter.Der Sand sauber geharkt, die Lampen geputzt - ein harmloser Todesstreifen.Heute kommt hoher Besuch: Die Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland und der Regierende Bürgermeister von Berlin geben sich die Ehre, einzuladen zur feierlichen Einweihung der Gedenkstätte Berliner Mauer.Wie immer, wenn in Deutschland an die eigenen Taten erinnert oder ihrer mahnend gedacht werden soll, gab es auch hier gehörigen Streit, zuletzt - na klar - um die Opfer; oder um die Opfer der SED-Diktatur; oder um die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft.Das hätte jeder gern ein wenig anders gehabt an der Bernauer Straße.

Ein paar Kilometer weiter südöstlich leuchtet frische Farbe auf einem Stück Beton, das früher Grenzbefestigung war und heute Galerie genannt wird, genauer: East-Side Gallery.Hier, an einer der häßlichsten Straßen der Stadt, ist das längste noch stehende Mauerteil dem natürlichen Verfall preisgegeben: Abgase, Verrückte und Touristen nagen am bemalten Rest.Zur Erinnerung an die Zeit zwischen dem 13.August 1961 und dem 9.November 1989 taugt der Ort nicht: Es ist hier der östliche Teil bemalt.

Was sind die letzten Stücke der Mauer wert, da es nur noch wenige gibt? Ein Amerikaner, der fünf Teile kaufte, sollte sie in New York als Zement verzollen.Er setzte seine Ansicht durch, es handle sich um "artwork".Und so steht heute mitten in Manhatten ein zwanzig Meter langes Stück der Berliner Mauer, echte Kunst, von der historisch richtigen, der westlichen Seite bemalt.In Amerika bekannt ist auch der Checkpoint Charlie.Heute ist hier das Mauermuseum, und gleich um die Ecke markieren eingelassene Pflastersteine den Verlauf der abgetragenen Mauer: ein kleiner Fremdkörper im ebenen Asphalt, zu flach, um ein Stolperstein zu sein, und für manchen wohl nicht mehr als eine vermeintliche Schlamperei der Bauverwaltung.Wer sucht, sieht hin und wieder gußeiserne Platten zwischen den Steinen."Berliner Mauer 1961-1989" ist eingraviert.

An welchem dieser Orte - an der Bernauer Straße, der East-Side Gallery, am Checkpoint Charlie oder gar in Manhatten - kann jemand, der im September zum ersten Mal wählen darf, der den Tag der Einheit als Kind erlebte, wirklich begreifen, was Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und vor dem Fall der Mauer war? Die Antwort ist einfach: an keinem.Mahnmale können Geschichte nicht reproduzieren.Das spricht nicht dagegen, welche zu haben, es nimmt ihnen aber einen Teil der Bedeutung.Das beste, was ein Mauerrest, in welchem Zustand auch immer, auf seine Weise leisten kann, ist: Interesse wecken und Fragen provozieren.Die Wahrscheinlichkeit aber, daß dies geschieht, ist gering; der Gewöhnungsfaktor an das, was im oder gar nur am Wege steht, ist groß.

In den Weg geräumt wird zu jedem Erinnerungstag auch ein großes Politikerwort - mal mahnend, mal besorgt, mal vom Kanzler, mal vom Präsidenten.Zum heutigen Tag warnt Kohl vor Radikalen gleich welcher Couleur.Was für eine beliebige Auswahl! Die Warnung gilt auch für den Tag der Machtergreifung, für die Chaostage und jeden anderen Tag.Man hat sich daran gewöhnt und vergißt, worum es eigentlich geht oder lernt es vielleicht erst gar nicht.Viel interessanter, anregender als die allgemeine Warnung vor Radikalen ist eine Frage, die erst seit neun Jahren am 13.August gestellt werden kann: Welcher Tag ist wichtiger für dieses Land - der des Mauerbaus, also der Tag der Staatsgewalt, oder der Tag des Mauerfalls, der Tag des mutigen Deutschen? Darüber lohnte es mit jungen Leuten zu reden - am besten im Schatten eines Mauerrestes.

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