Zeitung Heute : Im Namen der Welt

Die US-Regierung beauftragte schon vor einem Vierteljahr Archäologen und Islamexperten, eine Karte der Kulturschätze im Irak zu erstellen. Denn das alte Mesopotamien gilt als Wiege der Zivilisation. In einem Krieg soll dieses Menschheitserbe verschont werden.

Martin Gehlen

Die Worte stammen von dem legendären amerikanischen Weltkriegsgeneral und späteren US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower. Vor der Landung der Alliierten in der Normandie 1944 ermahnte der damalige US-Oberbefehlshaber seine Truppen, die europäischen Kulturschätze und Denkmäler zu erhalten, denn diese „stehen für die Welt, für die wir kämpfen".

Wo heute der Irak liegt, war im Altertum Mesopotamien – eine der frühesten und bedeutensten Hochkulturen der Menschheit sowie ein jahrtausendealtes Zentrum jüdischer, christlicher und islamischer Geschichte. Hier erfanden die Sumerer das Rad und entwickelten ihre Keilschrift, hier entstand das erste Gedicht der Menschheit. Hier ließ Hammurabi seine berühmte Gesetzestafel aufstellen, den wohl ersten Rechtskodex der Menschheit. Seine Gesetz solle, schrieb damals der babylonische König, „Gerechtigkeit schaffen im Land, die Betrüger und Bösen zerstören und dafür sorgen, dass die Starken nicht die Schwachen unterdrücken“.

Sollte es tatsächlich zu einem Krieg gegen Saddam Hussein kommen, wäre nicht nur die Bevölkerung des Landes in Gefahr, sondern auch das welthistorische Erbe der Region. Mehr als 100 000 Luftangriffe flogen die USA und ihre Verbündeten im Golfkrieg 1991. Vermutlich 150 000 Menschen fanden damals den Tod. Weitere 1,5 Millionen der 23 Millionen Einwohner starben an den Folgen der UN-Sanktionen gegen das Regime von Saddam Hussein, die Hälfte von ihnen Kinder.

Das Gebiet zwischen den Flüssen Tigris und Euphrat strotzt nur so vor Hinterlassenschaften aus der Zeit der Babylonier, Assyrer, Chaldäer, Sumerer und Semiten, die hier alle angesiedelt waren. Ur, Babylon, Assur, Kisch, Larsa, Ninive und Nippur gehörten zu den bedeutendsten Großstädten ihrer Zeit. Insgesamt gibt es nach Schätzungen von Archäologen etwa 10 000 historische Orte in der Region. Die Mehrzahl ist noch gar nicht erforscht und ausgegraben. Bis ins fünfte Jahrtausend vor Christus reichen manche Fundstücke zurück. Um dieses unersetzbare Erbe im Falle eines Krieges schützen zu können, beauftragte die US-Regierung im vergangenen Herbst eine Expertenkommission aus Orientalisten und Archäologen, ihnen eine Übersicht der Kulturschätze in Irak zu liefern. Eine Mammutaufgabe – und ein Rennen gegen die Zeit. Seitdem arbeitet ein Team von 40 Hochschullehrern unter der Leitung des Islamforschers Charles Butterworth von der Universität von Maryland und des Archäologen MacGuire Gibson von der Universität Chicago daran, eine Karte aller archäologischen Stätten in Irak zu erstellen.

Denn wenn das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris bombardiert werde, ginge es nicht nur um „das Erbe einer kleinen Nation, sondern um das des größten Teils der modernen Welt, einschließlich der USA", warnten die Vorsitzenden des US-Rates für Kulturpolitik und des US-Verbandes der Direktoren der Kunstmuseen, Ashton Hawkins und Maxwell Anderson, in einem Beitrag für die Washington Post. Und sollte es einen Feldzug gegen Saddam Hussein geben, schrieben die beiden Wissenschaftler, hätten die Vereinigten Staaten in der Nachkriegszeit nicht nur die Verantwortung für die Versorgung der irakischen Bevölkerung, sondern müssten auch für den Schutz der heiligen Stätten und des mesopotamischen Erbes Sorge tragen.

Die Schäden an Kulturgütern, die die alliierten Angriffe beim Golfkrieg 1991 anrichteten, waren nach dem Kenntnisstand westlicher Forscher eher gering. So fielen bei der Stadt Ur, die als Geburtsstadt Abrahams gilt, einige Bomben auf das Tempelgelände, als alliierte Kampfflugzeuge versuchten, zwei zwischen den Ruinen geparkte irakische MIG 21 Bomber auszuschalten. Eine Tempelmauer wurde durch Einschüsse aus dem Maschinengewehr eines US-Kampfjets beschädigt. Und südwestlich von Ur schaufelten amerikanische Soldaten mitten durch die Hügel des Tell el-Lahm ihre Schützengräben. Eine Reihe historischer Bauten in Bagdad und der südlichen Hafenstadt Basra wurden von Bombensplittern getroffen.

Viel verheerender waren die Folgeschäden, die während der Sanktionsjahre entstanden – auch wenn die irakische Führung, anders als die Taliban, niemals die Zerstörung von Denkmälern angeordnet hat. Auf der Suche nach Einkommen plünderten bewaffnete Banden – mit stillschweigender Billigung von Saddams Sicherheitskräften – nicht nur die zwölf Regionalmuseen des Landes, sondern unternahmen auch Raubgrabungen in bis dahin nie gekanntem Ausmaß. Meist in London werden die Objekte mit gefälschten Zertifikaten versehen und dann auf Auktionen in der Schweiz an Privatsammler aus den USA, Europa und Japan verkauft. Einzig das Museum in Bagdad, eines des bedeutensten der Welt, blieb von diesem Vandalismus verschont. Allerdings liegt das Gebäude ganz in der Nähe des irakischen Fernsehsenders, im Kriegsfalle vermutlich eines der Hauptziele der US-Kampfjets.

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