Zeitung Heute : Im Namen des Bürgermeisters

Pastor Lutz Mohaupt dient jetzt zwei Herren: Er wird Ole von Beusts Sprecher in Hamburg

Fred Grimm[Hamburg]

So schön wie bei der Predigt wird es nie wieder sein. Der Text minutiös vorbereitet. Links von der Kanzel der festlich schimmernde Altar. Gegenüber die mächtige Barockorgel. Zu Füßen die andächtig und konzentriert lauschende Gemeinde. 25 Minuten lang keine Zwischenfragen, kein Gemurre. Kein Vergleich mit einer Pressekonferenz.

Leicht nach vorn gebeugt, sitzt Hauptpastor Lutz Mohaupt in seinem Gemeindebüro, die klassische Haltung des geübten Zuhörers, den fremde Menschen seit Jahrzehnten in die tiefsten Gründe ihrer Seelen blicken lassen. Eigentlich habe er mit Ole von Beust nur über eine schöne Aufgabe nach seiner Pensionierung reden wollen, erklärt der 62-Jährige. Ein paar Tage später verkündete der Erste Bürgermeister, der oberste Geistliche der Hamburger St.-Jacobi-Gemeinde werde sein neuer Sprecher. Dienstbeginn: Februar, Vorkenntnisse: keine.

„Die Erwartungen in der Stadt sind hoch“, sagt Mohaupt. Ole von Beust, der ihn seit über zehn Jahren kennt, wünscht sich, dass der Theologe mit am Senatstisch sitzt, „Nächstenliebe“ sowie „moralische Kategorien in die Entscheidungsfindung einbringt“. Eine dringend notwendige Ergänzung zum eher kühlen, mitunter arroganten Politikstil der Senatsmannschaft, die außer ihrem lebensfrohen Ersten Bürgermeister nicht viel zu bieten hat. Ein wortgewaltiger Verkünder, der Sparmaßnahmen bei Kindertagesstätten, Kürzungen bei der Polizei und Schließungen von Frauenhäusern im sanften Pastoren-Bariton begründet. Einer mit offenen Ohren und geschlossenem Geldbeutel für die Armen und Benachteiligten der Stadt.

Die in zahllosen Predigten geübte Übersetzung der biblischen Welt in die moderne Zeit, prädestiniere ihn geradezu für die neue Aufgabe, glaubt Mohaupt. „Dolmetschen liegt mir. Ich kann Politik interpretieren. Aber die Möglichkeiten der Politik kann ich nicht verändern.“ Verstöße gegen das achte Gebot fürchtet Mohaupt nicht, gehöre doch gerade Ole von Beust zu jenen, die „auch zu unangenehmen Wahrheiten stehen“. Allenfalls werde er als Sprecher auch mal eine Antwort schuldig bleiben müssen. „Das ist das politische Geschäft.“ Im Hintergrund schlägt die Kirchturmuhr.

Sein Blick wandert durch das Büro. Protestantisch-sparsame Einrichtung, beinahe aufdringliche Bescheidenheit. „Ich habe ein hanseatisches Verhältnis zum Glauben. Ich trage meine Frömmigkeit nicht vor mir her“, sagt er. Mit 38 Jahren wurde er hier, mitten in der Hamburger City, einer der jüngsten Hauptpastoren aller Zeiten. Ein fleißiger Student und glühender Bewunderer des konservativen evangelischen Übervaters Helmut Thielicke. Und wie dieser in den 50er und 60er Jahren scheute auch der selbstbewusste Mohaupt selten öffentliche Auftritte.

Der kontaktfreudige Pastor mit der erstaunlich erholt wirkenden Gesichtsfarbe – einer Mischung aus Veranlagung und Bluthochdruck – ist ein beliebter Dauergast auf den Festen der Hamburger Gesellschaft. In Predigten und Interviews stritt er für die Sonntagsarbeit, ersann eine Church Card zur bargeldlosen Entrichtung der Kollekte und bekämpfte als Mitglied des NDR-Rundfunkrates Blut und Gewalt im Fernsehen. Gegenüber „künstlerischen“ Sexszenen im Nachtprogramm zeigt er sich dagegen aufgeschlossener als viele seiner Glaubensbrüder. „Gott hat den Menschen ganz geschaffen. Mit allem, was dran ist.“ Und mit allen denkbaren Leidenschaften dazu. „Ich habe gegenüber homosexuellen Menschen noch nie Barrieren gehabt, und mein christlicher Glaube hat mich gerade als Pastor in dieser liberalen Haltung der Offenheit und Akzeptanz bestärkt.“ Zumal ihn sein künftiger Dienstherr ohnehin mit radikalen Konzepten für mehr Homosexuellenrechte verschonen dürfte.

Alle Jahre wieder brachte Mohaupt – meist im Verbund mit den vier anderen Hamburger Hauptpastoren – apodiktisch formulierte Reformpapiere wider den Niedergang der Nordelbischen Landeskirche heraus. Da war die Rede von Kirchenmitgliedschaften auf Zeit, Fusionen von Gemeinden, neuen Finanzierungsarten neben der Kirchensteuer oder der Einschränkung kirchlicher Dienste – etwa bei den evangelischen Kindergärten. „Wir waren unserer Zeit voraus“, sagt Lutz Mohaupt.

Beim immer wieder aufflammenden Streit um das politische Engagement kirchlicher Würdenträger entfaltete der Geistliche eine ebenso geschmeidige Auslegungskunst wie bei der Bibel-Exegese. Wandte sich etwa seine Landeskirche mit christlichen Argumenten gegen Atomkraftwerke oder den Kauf eines Eurofighters so war das eine politische Einmischung unverbesserlicher „Altachtundsechziger“, die „die Theologie missbrauchen“. Als Mohaupt selbst 1993 als parteiloser Pastor auf der CDU-Liste für die Hamburger Bürgerschaft kandidieren wollte, nannte er das „Ausdruck des Wirkens der Kirche in die Gesellschaft hinein“.

Gern wäre der leutselige Protestant ins Feierabendparlament eingezogen. Die nordelbische Kirchenleitung jedoch verwies auf eine Regel, die es Würdenträgern untersagt, politische Mandate zu bekleiden. Mohaupt zog schmollend seine Kandidatur zurück – und tauchte ein paar Wochen später als CDU-Kandidat für den Posten des Kultur- und Wissenschaftssenators wieder auf. Dafür hätte er schon damals sein Pastorenamt aufgegeben. Der göttliche Beistand half nichts. Die CDU verlor die Wahl und Pastor Mohaupt blieb seiner Gemeinde treu.

Eingetreten in die Partei seines neuen Dienstherren ist er nie. Sein einziger Sohn, Jurist bei der Handelskammer, ist Mitglied in der Jungen Union. Und im vergangenen Bürgerschaftswahlkampf warb Mohaupt – nicht ganz freiwillig, aber durchaus überzeugt – als einziger Hamburger Geistlicher für die Aktion „Ich bin für Ole“. Eine reguläre CDU-Mitgliedschaft ist da vielleicht gar nicht nötig.

„Mein Weg durch diese Welt war unendlich beschützt“, bilanziert Mohaupt. Gottes Allgegenwart sei beständig spürbar, sogar jetzt, hier, in diesem Raum.

Die Hamburger Lokalpresse, die mehrheitlich nicht gerade als bürgermeisterfeindlich gilt, dürfte dem glaubensfesten Spätumsteiger die Eingewöhnung sicher nicht erschweren. Ansonsten helfen ihm fest verwurzelte Vorstellungen. Denn wer, wenn nicht ein Gottesmann, weiß Bescheid über das Wesen von Gut und Böse. „Ich bin mit den Medien vertraut“, sagt er mit plötzlich nicht mehr ganz so freundlicher Stimme. „Gute Journalisten haben es nicht nötig, unanständig zu sein.“

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