Zeitung Heute : Im Namen des Guten

Die zurückgetretene Unicef-Chefin Heide Simonis wirft dem Vorstand des Kinderhilfswerks Intransparenz vor. Wie können Spender in Deutschland sichergehen, dass ihre Gelder korrekt verwendet werden?

Antje Sirleschtov,Ulrike Scheffer

Unicef hat viele gute Namen. Rund 70 Prominente, Politiker und Fachleute listet das Deutsche Komitee für Unicef am Ende seines Geschäftsberichts als Mitglieder auf. Die Annahme jedoch, dass die Genannten mit ihrem Namen für die Seriosität der Organisation bürgen, ist weit gefehlt. So klagen die von den Fraktionen des Bundestags entsandten Komiteemitglieder zum Teil offen darüber, dass sie keinerlei Kontroll- oder Informationsrechte gegenüber dem Vorstand besitzen. Komiteesitzungen würden nur einmal im Jahr stattfinden und dann auch nur zur Verkündung „politischer Erfolgsmeldungen“ genutzt, wie die von den Linken entsandte Monika Knoche dem Tagesspiegel sagte. „Wir sind da nur schmückendes Beiwerk“, lautet ihr Fazit. Entscheidend für die Arbeit des eingetragenen Vereins, der für das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Spenden sammelt, ist der letzte auf der Liste: Geschäftsführer Dietrich Garlichs. Er besitzt weitreichende Vollmachten. Kontrolliert wird er vom Vorstand, der ihm jedoch in der Vergangenheit auf der Grundlage wenig detaillierter Geschäftsberichte stets das Vertrauen aussprach. Wirtschaftsprüfer von KPMG bemängelten kürzlich, bei Unicef fehle es an Kontrolle und Transparenz. So wurden Verträge mit externen Beratern in einigen Fällen nur mündlich vereinbart, andere nicht unterschrieben. Große Summen wurden folglich ohne vertragliche Grundlage gezahlt.

Die Spender von Unicef erhalten noch weniger Informationen. Fachleute kritisieren seit langem, dass Unicef öffentlich nur unzureichend Rechenschaft über den Umgang mit Spenden ablegt. Im Jahresbericht sind die Verwaltungskosten kaum aufgeschlüsselt, eine Gewinn- und Verlustrechnung sowie eine Bilanz fehlen gänzlich. Für eine Organisation mit einem Spendenaufkommen von mehr als 74 Millionen Euro ist das sehr dürftig, findet der Stiftungsberater Rupert Graf Strachwitz. Doch Unicef ist kein Einzelfall: Eingetragene Vereine seien in Deutschland nicht berichtspflichtig, sagte Strachwitz dem Tagesspiegel. „Das ist weltweit einzigartig.“ So müssten Vereine in den USA sogar ihre Steuererklärung veröffentlichen. „Ähnliches wäre auch für Deutschland wünschenswert.“ Strachwitz rät: „Ich würde nur eine Organisation unterstützen, die genau darüber aufklärt, was sie mit meinem Geld macht.“

Solche Organisationen gibt es: Die Kindernothilfe etwa, ebenfalls ein eingetragener Verein ohne Berichtspflicht, erhielt 2007 den von der Wirtschaftsprüfungsfirma PricewaterhouseCoopers (PWC) ausgeschriebenen Transparenzpreis. Weitere Preisträger waren unter anderem Ärzte ohne Grenzen und die Deutsche Welthungerhilfe.

Bei Unicef erschwert auch die internationale Organisationsstruktur die Übersicht. Das vom deutschen Förderverein gesammelte Geld wird nach Abzug von zurzeit knapp neun Prozent Verwaltungskosten an die Zentrale des UN–Kinderhilfswerks in New York überwiesen, das es wiederum auf seine Projekte in den Empfängerländern verteilt. Wieviel Geld dort jeweils für Verwaltung und Transaktionen abgezweigt wird, ist unklar. Der amtierende ehrenamtliche Vorsitzende von Unicef Deutschland, Reinhard Schlagintweit, sagte dem Tagesspiegel, dazu lägen keine Zahlen vor. Eine formale Kontrolle von Unicef Deutschland durch die UN-Zentrale findet nach Auskunft eines UN-Sprechers in Genf ebenfalls nicht statt. Er vertraue dem deutschen Komitee, das stets gute Arbeit geleistet habe, lautet der Kommentar auf Anfrage.

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