Zeitung Heute : Im Po-Tal: Begegnung mit einem Niemandsland

Gerhard Fitzthum

Wer gelegentlich Kreuzworträtsel macht, kennt den Po: "Ital. Strom", zwei Buchstaben - kein Problem. Bei der Valle Po, dem Po-Tal, wird die Sache etwas schwieriger. Man denkt an das ausgedehnte Tiefland zwischen Mailand und Turin. Doch die Valle Po ist ein kleines Alpental im äußersten Westen Piemonts und hat mit der Po-Ebene nur den Fluss gemein. Hier entspringt er, legt bis dorthin, wo sich das enge Tal beim Grafenstädtchen Saluzzo zum Flachland hin öffnet, gerade einmal 30 Kilometer zurück - und verliert dabei nicht weniger als 2000 Höhenmeter.

Bekannter ist der Berg, an dessen Nordhängen der längste Fluss Italiens entspringt. Seine unverwechselbare 3841 Meter hohe Felspyramide ist an klaren Tagen von Turin aus zu sehen, bestimmt den alpinen Horizont aber auch in der Langhe und im Monferrato. Der Berg heißt Monviso und thront so souverän über den Cottischen Alpen, dass er bei den Piemontesen als "Re di pietra" gilt - als König aus Stein.

Während der Woche scheint sich niemand in seine Nähe zu wagen. Selbst Crissolo, das kleine Touristenzentrum im oberen Talbereich, wirkt dann wie ausgestorben. Lächerliche 100 Übernachtungen von Ausländern zählt man hier im Jahr, ihre durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt 36 Stunden. Doch auch die Italiener bleiben kaum noch über Nacht: Die Städte sind zu nah und die Straßen zu gut. Die sechs Hotels, von denen keins die Drei-Sterne-Marke erreicht, retten sich von einer Saison in die nächste, Geld zum Renovieren hat hier niemand.

"Noch ein paar Schlechtwetterperioden mehr und und ein paar Touristen weniger und ich kann dichtmachen", klagt Maria-Mirella Gontero, die Wirtin der einzigen ganzjährig geöffneten Bar. Denn gewöhnlich hätten die Torinesi "alles" dabei und führen durch Crissolo einfach nur hindurch - hinauf zu den Ausflugszielen an der Po-Quelle. Für die mittleren und unteren Talbereiche interessiere sich dagegen kein Mensch, hundert Meter neben der Durchgangsstraße sei selbst im Sommer alles zu Ende.

Als wir wenig später ins Seitental des Rio Tussie einbiegen, wird uns klar, dass sie nicht übertrieben hat. Der Wanderwegweiser nach Meire Compercie führt uns in das Niemandsland, das uns prophezeit worden war. Bereits nach wenigen Metern kommen die ersten Brombeerranken, noch sichtbar, dann die versteckten im immer höher werdenden Gras, schließlich die Brennnesselfelder, dort, wo der Weg durch aufgelassene Maiensässe und Almen führt. Eine unglaubliche Vielfalt von Büschen und Bäumen hindert uns nun am Vorwärtskommen: Von Birken über Berg-Ahorn, Erlen und Eschen bis Goldregen ist alles in bunter Mischung vorhanden - die botanische Armseligkeit der Nordalpen findet hier ihr faszinierendes Gegenstück.

Als wir die Alm Losassa erreichen, sind unsere Beine zerkratzt. Dafür genießen wir einen traumhaften Ausblick: Vor uns ein schluchtartiges grünes Tal, dem man die jahrhundertelange Bewirtschaftung kaum noch ansieht, dahinter die monumentale Nordwand des Monviso, schwarz im Gegenlicht. Unter uns werden die Sonnenstrahlen von steingedeckten Almhütten reflektiert, an denen sich noch keine Spuren moderner Baustoffe finden. Dass es "Touristen" genannte Lebewesen gibt, die in Massen über sehenswerte Landstriche herfallen, erscheint nun als Märchen aus einer anderen Welt. Kein Mensch weit und breit, die Zeit steht still.

Ganz anders im zweitausend Meter hoch gelegenen Talkessel von Piano della Regina am Ende der Straße, die heute bis zur PoQuelle asphaltiert ist. Hier oben befindet sich das touristische Kapital des Tals: Mühelos erreichbare Naturräume, die den Alltag in grauen Stadtlandschaften vergessen lassen. Sonnabends und sonntags stauen sich hier die Blechkarrossen, man macht Picknick im Schallkreis des Auto-Kasettenrekorders oder nutzt den Ort als Absprungstelle in die "unberührte" Natur, die direkt hinter dem Parkplatz beginnt.

Schon nach wenigen Minuten trifft man auf einen bezaubernden Bergsee - und auf herumliegende Bonbonpapiere und Coladosen. Doch dann verliert die Landschaft ihren pastoralen Charme und man betritt die ungemütlichen Steinwüsten des Hochgebirges. Der Monviso ist jetzt so nah, dass man "nichts" mehr von ihm sieht. Blickt man durch den Sucher des Fotoapparats, so scheint er nach hinten aus dem Bild zu fallen. Vergils "Monte Vesulus" ist zu einer riesigen Steinhalde angewachsen, die überall liegen könnte. Vom überschwänglichen Reichtum der Natur, die uns im Tal des Rio Tussie verzaubert hatte, ist nichts mehr übrig.

Das steinerne Rifugio Quintino Sella hebt sich nur durch die roten Fensterläden von der Geröllandschaft ab. Es ist heute der wichtigste Ausgangspunkt für die MonvisoBesteigung. "Aus jeder Familie der Tiefebene muss mindestens einer oben gewesen sein", erklärt Hüttenwart Hervé Tranchero, "ein ungeschriebenes, manchmal auch tödliches Gesetz." Tranchero erzählt uns auch, was sich in Piano della Regina am Wochenende abspielt: "Die meisten, die dort unten ankommen, wissen gar nicht, wo sie sind. Wenn die Straße dort nicht zu Ende wäre, würden sie einfach weiterfahren." Nur ein Bruchteil von ihnen erreiche die drei Gehstunden entfernte Hütte - für den professionellen Bergführer jedoch genug: Bis zu 5000 Übernachtungen zählt er im Jahr - zehn Mal so viele wie alle Hotels von Crissolo zusammen.

In der Talverwaltung versucht man inzwischen gegenzusteuern: Wenn der Wiesenparkplatz an der Po-Quelle voll ist, schließt man unten einfach die Straße. Den Individualverkehr ganz zu verbannen, fehlen jedoch Mut und Fantasie. Für einen Pendelbus sei das Sträßchen oberhalb von Crissolo einfach zu schmal, erklärt Aldo Perotti, Crissolos Bürgermeister: "Jedes Tal hat seine Realitäten, die man akzeptieren muss." Eine der Realitäten ist die, dass das Albergo-Ristorante am Ende der Straße ihm gehört.

Um so überraschender ist das touristische Gesamtkonzept der Region, zu dem sich auch Perotti bekennt: In den strukturschwachen Cottischen Alpen, in denen man im Grunde nur Wandern, Bergsteigen und Skifahren kann, setzt man jetzt ganz auf den "Turismo dolce", den "sanften Tourismus" - besonders auf ausländische "Kulturwanderer", die den ökologisch labilen Hochgebirgszonen fern bleiben und mehr Geld im Tal lassen als die Turiner Wochenendflüchtlinge. Mit Hilfe von EU-Geldern will man bis zu den Seealpen hinunter alle Wanderkarten überarbeiten und brauchbare Wanderführer herausgeben, einen sogar in deutscher Sprache. Auch im Po-Tal sollen jetzt Saumpfade und Wirtschaftswege wieder hergerichtet werden, die nicht in dramatische Gipfelregionen, sondern durch den traditionellen Wirtschaftsraum der okzitanischen Bergbevölkerung führen.

So schön viele dieser "Mulattiere" auch heute schon sind, zu einem durchgängig erschlossenen Wanderwegnetz ist der Weg noch weit. Wir gehen über den Colle di Luca, um mit Blick auf Tiefebene und Ligurischen Appennin ins Lenta-Seitental abzusteigen. Dort verlieren sich die Markierungen schnell im kniehohen Gras und wir müssen einen Hirten nach dem Weg fragen. Wenig später stehen wir am Dorfbrunnen von Serre, dem talobersten Weiler. Er wirkt nicht nur ausgestorben, sondern ist es auch. Früher hatten hier mehr als ein Dutzend Familien gelebt und gewirtschaftet, die ehemaligen Ackerterrassen sind noch als Andeutungen im Geländerelief erkennbar. Ein Teil der Häuser ist längst verfallen, der andere zu leblosen Wochenenddomizilen verbarrikadiert. Nur das Gezirpe der Heuschrecken durchbricht die Stille, die über das kleine Dorf gefallen ist.

Serre gehört zu Oncino und damit zu der Gemeinde mit einer der höchsten Entvölkerungsraten des gesamten italienischen Alpenraums. 1630 Einwohner zählte sie noch Ende des 19. Jahrhunderts, heute leben hier im Winter gerade einmal zwei Dutzend Menschen. Nur in der Frühphase des Monviso-Alpinismus, als die Straße noch nicht bis nach Crissolo hinauf führte, sorgten Bergsteiger hier für einen kleinen touristischen Aufschwung. Der heutige Gipfelstürmer macht die Tour von Turin aus hin und zurück in 36 Stunden, nimmt die Straße bis Piano della Regina - und lässt Oncino links liegen.

Aber auch den anderen Gemeinden des Po-Tals geht es nicht viel besser. Selbst Crissolo hat von seinen einstigen 1400 Einwohnern nur noch 170 übrig behalten. Zieht man jene ab, die nur wegen des günstigeren Steuerbescheids hier gemeldet sind, so bleiben gerade einmal 70. Schließlich sind sogar aus dem Verwaltungszentrum Paesana in der schon flachen Talmitte zwei von drei Bewohnern abgewandert. Das Tal, in dem die Landwirtschaft immer weniger Menschen ernährt, es so gut wie keine Industrie und entsprechend hohe Auspendlerströme gibt, befindet sich im Zustand eines ökonomischen Deliriums: Unglaubliche neun Jahre hat es gedauert, das Geld für einen neuen Sessellift zusammenzubringen, nachdem der Vorgänger wegen Überalterung abgebaut werden musste. Der Neubau der 1987 demontierten Aufstiegsanlage, die Crisollo in den Sechziger Jahren zum "ersten Skiort der Turiner und Cuneeser" gemacht hatte, riss ein katastrophales Loch in die Haushaltskasse der Talverwaltung. Auf eine Berggebietspolitik, die wirkliche Handlungsspielräume eröffnet, wartet man in Italien schon lange.

Wie finster die Aussichten für die Zukunft des Tals sind und wie sehr es die Entdeckung durch Kulturwanderer aus dem Norden nötig hätte, sieht man auf halber Strecke von Oncino nach Crissolo, einem alten Verbindungsweg, der heute nicht einmal mehr in der Karte eingezeichnet ist. Hier steht das Kirchlein S. Giacomo di Oncino einsam in einer hohen Blumenwiese - eine exponiert liegende Steinruine, zu der keine Spur mehr hinführt. Die einzigen Lebenszeichen sind die Motorengeräusche, die von der tief im Tal verlaufenden Straße heraufschallen: Dort fährt man gerade wieder in Richtung Natur - hinauf in das Reich des Königs aus Stein, dem das Schickal der Bergbevölkerung nicht weniger gleichgültig ist als den Politikern in Rom.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben