Zeitung Heute : Im Pyjama am Arbeitsplatz Telearbeit wächst rasant

Matilda Jordanova-Duda

Gut gekämmt am geordneten Schreibtisch zeigt sich der Telearbeiter bei der Videokonferenz mit dem Chef. Was die Kamera nicht erfasst: Unter dem Tisch stecken die Füße in einem Massagegerät, auf dem Boden liegen Stapel Papiere und in der Ecke trocknet Wäsche. So stellt sich ein Karikaturist den modernen Erwerbstätigen vor.

Rund sechs Millionen Telearbeitsplätze gibt es in Deutschland. Das zeigt eine Untersuchung des Forschungsinstituts empirica von 2002. Und etwa alle drei Jahre verdreifacht sich die Zahl, sagt Rechtsanwältin Claudia Schertel vom gewerkschaftlichen Projekt OnForTe (Online Forum Telearbeit, Service-Telefon 01805 245678). Allerdings wüssten viele gar nicht, dass sie es sind: Die Mehrheit machten die mobilen Beschäftigten aus, die unterwegs oder beim Kunden sind. Diese Außendienstler sehen sich selbst nicht unbedingt als Telearbeiter. Beliebt sei auch die alternierende Form, um den Kontakt zu den Kollegen zu halten.

Hauptsächlich sind es die bereits erfahrenen 30- bis 39-Jährigen, die sich für die Arbeit zu Hause interessieren. Davon versprechen sie sich, Beruf und Privatleben zu vereinbaren, sich die Zeit nach eigenem Gusto einzuteilen und dem morgendlichen Stau oder dem Mobbing zu entfliehen. Vor allem kreative oder rein organisatorische Aufgaben, die sich durch vorgegebene Ziele beschreiben und messen lassen, eignen sich. Der Trend geht zu hoch qualifizierten und entsprechend gut bezahlten Tätigkeiten. Aber nicht jede Firma ist tatsächlich telearbeitstauglich: OnForTe hat eine Checkliste. Zu klären ist, wer für Haftung, Versicherung, Gerätebeschaffung und Reparaturkosten aufkommt, ob das Rückkehrrecht in den Betrieb und die Teilnahme an Weiterbildungen gewährleistet sind, ob Familie oder Vermieter Einwände erheben. Und: Der Kandidat muss in sich gehen: Reichen seine Motivation und Selbstdisziplin aus?

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