Zeitung Heute : Im Rausch der Bilder

JAN SCHULZ-OJALA

HANDY .Der letzte Schrei kommt aus Venedig, vom Lido.Na ja, das neueste Flüstern.Telefonieren während einer Filmvorführung! Doch doch, da sitzt die Nachbarin im Saaldunkel, ihr Handy piepst, und sie nimmt das Gespräch an! Zieht eine leichte Jacke so als Schallschutz über den Kopf, ihre Handy-Zelle, dreht sich rücksichtsvoll ein bißchen zur Seite, und wispert fünf Minuten hin und her.Echt ausbaufähig, das.In drei Jahren werden wir alle im Kino telefonieren und uns trotzdem auf den Film konzentrieren, wie beim Autofahren.Überhaupt, die innovativen jungen Italiener: Sie telefonieren auf dem Soziussitz der Vespa oder, stehend, auf einem Fahrrad-Gepäckträger.Festivalzirkus.In Cannes und Berlin nutzen die Leute dafür, fast altmodisch schon, das Marschieren von einem Kino zum nächsten.Alles telefoniert.Alle sind allein, und niemand ist allein.Alles Dienstgespräche, natürlich.Und wenn man zu Hause anruft und die Tochter dranhat und rumflunkert, man sei mal eben mit Leonardo di Caprio auf einen Champagner in der Carlton-Bar gewesen, ist das nicht auch irgendwie dienstlich?

REGENSCHIRM .Zur Berlinale braucht man eher einen Schneeregen-, ja einen Schneeschirm (und Mütze und Handschuhe und Socken mit doppeltem Boden).In Venedig Ende August blinzelt man fast immer in die Sonne, wenn man aus dem Kino kommt.Wenn es aber mal regnet, dann aus Kannen: also nix mit Knirps & Co.In Cannes ist zwar ewiger Frühling, aber auch Palmen brauchen Feuchtigkeit.Manchmal viel Feuchtigkeit.Und lange Feuchtigkeit.Hat man seinen Schirm im Kino vergessen und findet ihn, gleich zurück im erleuchteten Saal, nicht mehr, geht man ins Fundbüro des Festivalbunkers.Einmal, es regnete immer noch, hielt mir dort die freundliche Angestellte gleich sieben schwarze Mini-Regenschirme entgegen.Meiner war nicht dabei.Und doch: Beherzt griff ich zu.Milderner Umstand für die Festival-Personalakte: ein schlechtes Gewissen, für immer.

STUDENTENFUTTER .Was, das gibt es noch? Ja, auch ohne Studentenausweis.Das Beste für zwischendurch an Tagen mit fünf Filmen.Enthält Vitamin Z (Rosinenzucker), Vitamin S (Erdnußsalz) und reichlich Vitamin F (Fett).Zum Studentenfutter gibt es genau genommen keine Alternative.Schokoriegel knistern zwar beim Auspacken kürzer, gelten aber als vergleichsweise einseitige Ernährung.Sandwiches neigen zum Krümeln, nehmen in der Tasche auch zuviel Platz weg.Zu Hause vorweg Stullen schmieren? Das dauert.Außerdem ist es out.Und überhaupt ist Butterbrotpapier schlecht für Liebesszenen.Und dann gibt es da noch gewisse Kaugummibonbons, aber sie enthalten leider Vitamin C (Cäsium).Man könnte natürlich auch mal essen gehen in den zehn Festivaltagen und dann mindestens einen Film versäumen.Wenn das nicht irgendwie unverantwortlich wäre.

NOTIZBLOCK .Etwas für Abergläubische.Ich habe meist einen Spiralblock, Din-A-4, dabei, mit dickem Blankopapier, damit es nicht so raschelt beim Umblättern.Also bin ich ganz besonders abergläubisch.Denn man verwendet diese Notizen nachher beim Schreiben nicht eigentlich.Trozdem krikelt man gern im Dunkel, zur Reserve.Ältere Kollegen benutzen hierfür mitunter Leuchtstifte mit eingebautem Taschenlämpchen, die nur noch im besonders gut sortierten Fachhandel erhältlich sind.Das hat den Vorteil, daß man nachher lesen könnte, was man da geschrieben hat.Andererseits nimmt die ganze Sitzreihe Anteil an dem Gedankenblitz und vor allem an seiner Dauer.Der moderne Mensch guckt eher - und schreibt in seinen Laptop.Nein, (noch) nicht während des Films.Aber zwischen zwei Filmen sitzt er auf dem Flur eines nahen Büro-Nebengelasses mit Steckdosenanschluß und dichtet.Und sendet seinen Text per Handy (s.o.).

SCHLÜSSEL .Das Sesam, das sich auf allen Festivals öffnet, heißt Schließfach.Eines von Tausenden.In Berlin räumen sie dafür im Interconti einen Bankettsaal frei, mit einem Teppichboden, so flauschig wie die Textiltapeten in "Barton Fink".In Venedig wandert man hierfür in einen trostlosen Kellerraum des Spielcasinos, übers Jahr wahrscheinlich Carabinieri-Gewahrsam für ein mittleres Bataillon von Trickbetrügern.Nur in Cannes säumen die Schließfächer die Wände der zentralen Halle mit Oberlicht.Eine Lounge mit dem Charme einer Legebatterie.In den Fächern liegt Papier, Papier, Papier: Dossiers über das neue transsylvanische Kino, Einladungen zum Ökofilm-Festival in Murmansk, persönliche Einladungen aber auch zu Parties, mit Abholschein für mitunter originell erdachte Tickets: Kerzen etwa (für die "Romeo und Julia"-Party), Handschellen (für "Con Air"), und riesige Herzensschlüssel ("Great Expectations").Das Schließfach ist Statussymbol - dafür, daß man Zugang hat zu allen, aber auch wirklich allen Informationen.Ich bin Nummer 1325! Ab also mit dem Wichtigen - und einiges ist denn doch wichtig - in die Tasche, und das Studentenfutter sicherheitshalber ins Seitenfach.

ASPIRIN .Am Lido werden nach zwölf die Kanäle hochgeklappt, in Kleinstadt-Cannes die Fußgängerzonen-Bürgersteige, und doch stürzt man spätestens nach drei Tagen in die erste Nacht.Und wenn man dafür rüberschwimmen muß durch das Weißweinmeer nach Split oder nach Afrika.Berliner Nächte dagegen sind lang, ab Werk, und vielleicht ist das das tiefste Erfolgsgeheimnis der Berlinale.Man schläft ja nicht wirklich in diesen zwölf Tagen und elf Nächten.Gewissenhafte Menschen, die den Frühfilm um 9 Uhr nicht versäumen wollen oder dürfen, sorgen vor, mit Kodein, Koffein, Kokain (letzteres wäre schon gewissenlos gewissenhaft), gewiß aber mit Aspirin.Gut, daß es nicht viel Platz wegnimmt im Survival-Pack, gut wie alle kleinen Sachen: Präservative zum Beispiel, würde jetzt der stets gutgekleidete Italiener dazwischenreden, der Jahr für Jahr in Venedig vor der Weltkinopresse flammend zur Benutzung von Präservativen aufruft (bevor die Ordner ihn wahrscheinlich in eine Zelle neben den Schließfächern sperren).So richtig sexy aber sind Festivals nicht, abseits von dem, was die Menschen auf der Leinwand tun.Sie berauschen zwar.Aber sie machen müde.Und müder.Und noch berauschter.Da hilft nur Aspirin.

TALISMAN .Man geht ja auf Reisen, auch von Berlin in die Berlinale.Man ist zehn Tage weg für die, die man liebt und die einen lieben.Da tut ein Talisman gut.Klein sollte er sein, aber nicht zu klein, damit er nicht verlorengeht in der Tasche, leicht auch und eher weich.Oder unzerbrechlich.Irgendwas zwischen Mini-Plüschtier also und der festesten Muschel vom letzten Sommer.Alle diese Talismane, die die Tausenden von Akkreditierten dabeihaben mögen! Darüber spricht man nicht.Und, offen gestanden, vergißt man sie schnell.Sie sind dazu da, daß man sie vergißt währenddessen, nur so entfalten sie ihre Kraft.Daß man sich freut, wenn es losgeht.Dann, daß man gut durchkommt durch die Zeit.Daß man das Ende herbeisehnt und am Ende gleich - oder zumindest bald - wieder süchtig ist nach dem nächsten Festival, auch das ist wahrscheinlich ein Talisman-Zauber.Schon ein schönes Gefühl: am letzten Tag die Tasche auskippen nach all den Filmen und den Talisman.Und sagen, da bist du ja.

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