Zeitung Heute : „Im Rausch des Schicksals“

Sprachforscher Pörksen über die Rhetorik zum Krieg

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UWE PÖRKSEN (67)

ist Professor für deutsche Sprache und Literatur in Freiburg. Er hat sich besonders mit der Sprache politischer Reden beschäftigt.

Foto: dpa

Wie wird die Bevölkerung rhetorisch für einen Krieg mobilisiert?

Wenn die Entscheidung für einen Krieg gefallen ist, dann werden vier rhetorische Mittel eingesetzt. Erstens: Der Gegner wird unter einem einzigen Gesichtspunkt zusammengefasst. Der Terrorismus und der Islam erscheinen dann auf einmal als Einheit. Sie werden zu einem Massiv, gegen das man mit Krieg anrennen kann. Das zweite Mittel ist die oft maßlose Übertreibung des Gegners – seiner Macht, der Bedrohung, die von ihm ausgeht, seiner dämonischen Züge. Das dritte ist die Anschaulichkeit. Szenarien des Schreckens werden verbreitet. Der Gegner wird konkret durch bisherige Verbrechen. Er wird konkret durch Gräueltaten, die geschehen sind, oder die man als möglich ausmalt. Und das vierte Mittel ist die Personalisierung.

Saddam Hussein als der neue Hitler?

Diese Dämonisierung einzelner Personen ist in den letzten zehn Jahren ziemlich leichtsinnig eingesetzt worden. Hitler, das größte Scheusal des 20. Jahrhunderts, wird gleichsam zum Wandervogel. Man trifft ihn einmal in Belgrad, dann in Bagdad.

Welche Rolle spielen religiöse Bezüge in der Kriegsrhetorik?

Diese Elemente stellen sich sehr häufig ein. Gott und Teufel werden als Hilfstruppen missbraucht. Mit Gott für Volk und Vaterland, mit Gott für die westliche Wertegemeinschaft gegen einen Satan. Das macht das Schicksalsgefühl vollständig. Der Konflikt wird zusätzlich metaphysisch überhöht.

Wie kann sich in so aufgewühlten Vorkriegszeiten die Vernunft noch artikulieren?

Das Ganze hat eine enorme Eigendynamik – wegen der erzeugten Gefühle – vor allem Angst und Hass. Angst vor der Bedrohung, Hass auf den Bedroher. Es wird eine Gemeinschaftsstimmung produziert, die sich selbstständig macht und alle Einwände niederwalzt. Es entsteht das Gefühl der Schicksalsstunde. Thomas Mann hat im Blick auf seine eigene Haltung zu Beginn des Ersten Weltkrieges von einem Schicksalsrausch gesprochen. Die Stimme der Vernunft ist in solchen Momenten nicht sehr mächtig. Umso wichtiger ist eine märkisch-fontanische Nüchternheit, eine kühle Trockenheit. Sehr entscheidend ist auch die Existenz einer intakten, aufgeklärten Medienlandschaft.

Sie haben die Propaganda für den Vietnamkrieg, den Golfkrieg 1991 und den Irak-Krieg miterlebt. Was kann man daraus lernen?

Am meisten verblüfft war ich, als ich jetzt wieder den Aufsatz von Hannah Arendt laß, den sie 1972 über den Vietnamkrieg geschrieben hat. Titel: Die Lüge in der Politik. Durch das Bekanntwerden der Pentagon-Papiere, Aufzeichnungen aus dem innersten Kreis, hatte sich die „Glaubwürdigkeitslücke“ in einen Abgrund verwandelt. Überall Täuschungen, Selbsttäuschungen und Fehleinschätzungen. Der damalige Verteidigungsminister McNamara hat dies später in seiner Autobiografie auch zugegeben. Arendt beschreibt ein schematisches Denken, dieses Arbeiten mit strategischen Szenarien, diese geradezu mathematische Herangehensweise, die den geschichtlichen Realitäten vor Ort überhaupt nicht gerecht wird. Die Parallele zu heute ist in manchem frappierend.

Das Gespräch führte Martin Gehlen.

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