Zeitung Heute : Im Reich der feinen Süßigkeiten

ISABEL HERZFELD

Ashkenazy und Thibaudet in der PhilharmonieVON ISABEL HERZFELDEin Original war Boris Blacher zweifellos, seine Musik von sicher eingeschränkter, im Nachkriegsberlin gewissermaßen eingemauerter, aber doch immer eigenwilliger Modernität.Für die lohnende Wiederentdeckung setzt sich neuerdings das Deutsche Symphonie-Orchester mit seinem Chefdirigenten Vladimir Ashkenazy ein.Die Suite aus der Oper "Fürstin Tarakanowa", die 1940 den braunen Kulturbanausen ebenso ein vielschichtig verschlüsseltes Libretto wie gepfefferte Rhythmen und Dissonanzen zu knacken gab, unterläuft respektlos-pointiert die eigene, ungeheuer dicht gefaßte Emotionalität.Den großen Melodiestrom verweigert naturgemäß die zwölftönige "Music for Cleveland" aus dem Jahr 1957.Doch auch sie ist im jazz-ähnlichen rhythmischen drive und in der fein abgestuften instrumentalen Farbigkeit von enorm sinnlicher Durchschlagskraft. Vladimir Ashkenazy bringt sie mit hochvirtuoser Präzision zu einer glänzenden Wirkung.So läßt sich der oft spröde Boris Blacher sogar mit romantischen Dauerbrennern kombinieren: mit gleicher tänzerischer Geschmeidigkeit und funkelndem Schliff erklingt Franz Liszts Klavierkonzert Nr.1 Es-Dur.Schade war nur, daß der Solist Jean-Yves Thibaudet zwar technisch umwerfend spielt und in unüberbietbar genau ausgehörten Bewegungsabläufen auch immer musikalisch "richtig", mit nüchternem Anschlag aber klanglich so gar nichts Adäquates anzubieten hat.Mit Wehmut mag da mancher Hörer an das kürzliche "Debut im DeutschlandRadio" seiner Landsmännin, der Klangzauberin Patricia Pagny, zurückgedacht haben. Dennoch, das Orchester serviert in der Philharmonie eine Delikatesse nach der anderen.Zum Dessert richtet Kulinariker Ashkenazy den 2.Akt des "Nußknacker"-Balletts von Tschaikowsky derart liebevoll an, daß man all die Leckereien von Schloß Konfektburg begierig schluckt: die weniger bekannten wie die harfenumglitzerte lieblich-triviale Szene "Das Königreich der Süßigkeiten" und selbst die schon tausendmal gekosteten, wie den hier sehr feinen "Arabischen Tanz", einen hinreißend detailgenauen "Blumenwalzer", den leidenschaftlichen "Pas de deux" und natürlich den in der Celesta geheimnisvoll aufleuchtenden "Tanz der Zuckerfee".

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben