Zeitung Heute : Im Schatten des Schlosses

HELLA KAISER

Kultur und Kunst, von Seen umgeben: Schwerin birgt erstaunliche SchätzeVON HELLA KAISER

Klick, klack, klack, klick machen die Kameras, welch ein Motiv! Spitze Türmchen, Erker, Zinnen und eine goldglänzende Kuppel dazu."MamaÒ, fragt ein kleines Mädchen mit staunenden Augen, "wohnt da Dornröschen drin?Ò Tatsächlich wirkt das Schweriner Schloß wie ein Märchenpalast.Von den Renaissanceschlössern an der Loire hatten sich die Baumeister Mitte des 19.Jahrhunderts inspirieren lassen, als sie den hier noch vorhandenen Resten ehemaliger Burganlagen auf der kleinen Insel im Schweriner See ein neues Gesicht gaben. Zweihunderttausend Besucher schieben sich jährlich durch die vierzehn musealen Räume in der Beletage, bewundern imposante und liebevoll restaurierte Deckengemälde oder die gediegenen Muster der im Vogtland nachgewebten Tapeten.Das prunkvolle Mobiliar wurde passend zur Epoche zusammengetragen - die letzten Stücke des Originalinventars waren nach Kriegsende "abhandenÒ gekommen. Die meisten Schweriner sind glücklich über das Schloß.Heidemarie Otto aber schaut bisweilen stirnrunzelnd hin.Als Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit des Schweriner Museums, ein neoklassizistischer Bau gleich gegenüber dem Palast, hat sie es schwer."Nach der Schloßbesichtigung machen die Leute hinter ihr Kunstbedürfnis einen HakenÒ, seufzt sie.Die meisten wollten dann nur noch gemütlich Kaffee trinken, aber - um Gottes Willen - doch keine Bilder mehr anschauen. Zu schade.Schließlich besitzt das Schweriner Museum eine der größten Niederländer-Sammlungen Europas.Neben den sogenannten Kleinmeistern hängen da Bruegel, Rubens und Hals.Bewundernd weist die Expertin auf Rembrandts Ölporträt eines alten Mannes."Schauen Sie nur, wieviel Weisheit er in dieses Gesicht gemalt hat, mit 22 Jahren!Ò Da ist "Die TorwacheÒ von Carel Fabricius, entstanden 1654, im Todesjahr des Künstlers.Nur acht Bilder des Malers sind überhaupt erhalten, und das einzige in Deutschland hängt eben in Schwerin. Zu verdanken sind die Schätze der Sammelleidenschaft der kunstverständigen mecklenburgischen Herzöge Christian II.Ludwig (1683-1756) und seines Sohnes Herzog Friedrich.Glück für die Schweriner, die mit der einzigartigen Lage ihrer Stadt ja sowieso das große Los gezogen haben.Was machen die Stadtentwickler daraus: "Das Wasser einbinden, ohne zuzubetonierenÒ, sagt Experte Dietrich Barthel im Rathaus und stellt für neue Bauvorhaben an den Seen klar: "Die Uferwege bleiben frei für alle!Ò Die Stadt entwirft Visionen fürs nächste Jahrtausend und freut sich auf den Transrapid.Der wird seine sausende Fahrt zwischen Hamburg und Berlin in Schwerin unterbrechen."Dann sind es von hier aus nur noch 35 Minuten bis in die BundeshauptstadtÒ, schwärmt Barthel und hofft auf zahlreiche Neubürger von der Spree. Platz genug bietet Schwerin, denn immer mehr Einwohner sind in den letzten Jahren in den sogenannten Speckgürtel gezogen.117 000 Bürger zählt man derzeit, so wenige wie nie zuvor.Das beutelt die Stadtkasse und bringt enorme Verkehrsprobleme mit sich."16 000 Pendler täglichÒ, seufzt Barthel.Dabei könnten die Leute so schön in der Altstadt wohnen, in der ein Haus nach dem anderen herausgeputzt wird.Zwölf Mark pro Quadratmeter kosten die renovierten Domizile - Mieter machen sich trotzdem rar. Das gilt auch für die Schelfstadt, das hübsche Fachwerkviertel im Norden.Rund um die Nikolaikirche stehen ehrwürdige Linden, und die Sparkasse gegenüber hat ihren modernen Schriftzug wohltuend bescheiden an dem restaurierten Gebäude einer "Ersparniß AnstaltÒ von 1821 plaziert.Für "Wöhlers WeinstubenÒ, ein geschichtsträchtiges Lokal aus dem Jahre 1893, wurde noch kein Investor gefunden.Seit 1984 verkommt das architektonische Kleinod zur Ruine."Vier Millionen müßte man reinsteckenÒ, sagt Denkmalpflegerin Steffi Rogin, "da wagt sich keiner ran.Ò Stolz registrieren die Bürger, wie sich Schwerin nach der Wende immer mehr zur Stadtperle entwickelt.Nur auf den Löwen des Nürnberger Künstlers Peter Lenk schauen sie mit hochgezogenen Brauen.1995, zur Tausendjahrfeier Mecklenburgs, wurde das Denkmal am Markt zu Ehren des Stadterbauers Heinrichs des Löwen enthüllt.Schon das hämische Grinsen des geduckt schleichenden Tieres mißfällt den meisten.Das Ärgste aber sind die Reliefs im Sockel. Dabei hatte sich Peter Lenk akkurat an die Geschichte gehalten, indem er das ungebührliche Verhalten der Bardowicker in den Stein meißelte.Überliefert ist folgendes: Weil Heinrich der Löwe Schwerin und Lübeck begünstigt hatte, war "seineÒ Stadt Bardowick mehr und mehr ins Hintertreffen geraten.Klar, daß die Bardowicker dem Herzog grollten.Prompt verwehrten sie ihm den Durchzug, als er nach England reisen wollte.Sie ließen die Tore fest verschlossen und zeigten Heinrich dem Löwen - auf der Stadtmauer sitzend - ihre entblößten Hinterteile. "Das ist doch obszönÒ, ereifert sich ein Passant und rät: "Gehen Sie lieber zum Dom, davor steht der richtige Löwe.Ò Eben jener, den sich der Herzog selbst ausgesucht hatte und 1166 in Braunschweig aufstellen ließ.Zur Tausendjahrfeier wurde Schwerin mit einem Abguß bedacht.Einmal im Dom, sollte man die 200 Stufen der Wendeltreppe zum Turm hinauf nicht scheuen. Der grandiose Blick von oben offenbart spiegelndes Wasser, viel Grün, rote Dächer und - ein paar Baugruben.So entsteht etwa am Marienplatz ein riesiges Einkaufszentrum, das hundert Fachgeschäfte unter einem Dach versammeln soll.Noch steht das ehemalige russische Kaufhaus mit der gemäßigten Zuckerbäckerfassade dort.Wird die abgerissen? Ein Einheimischer wiegt den Kopf und antwortet mit typisch mecklenburgischer Bedächtigkeit: "Noch steht sie ja.Ò Aber auf dem riesigen Werbeplakat sieht man doch nur noch einen Glasvorbau? Der Schweriner schaut, überlegt, schaut und sagt: "Man wird sehen, was da kommt.Ò Die Mentalität nach Schneckenart hat vor allem Marketingexperten zur Verzweiflung gebracht.Im Winter wollten sie ein Eisfest auf dem Schweriner See inszenieren."Aber als die Mecklenburger das Für und Wider zu Ende debattiert hatten, war das Eis längst geschmolzenÒ, klagt eine Tourismusmanagerin. Die Boote, die dem Schweriner See viele bunte Tupfer bescheren, kriegen die Bürger immer rechtzeitig flott.Und inzwischen führen die Freizeitkapitäne darauf immer häufiger edle Tropfen mit sich.In der Buscherie, einer wunderbar französisch wirkenden Mischung aus Delikatessenladen und Bistro, können sie unter 200 verschiedenen Weinen wählen. Besitzer Jürgen Klaffke kann sich über Mangel an Kundschaft nicht beklagen.Gerade restauriert er einen weiteren Raum, unter dessen dunklen Deckenbalken die Gäste schon im Herbst feine Tabake genießen sollen.Ob die neue Zigarrenwelle dann nicht schon wieder verebbt ist? "Aber, aberÒ, lächelt er, "wir sind doch hier in Mecklenburg.Ò Was gut ist, bleibt.Das Staatstheater, zu DDR-Zeiten für sein hervorragendes Schauspiel berühmt, konnte das Niveau auch auf Grund der reichlich fließenden Förderung halten."In einer Statistik über die Kulturausgaben von siebzig Städten liegt Schwerin an siebter StelleÒ, sagt Dieter Barthel stolz.Hier könnten Touristen in Kultur schwelgen, aber was machen die meisten? Tz, tz, nur ein Foto vom Schloß. TIPS ZU SCHWERINAnreise: Täglich viele Zugverbindungen von Berlin mit nahezu nahtlosem Umsteigen in Wittenberge.Die Fahrtzeit beträgt knapp zweieinhalb Stunden.Unterkunft: Holiday Inn Crowne Plaza, Bleicher Ufer 23, 19053 Schwerin, Telefon: 03 85 / 575 50, Telefax: 03 85 / 57 55 7 77.Das direkt am Ostorfer See gelegene Vier-Sterne-Hotel bietet Wochenendpauschalen ab 98 Mark pro Person im Doppelzimmer an, opulentes Frühstücksbuffet inklusive. Strand-Hotel, direkt am Schweriner See, Ortsteil Zippendorf.Doppelzimmer mit Frühstück ab 100 Mark.Telefonnummer: 03 85 / 201 30 53, Telefax: 03 85 / 200 22 02.Restaurants: In zahlreichen Schweriner Restaurants kann man die hervorragende mecklenburgische Küche probieren.Die besten Adressen: Restaurant Pück, Schliemannstraße 2; Telefon: 03 85 / 56 32 53. Jagdhaus Schelfwerder, Güstrower Straße 109; Telefon: 03 85 / 56 12 16. Restaurant Amtstube, Karl-Kleinschmidt-Straße 22; Telefon: 03 85 / 61 34 06. Buscherie, Buschstraße 9; Telefonnummer: 03 85 / 56 05 20.Besichtigungstip: Freilichtmuseum Schwerin-Mueß, Alte Crivitzer Landstraße 13, Telefon: 03 85 / 201 30 11.Hier ist ein altes Mecklenburger Dorf mit 16 restaurierten und zeitgenössisch eingerichteten Häusern und Katen am Originalstandort aufgebaut.Auskunft: Schwerin Information, Am Markt 10, 19055 Schwerin; Telefonnummer: 03 85 / 592 52 12, Telefaxnummer: 03 85 / 555 09 41. © 1997 Verlag DER TAGESSPIEGEL

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