Zeitung Heute : Im Scheinwerferlicht

ALBRECHT DÜMLING

Sarah Chang und Charles Abramovic im Kammermusiksaal

ALBRECHT DÜMLING

Sie möchte nicht im Schatten stehen.Selbstbewußt reckt die 16jährige Sarah Chang ihren Kopf immer wieder ins Scheinwerferlicht.Im Kammermusiksaal der Philharmonie steht ihr Charles Abramovic am Flügel gegenüber.Fast unbeeindruckt von ihrem Auftreten spielt er mit ruhiger Überlegenheit und sicherem Stilgefühl.Bei Mozarts C-Dur-Sonate KV 296 läßt sich Abramovic durch den kräftigen Einsatz der Geigerin, durch ihren fast bratschenhaft kernigen Ton nicht irritieren.Mit seinem perlenden, wohlartikulierten Spiel bietet er klassische Maßstäbe, die die fabelhafte Sarah Chang bei aller Bravour verfehlt.Das Leichte fällt ihr schwer. Ganz anders bei der Es-Dur-Sonate des jungen Richard Strauss, einem verkappten Konzert mit einem dominierenden, durchaus orchestralen Klavierpart.Solche Herausforderungen, dazu eine schwierige Violinstimme kommen der jungen Geigerin gerade recht.Mit stürmischem Feuer beginnt sie das Hauptthema, um auch das melodische Pathos und den impressionistischen Farbzauber mit gleicher Inbrunst auszuspielen.Mit Lust und beängstigender Treffsicherheit nimmt sie die großen Sprünge.Im langsamen Satz, der Improvisation, muß ihr dann aber der Pianist vormachen, was entspanntes Spiel bedeutet.Beim schwungvollen, im "Don Juan"-Gestus schwelgenden Finale dagegen sind ihr großer Ton und das schnelle Vibrato wieder am Platz.Mit raschen, beherzten Strichen setzt sie wie eine Säbelfechterin den Bogen auf die Saiten und zeigt, was sie kann. Wie in den USA, wo Sarah Chang aufwuchs, beeindrucken auch an unseren Musikhochschulen immer mehr Koreaner durch Lerneifer und Energie.Viele ihrer Landsleute waren in den Kammermusiksaal gekommen, um am Erfolg der jungen Virtuosin teilzuhaben.Sie könnte, wenn sie sich noch die konzentrierte Ruhe einer Kyung-Wha Chung aneignet, auch zu einer guten Kammermusikerin werden.In den ruhigeren Partien von Prokofiews D-Dur-Sonate op.94 und Chopins cis-moll-Nocturne gab es dafür schon verheißungsvolle Anzeichen.Heute ist ein wirkliches Virtuosenstück wie Pablo de Sarasates Carmen-Fantasie eher ihre Domäne.Mit breitem Strich kostet sie die gutturalen Seufzer in der tiefen Lage aus, schwingt sich mit leichtem Glissando in die Höhe, wo sie vom Flautando bis zum Springbogen keine violinistische Zauberei ausläßt.Eine große Artistin, das bescheinigt ihr das jubelnde Publikum, ist sie schon heute. 





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