Zeitung Heute : Im Schnalstal "begreifen die Menschen", dass sie Nachfahren einer uralten Kultur sind

Ulf Böhringer

"Salute!" - Prost!" Die Kristallgläser, während des Aufstiegs auf das 3210 Meter hohe Hauslabjoch sicher im Rucksack verwahrt, enthalten einen ganz besonderen Wein: Das Etikett der Flasche trägt eine Zeichnung jenes Urzeit-Menschen, den die Schnalser "Der Mann aus dem Eis" oder "Similaun-Mann" nennen. Weltbekannt ist er freilich unter seinem für die Tiroler Nachbarn so werbewirksamen Kosenamen "Ötzi" geworden. Gianni Bodini erhebt sein Glas: "Der Mann aus dem Eis hat uns 5300 Jahre nach seinem Tod viel über das Leben der Menschen in unserer Region erzählt." Gianni ist Lehrer, Bergführer, Buchautor, Archäologe und zudem glänzender Erzähler. Neun interessierte Menschen scharen sich um sechs Uhr früh am "Leiter Kirchlein", unmittelbar am Ufer des 1711 Meter hoch gelegenen Vernagt-Stausees um ihn. Am Tisenhof, hundert Meter höher, beginnt Gianni mit seinen Erläuterungen über das Leben, Arbeiten und Wandern im Gebirge. "Es waren die Ziegen und Schafe, die den Jägern auf Grund ihrer Kotspuren den sichersten Übergang ins benachbarte Ötztal zeigten", weiß er. Schafen kam zu Ötzis Zeiten eine enorme Bedeutung zu: "Vor den ersten Münzen waren sie als Zahlungsmittel gebräuchlich." Das ist sogar an der Sprache erkennbar: Denn das lateinische Wort "pecunia" für Geld stammt von "pecus", das Schaf.

Der Pfad wird steiler, die Luft knapper. Der Blick ins Tisental mit dem satt da liegenden Vernagt-Stausee fasziniert nicht weniger als die um den gegenüber liegenden Grat streichenden Nebelschwaden; langsam lösen sie sich auf. "In etwa 2000 Metern Höhe gedieh selbst um das Jahr 1950 herum noch Korn von jener wetterharten Sorte, wie es der Similaun-Mann bei sich hatte", erzählt Gianni. Seine Werkzeuge kann man guten Gewissens als Präzisionsinstrumente bezeichnen; aus acht verschiedenen Holzarten gefertigt, die sämtlich in Sichtweite ihren Standort haben. Beim nächsten Stopp erzählt Gianni, dass "Ötzi" eigentlich "Schnalsi" heißen müsste; nicht nur, weil die Fundstelle der Mumie bekanntlich auf italienischem Staatsgebiet liegt, sondern weil der Wanderer von Süden kam. Pflanzenreste in der gefundenen Kleidung des Toten beweisen das, argumentiert der Experte. "Seither wächst auch im Schnalstal das Bewusstsein um die eigene Geschichte", weiß der Lehrer. "Die Menschen bei uns begreifen jetzt, dass sie Nachfahren einer uralten Kultur sind." Beim so genannten Labyrinth macht Gianni Bodini die Gruppe auf einen kreisförmigen Steinbau aufmerksam: "Dies dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach ein Unterstand für Hirten gewesen sein", erläutert er. Die merkwürdige Baulichkeit hat einen Durchmesser von etwa vier Metern; ein Gang windet sich spiralförmig zu einer kleinen Zelle in der Mitte. Dort wiederum ist eine kleine Nische zu erkennen. In der daneben liegenden Senke finden sich Reste eines weiteren, völlig verfallenen Steinbaus. Ein zweiter Unterstand? 2360 Meter misst man hier.

Eine gute halbe Gehstunde weiter wird der Pfad richtig steil; in Serpentinen windet er sich hinauf zum Niederjoch, und kurze Zeit später ist die Similaunhütte erreicht. Dreieinhalb Stunden dauert der Aufstieg bis hierher. Natürlich ist "Schöpsernes", also ein Braten vom Schaf, hier oben erste Wahl. Eine Geh- und Balancierstunde über Steinplatten und Schiefergneis weiter befindet sich, knapp jenseits des Hauslabjochs, "Ötzis" Fundstelle. Sie ist mittlerweile mit einem Obelisken markiert, Bronzetafeln mit italienischer und deutscher Inschrift weisen auf den sensationellen Fund vom 19. September 1991 hin. "Ganz exakt entspricht der Standort dieser Säule nicht dem Fundort", erklärt Gianni und führt die Gruppe zu einem Schneefeld, 70 Meter weiter nordöstlich.

Doch der Obelisk ist vom Schnalstal aus halt gut zu sehen ... Blitzartig schlägt das Wetter um - im Unterschied zur Jungsteinzeit stellt das im Goretex-und Handy-Zeitalter natürlich kein echtes Problem dar. Innerhalb von Minuten sind die umliegenden Felshänge vom Nebel verhüllt, der Sturm treibt Schneeschauer über den Grat. Dennoch werden die Kristallgläser aus dem Rucksack geholt, die mitgeschleppte Flasche "Ötzi"-Wein wird entkorkt. Kein Zweifel: Ötzi lebt. 5300 Jahre nach seinem Tod hat er den Menschen im Schnalstal tiefgreifende Erkenntnisse über ihre Kultur vermittelt. Dass sie ihn jetzt vor ihren touristischen Karren spannen, darf man kaum kritisieren: Es gibt alpenweit zahllose um vieles läppischere Zugpferde.

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