Zeitung Heute : Im Schrecken

Gibt es neue Erkenntnisse? Was machen die Geheimdienste? Fragen und Antworten zu den Anschlägen in London

F. Jansen[S. Beikler],B. Junge[S. Beikler],S. Nannen[S. Beikler],R.

Was haben die Ermittlungen einen Tag nach dem Anschlag erbracht?

Natürlich gibt es noch keine abschließenden Bericht über den Schreckenstag in London. Sicherheitsexperten halten es jedoch für unwahrscheinlich, dass die Bomben in den U-Bahn-Tunneln – wie in Madrid – per Mobiltelefon gezündet wurden. Die Züge fahren sehr tief unterirdisch, so dass der Empfang zu schlecht wäre, um einen solchen Anschlag mit Sicherheit durchführen zu können. In der spanischen Hauptstadt hatten Attentäter Bomben mit Hilfe eines im Rucksack versteckten Telefons zünden können. Deutsche Sicherheitskreise schlossen es am Freitag aus, dass es sich um so genannte schmutzige Bomben oder auch um chemische oder biologische Kampfstoffe handelte. Dass Al Qaida im Stande wäre, Anschläge beispielsweise mit Rizin zu verüben, wird seit langem befürchtet. Weil London im Zentrum des Hasses islamistischer Attentäter steht, vermuten Sicherheitsexperten, dass es sich bei den Anschlägen vom Donnerstag um lange geplante handelt. Demnach haben die wichtigsten Terroristenführer sich möglicherweise schon bei einem Treffen im Herbst auf dieses Attentat verständigt. Auch vor den Attacken auf das World Trade Center und das Pentagon 2001 hatte es ein solches Treffen gegeben – damals in Kuala Lumpur.

Wie ist der Terrorismus in Europa verankert?

Neben denjenigen Terroristen, die in Afghanistan in den Lagern von Osama bin Laden ausgebildet wurden und sich nach dem Krieg von dort aus über die ganze Welt verteilt haben, gibt es auch noch andere. Eine neue Generation terrorbereiter Islamisten, die die Kämpfe am Hindukusch gar nicht mehr kennen gelernt hat. Die größte Gefahr sind dabei Islamisten, die in den vergangenen zwei Jahren aus europäischen Ländern in den Irak gegangen sind, und die jetzt von dort wiederkehren, um den Terror in die europäischen Metropolen zu tragen. US-Quellen hatten die Zahl derer einmal mit 1000 beziffert. Europäische Geheimdienste bezweifeln diese Zahl und gehen eher von vielleicht einem Dutzend pro Land aus.

Welche Spuren führen aus dem weltweiten Terrornetz nach London?

Schon die Ermittlungen nach dem Terroranschlag am 11. März 2004 in Madrid bewiesen, wie weit das Netz der islamistischen Terroristen geknüpft ist. Man entdeckte Querverbindungen zu Gesinnungsgenossen in den USA, nach Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien, in die Schweiz, die Niederlande, den Irak und nach Nordafrika. Spuren führen auch von Madrid nach London. Wahrscheinlich kannten sich die Mitglieder der Madrider Terrorzelle und die der Londoner. Der letzte Telefonanruf der Madrider Terroristen, die sich beim Sturm der spanischen Polizei auf ihr Versteck am 3. April in die Luft sprengten, ging nach London. Und zwar zu jenem Mann, den die europäischen Sicherheitsbehörden als „einen der spirituellen Führer Al Qaidas in Europa“ bezeichnen. Der radikale Geistliche, der Jordanier Abu Kutada wird verdächtigt, mit seinen Hasspredigten sowohl zum Attentat am 11. März in Madrid als auch zu den Anschlägen am 11. September 2001 in den USA aufgehetzt zu haben.

Nun dürfte die Beteiligung des Predigers, dessen Auslieferung Spanien vergeblich forderte, und der von den Briten mehrmals verhaftet und wieder freigelassen wurde, an den Londoner Anschlägen geprüft werden. Für die Spanier gilt der in London wohnende Abu Kutada seit langem als eine der Al-Qaida-Schlüsselfiguren in Europa. Auch weil der mutmaßliche Führer des spanischen Al-Qaida-Armes, der Syrer Imad Eddin Barakat Jarkas alias „Abu Dahdah“, sich 20 Mal mit dem Prediger des Dschihad in London getroffen haben soll. Abu Dahdah muss sich derzeit vor Gericht in Madrid verantworten, weil er an den Anschlägen in den USA beteiligt gewesen sein soll.

Aufschlussreich ist auch, dass Mohammed Garbusi, der Gründer der „Islamischen Kampfgruppe Marokko“ (GICM), aus welcher der Großteil der Madrider Terroristen stammt, sich ebenfalls längere Zeit in London aufhielt. Genauso wie der Marokkaner Jamal Sugam, einer der Madrider Bombenleger und mutmaßliches GICM-Mitglied, vor dem 11. März 2004 nach London reiste.

Was können Geheimdienste tun?

Das zentrale Instrument der Geheimdienste gegen den Terrorismus ist der nationale wie internationale Informationsaustausch. Wer trifft sich wann mit wem und was wird dabei verabredet? Wer beschafft sich welche Substanzen und Waffen? Wer schleust wen aus welchem Land wohin? Welche Namen tauchen in Telefonaten häufiger auf? Was bedeutet welches Codewort? Wer verschiebt finanzielle Mittel wann und in welcher Häufigkeit wohin? Operationen der Geheimdienste sind erst auf der Basis einer Unzahl von gewerteten Informationen möglich. Die Geheimdienste bemühen sich dann, weitere Informationen zu sammeln und diese auszuwerten.

Geheimdienste brauchen ein gut funktionierendes Frühwarnsystem, eine gute Beobachtung. „Alle Bewegungen von Personen oder Sachen hinterlassen Spuren, vom gesprochenen Wort bis zur Chipkarte. So ist auch der zunächst nicht offensichtliche Gegner erfassbar“, sagt Ex- BND-Präsident Hans-Georg Wieck. Der Terrorismusexperte fordert, dass alle Sicherheitsbehörden auf Präventionsarbeit ausgerichtet sind und regelmäßig zum Informationsaustausch zusammenkommen, ohne die Eigenständigkeit der Behörden zu beschränken. „Zusammenarbeit ist die einzige Möglichkeit, mit der man relativ nah an die Struktur der Terroristen herankommt“, sagt Wieck. Weltweit operierende Terrororganisationen wie Al Qaida zu unterwandern, sei „sehr schwierig, aber nicht unmöglich“. Da solche Terrorgruppen mit anderen Organisationen zusammenarbeiten, gebe es immer wieder „Schwachstellen“, an denen Geheimdienste angreifen müssten.

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