Zeitung Heute : Im Schutze des Pedals

JÖRG KÖNIGSDORF

Ein Klavierabend mit Pietro de Maria im SchauspielhausJÖRG KÖNIGSDORFWer Beethovens "Appassionata" und Schumanns "Carnaval" aufs Programm setzt, sollte schon etwas zu sagen haben.Mehr jedenfalls als der Italiener Pietro de Maria, den die Kulturstiftung der bayerischen Hypobank im Rahmen ihres vierteiligen Klavierzyklus präsentierte.Über flinke Finger verfügt der Pianist allemal, Wettbewerbserfolge von Mailand (Ciani) bis Zürich (Anda) legen Zeugnis von seiner technischen Sicherheit ab.Eine eigene künstlerische Ansicht war jedoch bei seinem Klavierabend nur bei Clementis einleitender fis-Moll-Sonate auszumachen. Zwar zielte Pietro de Marias Spiel auch hier weniger auf die Wiedergabe der Satzarchitekturen, sondern malte mit reichlichem Pedaleinsatz eine Folge melancholisch gedeckter Post-Scarlatti-Reflexionen aus.Doch ließ sich hier das Verschleiern von Stimmen (und damit das Verkennen ihrer dramatischen Bedeutung) zugunsten einer vereinheitlichenden Klangatmosphäre noch am ehesten goutieren.Die bei Clementi noch vorhandenen Tugenden, Farbsensibilität und eine biegsam-freie Phrasierung, legte Pietro de Maria bei Beethoven und Schumann leider weitgehend beiseite.Die "Appassionata" schien ihn gestalterisch genauso zu überfordern wie der "Carnaval", auch auf die heikle Akustik des großen Schauspielhaus-Saales konnte der Pianist nicht reagieren.Lyrische Stellen blühten nie auf, sondern dümpelten in teigigem Einheitsgrau dahin, Rubato-Versuche wirkten aufgesetzt und hemmten den musikalischen Fluß genauso wie unmotiviert herausgehämmerte Akzentuierungen. Das kopflose Voranstürmen mit brachialer Fortissimo-Gewalt im Schutze des Pedals als effekthascherische Virtuosen-Attitüde hatte mit Klavierkunst jedenfalls nur wenig zu tun.Nach dem letzten Abend des Klavierzyklus mit dem Chilenen Alfredo Perl ein bedauerlicher Absturz.

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