Zeitung Heute : Im Schwitzkasten der Parteiräte

BRIGITTE GRUNERT

Zur SFB-Intendanten Suche.Im Dschungelkrieg um parteipolitische Interessen, Verbandsinteressen, ARD-Interessen, Intrigen, alte Berliner Rechnungen und Geldschacher haben sich die Räte verkämpftVON BRIGITTE GRUNERTSagen wir es frei nach Wilhelm Busch: Hauptstädter werden ist nicht schwer, Hauptstädter sein dagegen sehr.Der hehre Grundsatz, den öffentlich-rechtlichen Sendeplatz Berlin zu stärken, ist dem SFB-Rundfunkrat bei der Suche nach dem richtigen Intendanten offenbar total aus dem Blickfeld geraten.Im Dschungelkrieg um parteipolitische Interessen, Verbandsinteressen, ARD-Interessen, Intrigen, alte Berliner Rechnungen und Geldschacher haben sich die Räte verkämpft.In diesem merkwürdigen Gremium von Spitzenfunktionären der Parteien und sonstigen gesellschaftlichen Gruppen haben schon immer viele ihre eigenen Süppchen gekocht.Das fiel zu West-Berliner Zeiten nicht weiter auf.Aber die sind vorbei; nur dämmert das immer noch nicht allen.Seit Monaten ähnelt der Rundfunkrat einem Tollhaus - zum Gespött der Republik.Schade für den Hauptstadtsender, der um seine Zukunft bangen muß. Namen wurden genannt und im Links-Rechts-Krieg verbrannt.So ging die erste Runde der Intendantenwahl unter lächerlichem Getöse schief.Daß Zyniker jetzt den SFB wie "Struve foppt Berlin" buchstabieren, illustriert nur die Hilflosigkeit nach dem zweiten Akt der Schmierenkomödie.Betreten guckten die Königsmacher, als ihr Favorit, der den Rundfunkrat ebenfalls entzweit hatte, auf seine monatelang erhoffte Zusage binnen 24 Stunden die Absage folgen ließ.Günter Struve, der ARD-Programmdirektor, wurde von den Intendanten wieder eingefangen, die ihn ohnehin nicht gern ziehen lassen wollten, dem SFB Glanz zu geben.Sie mochten ihm kein Zubrot mit auf den Weg nach Berlin geben, köderten ihn aber mit einem Bleibe-Zubrot.Nur die angeblich hellen Berliner, soweit sie nicht ihr Kampfgeschrei in die Intendantenrunde getragen hatten, glaubten ziemlich naiv, ausgerechnet einer wie Struve würde um des ehrenvollen Rufes willen auf einen Teil seiner ARD-Aufgaben, seines Gehalts und seiner Pensionsansprüche verzichten.Die Struve-Gegner in Berlin mögen sich die Hände reiben.Alte West-Berliner vergessen keine alten Kamellen, und seien die offenen Rechnungen aus gemeinsamen politischen Tagen mit Struve noch so vergilbt. Immerhin gibt es dank der - ursprünglich natürlich umstrittenen - Ausschreibung noch sechs Kandidaten.Wenn sie heute zur Vorstellungsrunde in die Löwenhöhle gehen, müssen sie sich wie die zweite Wahl fühlen.Horst Schättle, der SFB-Fernsehdirektor und kommissarisch amtierende Intendant, gilt als der chancenreichste.Abwarten.Dem zerstrittenen Rundfunkrat ist alles zuzutrauen, selbst die Verschiebung der für nächsten Montag terminierten Wahl des Intendanten.Gewiß: Die meisten Kämpen sind müde und wollen endlich wählen.Doch wer weiß, ob nicht wieder jemand einen ganz anderen aus dem Hut zaubern möchte.Sollte jedenfalls CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky, der machtvolle Ratsmann hinter der Vorsitzenden Marianne Brinckmeier (SPD), das SPD-Parteibuch Schättles schlucken, dürfte er sich dies teuer bezahlen lassen, und zwar bei der Neubestellung des Fernsehdirektors, der auf Vorschlag des Intendanten zu wählen wäre.Außerdem muß der Intendant ohnehin den Stuhl des Chefredakteurs Fernsehen neu besetzen, denn Jürgen Engert übernimmt im März das ARD-Hauptstadtstudio.Das Gezerre hinter den Kulissen um das CDU/SPD-Strickmuster muß man sich nicht ausmalen.Der Anschauungsunterricht der letzten Monate genügt. Das Theater lehrt, was beim egozentrischen Umgang mit wichtigen Fragen der Stadt herauskommt.Im klebrigen Geflecht alter und neuer Animositäten wird am "Suchprofil" vorbeiagiert.Wie heißt es doch offiziell? Ein Intendant soll es sein, der den SFB nicht zum Anhängsel des Hauptstadtstudios verkümmern läßt, der sich also auch auf dem Holperpflaster der ARD und der Medienlandschaft überhaupt auskennt.Die private TV-Konkurrenz schläft nicht.Es gibt auch durchaus Medienpolitiker, die die ARD auf die dritten Regionalprogramme reduzieren wollen.Wie überlebt, wenn der ARD-Finanzausgleich im Jahr 2000 auslaufen sollte, der "Nehmer-Sender" SFB? Und bei solchen Zukunftsfragen samt Unterströmung von Außeninteresssen leistet sich der Rundfunkrat einen Hauskrieg, der nichts als Schaden anrichtet.Wer seinen Aufgaben nicht gewachsen ist, sollte abtreten.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar