Zeitung Heute : Im spielerischen Kontext des Kalten Krieges

KURT SAGATZ

Wer vor dem Gebäude Fuggerstraße 37 in Schöneberg steht, in dem der interaktive Dokumentar-Thriller "Berlin Connection" entstand, kann sich kaum vorstellen, daß die wenige Meter entfernt liegende Bar "Connection Berlin" nur zufällig den gleichen Namen trägt wie das aufregende Berlin-Spiel.Doch Eku Wand, ehemals Mitbegründer der Berliner Multimedia-Firma Pixelpark und inzwischen Chef von eku interactive, winkt ab.Eine Verbindung zum "Connection Berlin" oder dem ebenfalls in Schöneberg beheimateten "Berlin Connection" gebe es nicht.Ihm habe bei der Namensgebung eher der Film "French Connection" vorgeschwebt, denn auch dort geht es um unheilige Allianzen, die erst mit der Zeit für den Betrachter sichtbar werden.

Während es sich im Filmklassiker bekanntlich um Drogenschmuggel dreht, handelt das Computerspiel (sowohl für PC als auch für Macintosh) von deutsch-deutschen Verwicklungen mit durchaus realem Hintergrund."Berlin Connection" spielt zur Zeit des Mauerfalls im Jahre 1989.Ein englischer Fotograf erhält den Auftrag, Bilder von den denkwürdigen Ereignissen in Berlin zu machen.

Während seiner Recherchen lernt er die junge Ost-Berlinerin Katja kennen (und lieben), die nach einer gemeinsamen Nacht entführt wird.Offensichtlich hat er bei seiner Arbeit etwas zu viel fotografiert, denn die Kidnapper fordern nun von ihm die Herausgabe seines Materials.Doch Fotograf Roger Penrose traut den Entführern nicht und beginnt mit eigenen Ermittlungen.

Das Spiel ist dem Hauptdarsteller entsprechend als Fotogeschichte aufgebaut und besteht aus rund 3000 Einzelbildern, darunter zahlreichen Originaldokumenten aus der jüngsten deutschen Geschichte.Der Spieler schlüpft in die Rolle des Fotografen, der Stück für Stück die Hintergründe der Entführung aufdeckt und dabei viel über die Entwicklung Deutschlands nach 1945 erfährt.Vom Spielgenre ist "Berlin Connection" am ehesten mit einem Adventure-Game zu vergleichen.An die Stelle virtueller 3D-Räume tritt jedoch das digitalisierte Bildmaterial mit der leicht düster gehaltenen Herbststimmung.Einen mystischen Überbau sucht man vergebens, das eku-Team hat sich mit den Spannungselementen eines guten Krimis begnügt.Im Gegensatz zum klassischen Adventure soll zudem das Internet als Plattform genutzt werden.Vorgesehen ist ein Untersuchungsausschuß, der sich mit den Hintergründen der Entführung beschäftigen wird.Mehr dazu will Wand jedoch erst verraten, wenn das Spiel nach der Buchmesse in den Handel kommt.

Seine Recherchen führen Penrose weit zurück in die deutsche Geschichte.Im Nachkriegs-Deutschland findet er sich beispielsweise während der Berlin-Blockade auf einem Schwarzmarkt wieder.Erst nachdem er dort einige Gegenstände tauscht, kann er - zurück im Jahr 1989 - seine Suche nach Katja erfolgreich weiterführen.Gleiches gilt für eine Geheimoperation des CIA - eben der "Operation Gold" im Jahre 1956 - einer weiteren Station auf Penroses Zeitreise.Auch dort wird der Spieler zum Akteur, der nur nach einer erfolgreichen Mission seinem eigentlichen Ziel näherkommt.

Eines der zentralen Navigationselemente in "Berlin Connection" ist eine interaktive Zeitung.Auf acht Seiten kann sich der Spieler dort sowohl über die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten als auch über die für das Spiel relevanten aktuellen und historischen Ereignisse informieren.Ein Klick auf Texte und Fotos reicht aus, um die hinterlegten Ton- und Videoaufzeichnungen abzurufen und beispielsweise die Rundfunkbeiträge von Walter Ulbricht oder Konrad Adenauer zu hören oder die Film-Beiträge über Ernst Reuter, John F.Kennedy oder Günther Schabowski anzusehen.Zugleich dient die PC-Zeitung - bei der es sich übrigens um den Tagesspiegel handelt - auch als Zugang zu den Zeitreisen.Dort wird der Spieler auch in einen Fluchttunnel entführt.

Durch seinen Informationsreichtum gehört "Berlin Connection" eigentlich bereits in die Gattung Edutainment.Auf spielerische Weise werden historisches Wissen und Stimmungen vermittelt.Damit eignet sich das Spiel zwar nicht als Ersatz zum Schulbuch; doch genau wie ein Besuch des Mauermuseums ist die CD in der Lage, Einblicke aus einer ganz anderen Richtung zu gewähren.Nicht nur für Jugendliche mit Computerfaible ist "Berlin Connection" damit geeignet, sondern gleichwohl für andere historisch interessierte Spielefans, die sich zum Spielen bislang nicht vor den Computer gesetzt haben, weil ihnen ballernde 3D-Wesen auf die Nerven gingen.

Berlin Connection, eku interactive, Preis: 69 DM (Fachhandel) oder im Tagesspiegel-Shop in der Potsdamer Straße für 59 DM (solange der Vorrat reicht).Verfügbar ab 15.Oktober.Systemvoraussetzungen: Multimedia PC ab Pentium 90 mit Windows 95 oder NT 4.0 oder vergleichbarer Macintosh ab System 7.1.

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