Zeitung Heute : Im Staatsrat Suppe löffeln

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Ein Gegensatz kann nicht größer sein als hier, am Schloßplatz: Hinter dir wird gerade der Palast der Republik demontiert, vor dir steht abweisend wie eine Burg das einstige Staatsratsgebäude. Dieses ist nach dem unerklärlichen Ratschluss der Sieger der Geschichte erhalten geblieben oder glatt vergessen worden, als man darüber befand, was in die neue Zeit mitgenommen werden sollte. So kam es, dass eines Tages Gerhard Schröder dort einzog, wo vorher Walter Ulbricht und Erich Honecker vom Balkon geguckt hatten.

Ich war nicht dabei, aber erinnere mich, dass sie am „Palast“ vor 16 Jahren flugs das runde Wappen abmontiert hatten, pfui Hammer, Zirkel, Ährenkranz, während dieses DDR-Symbol im Staatsratshaus jetzt renoviert unter Denkmalschutz steht – in jenem Saal, in dem heute die Wirtschaftseliten trainiert werden. Eine kleine Ironie der Ökonomie? Vorsichtshalber haben sie eine Gardine angebracht, hinter der das Ding verschwinden kann. Aber auf jeden Fall sind sie in der European School of Management and Technology das Gegenteil von kleinkariert, und deshalb gehen wir jetzt mal einfach rein in die kapitalistische Kaderschmiede. Schloßplatz 1 ist nämlich im Parterre ein öffentliches Haus. Nach der Betrachtung des optimistischen Buntglasabbilds vom Weg der roten Fahne schwenkt der scheue Gast nach links und kommt in ein Café, in dem er schon mal mit einem Manager-Karrieristen in spe ins Plaudern kommen und dabei einen Teller Grüne-Bohnen-Suppe genießen könnte. Zur Erbauung schlendert der Herr Rentner dann in den Buchladen; hier hängt der Himmel voller literarischer Geigen, das Klügste, Neueste und Originellste haben sie da, eine „Anleitung zum Unglücklichsein“ zum Beispiel für alle Fälle und die Antwort auf die Frage, die uns schon lange bewegt: Was macht die Mücke beim Wolkenbruch? Berlin wird reicher mit jedem Tag!

Schloßplatzcafé und Buchladen No. 1, geöffnet Mo. bis Fr. von 10 bis 20 Uhr.

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