Zeitung Heute : Im Sternenhimmel

ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

Benjamin Lebert

In einer Woche erlebt jeder von uns schätzungsweise 10 000 Momente. Einen davon hält Benjamin Lebert fest.

Wisst ihr eigentlich, Kinder, dass die Sonne eines Tages sterben wird? Und wisst ihr, wie das sein wird? Sie wird immer größer und größer, ein roter Riese, der den ganzen Himmel einnimmt, zuerst den Merkur, dann die Venus und dann die Erde frisst, alles, was lebt, kriecht oder fliegt, alle Steuerberater und Fußballtrainer, alle kleinen Hunde und dicken Nilpferde, Papa und Mama und dich und mich.

Das wird in etwa sechs Milliarden Jahren sein, und deshalb, hat kürzlich auch ein Wissenschaftler halb im Scherz geschrieben, müssen wir jetzt so langsam etwas gegen die Sonne unternehmen. Sonnenmilch mit Lichtschutzfaktor 27 nützt da allein nichts mehr.

Man liegt auf der Wiese vor der Universität und hat keine Ahnung, was sich da zusammenbraut. Einen Beruhigungsfaktor gibt es – wenn die Sonne nicht mehr scheinen sollte, dauert es acht Minuten, bevor wir es merken.

Woher ich das alles weiß?

Ich habe mir auf die Wiese vor der Universität eine Zeitung mitgenommen und alles über die Sonne darin gelesen, in einem Sonderteil, von Wissenschaftlern geschrieben. Da stand auch: wäre der Abstand von der Erde zur Sonne nur zwei Prozent kleiner oder größer, so wäre Leben bei uns ausgeschlossen. Auf der Venus, dem nächsten Planeten Richtung Sonne, ist es 450 Grad heiß. Auf dem Mars hat es 60 Grad unter Null. Nur, weil für sie die Sonne zu nah oder zu weit weg ist.

So was liest man, wenn einem beim Lesen ein Frisbee auf den Kopf knallt. Jemand kommt, sagt Entschuldigung und holt den Frisbee ab. Ich drehe mich auf den Bauch. Das Gras riecht gut. Und der Tag ist so schön und unsere Erde ist so schön.

Verdanken wir es dem Zufall, dass wir uns in der richtigen Position zur Sonne befinden? Wäre es auch möglich, dass wir überhaupt nicht da wären? Ich nicht, und die kleinen roten Ameisen, die mir in die Hose kriechen auch nicht? Und die vielen hübschen Studentinnen ringsherum ebenfalls nicht? Habe ich einen Sonnenstich, weil ich über so etwas nachdenke? In meiner Cola schwimmt eine Wespe. Aber ich töte sie nicht. Ich hole sie mit einem Grasstängel heraus. Sie soll auch leben.

Schon ein merkwürdiger Gedanke, dass die Sonne so riesengroß wird, bevor sie stirbt. Das römische Weltreich fällt mir dazu plötzlich ein. Als es sich unermesslich über Europa, Asien und Afrika ausgedehnt hatte, als es ein Riesenreich geworden war, da ging es unter. Man könnte es auch auf Menschen übertragen. Napoleon auf der Höhe seiner Macht: ging unter. Falls ich im Geschichtsunterricht aufgepasst habe. Hitler ist auch zerplatzt. Es gibt ja diese Theorie, dass es zwangsläufig mit jeder Supermacht geschieht.

Es ist wirklich wahnsinnig heiß. Mein T-Shirt klebt am Rücken. Wir haben August, Höhepunkt des Sommers. Wenn ich eine Jahreszeit wäre, dann wäre ich am liebsten der Herbst.

Da, sagt man, ist die Sonne schon müder geworden. Sie glüht nicht mehr so. Das kommt nur uns so vor. Wenn ich beispielsweise im September mit einem Mädchen auf einer Bank sitze, und wir in den Himmel schauen: Schau mal, den großen Wagen, den Orion, den Stern, der da hinten so flimmert – dann muss ich immer daran denken, dass manche Sterne, die wir am Himmel leuchten sehen, schon tot sind. Nur ihr Licht ist noch unterwegs, eine Zeit lang.

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