Zeitung Heute : Im Sudan gibt es keine Hoffnung

WOLFGANG KUNATH

Gibt es das: Daß eine Mutter dem schwächsten ihrer Kinder nichts mehr zu essen gibt, damit wenigstens die etwas stärkeren durchkommen? Ja, das gibt es in unserer Welt der Internetanschlüsse und der Fitneßcenter, der Müsliriegel und der Börsenkräche eben auch.Der Sudan, genauso wie ein paar andere trostlose Landstriche, drehen sich einfach mit auf unserer Erdkugel.Der Sudan - das ist eine erschreckend unwirkliche Wirklichkeit.

Vor einer elfjährigen Unterbrechung abgesehen, herrscht am Weißen Nil seit 32 Jahren Krieg, und ein Ende ist nicht abzusehen.In dem riesigen afrikanischen Staat ist zusammengezwungen, was nicht zusammengehört und was auch nie zusammenwachsen wird.Der Norden ist arabisch, und das heißt aus südlicher, aus schwarzafrikanischer Sicht arrogant, überheblich, hochfahrend - Sklavenjäger-Mentalität, sagt man, und in solchen Qualifikationen kommen immer noch furchtbare Erfahrungen und uralte Ängste zum Ausdruck.Der Süden ist afrikanisch; die Araber tendieren bis heute dazu, die Schwarzen da unten als minderwertig anzusehen, als Objekte der Beherrschung, Benutzung, Ausbeutung.Der Norden ist islamisch, und seit dem Militärputsch vor neun Jahren kommt der Islam reichlich militant und radikal daher.Die Elemente friedlicher, freundlicher, frommer Toleranz, die dieser Religion andernorts zueigen sind, hat das islamistische Regime in Khartum weitgehend ausgemerzt.Im Süden hat das Christentum die traditionellen Naturreligionen zurückgedrängt, die gleichwohl noch existieren.Mancher christliche Fundamentalist mag im Südsudan auch noch heute Kreuzzug spielen.Den Sudan-Konflikt als Religionskrieg zu beschreiben, greift dennoch viel zu kurz.Der Konflikt ist vielschichtiger.Während sich andernorts in Afrika verschiedene Kulturkreise friedlich überlagern, stoßen sie im Sudan waffenstarrend aufeinander.

Der Sudan hat Öl, viel Öl.Der Konzern Chevron, so schreibt die Menschenrechtsorganisation African Rights, hatte schon eine Milliarde Dollar in den sudanesischen Ölsektor investiert, als 1983 nach elfjähriger Pause die Kämpfe wieder losgingen.Allerdings sind die Nordsudanesen - vereinfacht gesagt - der Meinung, die Ölfelder seien im Süden des Nordens, während die Südsudanesen finden, sie lägen im Norden des Südens.So ist eigentlich ganz verständlich, daß immer wieder von einer wie auch immer gearteten Autonomie des Südens die Rede ist, daß Khartum bereitwillig eine solche Lösung anbietet, die es ja bis 1983 schon einmal gab.

Das Öl mag auch erklären, warum Washington sich so eindeutig auf die Seite der südsudanesischen Rebellion geschlagen hat.Amerikas Feindbild ist der radikale Islam, und Khartum hat vieles getan, um diesem Klischee zu entsprechen.Würde der Süden unabhängig, stünden beträchtliche Ölvorräte nicht mehr unter der Kontrolle radikaler Islamisten.Man kann sich allerdings fragen, ob so eine Logik der Weisheit letzter Schluß ist, ob mit einem konzilianteren Kurs nicht mehr erreicht worden wäre.Inwieweit der gestrige Bombenanschlag das politische Umfeld verändert, ist noch nicht absehbar.Es ist aber bemerkenswert, wie schnell die neue Afrika-Politik der USA in Trümmer gesunken ist.Der Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien hat die Allianz gegen Khartum zerbrechen lassen.Ruandische und kongolesische Soldaten, die 1997 noch mit Billigung Washingtons Mobutu gestürzt haben, schießen aufeinander - und das alles ein halbes Jahr nach dem als historisch gepriesenen Clinton-Besuch auf dem Kontinent.

Und der Sudan? Dort wird man ab und zu ein bißchen über Frieden sprechen und dann weiterkämpfen.Von Zeit zu Zeit werden Kriegswirren und Klimalaunen so zusammentreffen, daß Hunderttausende vom Hunger bedroht sind.Dann werden die Vereinten Nationen und die Hilfsorganisationen wieder Luftbrücken bauen und Lastwagenkonvois losschicken, um den Hungernden Mais und Proteinplätzchen zu bringen.Die Helfer werden die Zähne zusammenbeißen und die Augen verschließen, wenn die Soldaten ihre "Steuern" von der Nahrungsmittelshilfe abzweigen, weil man sonst den wandelnden Skeletten überhaupt nicht helfen könnte.So wird es wohl weitergehen - so unwirklich-wirklich wie in den vergangenen fünfzehn Jahren.

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