Zeitung Heute : Im Tresor

Wie ein Stück Weltkulturerbe nach Berlin kam Der Musikabteilung der Staatsbibliothek - Preußischer Kulturbesitz gehört die weltweit größte Sammlung von Mozart-Autographen

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Von Christiane Tewinkel Am Anfang standen sechs Brüder und eine Schwester, Kinder des Komponisten und rührigen Musikverlegers Johann Anton André aus Offenbach. Kaum 24 Jahre alt, war dieser André nach Wien gereist, um Constanze Mozart aufzusuchen und ihr den Nachlass ihres Mannes abzukaufen. Jahrelang hatte die verwitwete Constanze alles sorgsam aufbewahrt. Als sich bald nach Mozarts Tod abzeichnete, dass die musikalische Öffentlichkeit seine Musik mehr und mehr goutierte, hatte Constanze sich an Mozarts alten Freund, den Abbé Maximilian Stadler, gewandt, der sich mit dem Dänen Georg Nikolaus Nissen über die Notenblätter beugte und den Bestand sichtete.

Noch heute zeigen manche der Autographe Nissens Spuren. „Von Mozart und seine Handschrift“ setzte er auf die Blätter, oder: „Eigne Handschrift“. Für etwas mehr als dreitausend Gulden händigte Constanze seinerzeit André die solchermaßen aufbereiteten Handschriften in 15 versiegelten Paketen aus – nicht ohne parallel noch Verhandlungen mit Breitkopf & Härtel zu führen. Doch wurde sie mit dem Großverlag aus Leipzig nicht handelseinig. Nun besaß André also einen Großteil der Mozart’schen Werke. 1841, ein Jahr vor seinem Tod, veröffentlichte einer seiner Schüler ein Verzeichnis aller dieser Originalhandschriften.

Damals versuchte man vergeblich, die Sammlung in die sicheren Arme einer großen höfischen Bibliothek zu bringen. Aber weder in Wien noch in Berlin oder in London gelang dies. Am Ende wurde alles an die sechs Söhne Andrés verteilt, an Carl August, Anton, Julius, Gustav, August und Jean Baptiste. Und an die Nachkommen der 1847 verstorbenen Schwester Auguste Streicher, geb. André. Von hier aus zerstreute sich der Mozart-Nachlass in alle Richtungen.

Auch die Musikabteilung der Königlichen Bibliothek zu Berlin, deren Vorgängerinstitution, die Kurfürstliche Bibliothek, 1661 gegründet worden war, kaufte etwa fünfzig Objekte an. 1866 schenkte man ihr aus Privatbesitz die „Zauberflöte“, einige Jahre später erhielt sie die „Jupitersinfonie“. Drei der Gebrüder André boten der Berliner Bibliothek dann Anfang der 1870er Jahre ihre insgesamt noch 140 Nummern an, etwa die Hälfte des gesamten Nachlasses. Das Ministerium zahlte zwölftausend Taler, die Bibliothek griff zu.

Sicherlich half bei diesen Schenkungen und komplizierten Ankäufen, dass man im Preußen dieser Zeit gern bereit war, Sponsorenleistungen von Kaufleuten und Fabrikanten mit der Verleihung von Orden und Titeln zu vergüten. In Berlin lagerten inzwischen mehrere frühe Opern, „Cosí fan tutte“, sieben Messen, 15 Klavierkonzerte, 24 Sinfonien und viele weitere Werke. Der Wiener Bankier Fischhof schenkte der Musikabteilung die Oper „Il re pastore“, die er seinerzeit von dem jüngsten Bruder Jean Baptiste André erhalten hatte. Und auch Richard Wagener, ein Berliner Arzt und Anatom, überließ der Abteilung seine Mozart-Handschriften, darunter neun Sinfonien und die „Maurerische Trauermusik“.

Und weiter strömten die Mozart-Handschriften nach Berlin, oftmals quittiert mit einem Titel für den freundlichen Geber, mitunter aber auch, weil die Bibliothek geschickt zu recherchieren und zu verhandeln wusste: Die sechs Bläserdivertimenti kamen hinzu. Die drei Messen KV 257/259. Die c-Moll-Messe KV 427. Die „Prager“ Sinfonie oder das Streichquartett KV 171. Nicht alles stammte aus der Sammlung André: „Le nozze di Figaro“ zum Beispiel hatte auf verschlungenen Wegen zu dem Berliner Musikverleger Fritz Simrock gefunden, von wo die Partitur durch testamentarische Schenkung in die Bibliothek gelangte. Die letzte ganz große Gabe kam von dem Komponistenneffen Ernst von Mendelssohn-Bar- tholdy, der der Königlichen Bibliothek die Partitur der „Entführung aus dem Serail“ vermachte. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor sich die Grundlage dieser vielen Händel. Es gab kaum noch selbstlose Mäzene. Es gab noch nicht einmal mehr an Titeln und Orden interessierte Spender. Von nun an musste die Bibliothek selbst für Neuerwerbungen aufkommen. Nach 1930 kaufte sie vor allem Skizzen, Kadenzen, Fragmente und Separatstimmen. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs dann sah sie sich gezwungen, ihren Spitzenbestand zu zerteilen und auszulagern. Mozart-Autographe wurden bis an die Donau, ins Kloster Beuron, bis nach Pommern und Schlesien verschickt.

Nach der Kapitulation blieben rund 110 Mozart-Autographe, die zunächst nach Schloss Fürstenstein in Schlesien und später ins Benediktinerkloster Grüssau verbracht worden waren, jahrzehntelang verschollen. Erst Ende der 70er Jahre verdichtete sich die Gewissheit, dass sie in die Jagiellonische Bibliothek in Krakau gelangt waren. Einiges davon, darunter die „Zauberflöte“, die Jupitersinfonie oder die c-Moll-Messe, brachte der polnische KP-Generalsekretär Edward Gierek im Mai 1977 mit, als er auf Staatsbesuch in der DDR weilte. Anderes, wie einzelne Akte aus der „Entführung“ oder dem „Figaro“, liegt noch immer in Krakau. Doch ist es heute längst kein Problem mehr, die Schätze der „Berlinka“, wie die aus der Preußischen Staatsbibliothek stammenden Sammlungen in Krakau genannt werden, einzusehen und zu untersuchen. Eher schon schmerzt die Bibliothekare, dass noch immer einzelne Werke, vor allem Opern, auseinander gerissen bleiben. Was die Nachkriegszeit in Ost- und Westdeutschland angeht, so gelangten die ausgelagerten Mozart-Autographe je nach Besatzungszone in die Bibliothek Unter den Linden oder in die Universitätsbibliothek Tübingen. Im Westen nahm man die Erwerbungstradition rasch wieder auf und kaufte weiter ein. Der auf diese Weise erweiterte Sammlungsteil kam Ende der 1960er nach West-Berlin. Nach der Wiedervereinigung zogen sich die vielen Fäden wieder zusammen.

Heute befinden sich die Berliner Anteile am Corpus der Mozart-Autographe in der vereinigten Musikabteilung im Stammhaus Unter den Linden. Nur ganz wenige Handschriften blieben verloren. Nie wieder aufgetaucht ist etwa das Notturno für vier Orchester KV 286. Doch besitzt die Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin mit ihren knapp 300 Nummern noch immer die weltweit meisten Mozart-Autographe. Hier liegen auch 80 Prozent aller Bach-Autographe und der größte Teil von Beethovens Werkarchiv, darunter die Autographe der fünften, achten und neunten Symphonie. Das aber ist Stoff für andere Jahre.

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