Zeitung Heute : Im Turm

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Der Sprung nach Berlin. In den Weltruhm. Einsteins Berliner Jahre markieren vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges bis zum Anbruch der Naziherrschaft eine ganze Epoche. In dieser Zeit wird der Wissenschaftler als Pazifist auch zur politischen Figur. Privat zerbricht die Ehe mit Mileva; Einstein, während des Krieges erkrankt, zieht der Pflege und Liebe wegen 1917 zu seiner Cousine Elsa, die beiden jeweils Geschiedenen heiraten zwei Jahre später. Ab Oktober 1917 ist der inzwischen international umworbene Professor ohne Lehrverpflichtung auch Direktor des KaiserWilhelm-Instituts für Physik. Doch weil das Institut kein Gebäude hat, residiert es faktisch in Einsteins Arbeitszimmer, seinem „Turm“, einer Mansarde oberhalb jener nun erstmals großbürgerlichen Achtzimmerwohnung in der Haberlandstraße 5 in Berlin-Schöneberg.

Hier im Turmzimmer darf Einstein ungestört von Gattin Elsa seine Pfeife qualmen und dabei, wie zeitlebens Tag für Tag, jedes greifbare Stück Papier mit mathematisch-physikalischen Formeln füllen, mit Fachkollegen diskutieren oder seiner Sekretärin Helen Dukas die Briefe an Wissenschaftler, Künstler, Politiker und Fans diktieren.

Bis zur Emigration, 16 Jahre lang, leben die Einsteins in der im Stil der Zeit eher dunklen, von behäbigen Möbeln zumeist aus Elsas Familienbesitz beherrschten Wohnung in Schöneberg. Konspirativ, unter falschem Namen, wird das Inventar des „Feindjuden Einstein“ nach 1933 immerhin gerettet und gen Princeton verschifft. Aber das Haus, in dem bei den Einsteins von Max Liebermann bis Charlie Chaplin die Prominenz jener Jahre verkehrte, ist im Krieg völlig zerstört worden. Wo heute die Nr. 5 auf dem Wegschild steht, gähnt zwischen den Neubauten der Haberlandstraße eine Baulücke: ein Parkplatz. Einzig im Vorgarten gegenüber erinnert eine Steintafel an den hier nicht mehr recht vorstellbaren historischen Ort.

Wer indes etwas von der Aufbruchstimmung des physikalisch-technischen Zeitalters in und um Berlin erfahren will, der bekommt einen vorzüglichen Eindruck im „Wissenschaftspark Albert Einstein“ auf dem Potsdamer Telegraphenberg. Die Astro- und Geophysik, die Meteorologie und die frühe Klimaforschung haben in den lichten Wäldern von Potsdam-Babelsberg Ende des 19. Jahrhunderts in schmucken Backsteinbauten ihre von Kuppeln gekrönten Laboratorien aufgebaut. Hier wurden Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie 1919 empirisch bestätigt und 1917/21 für ein Spiegelteleskop der „Einsteinturm“ gebaut. Das 20 Meter hohe, in seinem weißen Beton als Mischung aus U-Boot und Ufo erscheinende Gebilde des jungen Architekten Erich Mendelssohn ist in die Baugeschichte der Neuzeit eingegangen. Die restaurierte, bis heute genutzte Forschungsstätte kann nach Voranmeldung bei der Berliner Urania besichtigt werden. Gleich im Foyer grüßt dort Einsteins Kopf mit ungewohntem, wie vorahnend wehmütigem Ausdruck: die letzte Porträt-Skulptur vor der Vertreibung durch die Nazis.

Näher noch kommt man ihm und seiner Berliner Zeit ein paar Kilometer südlich von Potsdam im legendären Sommerhaus von Caputh. Einstein, nicht reich, aber in der Lage, sein Nobelpreisgeld vorab seiner ersten Frau zu vermachen, er ließ sich das zweistöckige, rotbraune Holzhaus am Waldrand oberhalb des Schwielowsees 1929 von dem jungen Architekten Konrad Wachsmann entwerfen. Es ist das einzige authentische Zeugnis, wie der revolutionäre Denker leben wollte.

Einstein war ja sonst in ästhetischen Fragen bestürzend konservativ. In der Musik ging ihm nichts über Mozart, die Moderne, gar Schönbergs Zwölftonkompositionen, war ihm zuwider, die von ihm in der Physik ergründete Relativität von Zeit und Raum blieb ihm in der Literatur und der bildenden Kunst völlig fremd. Aber in der gemäßigten Bauhaus- Architektur von Caputh weht plötzlich Einsteins frischer Wind: ein in Material und Schnitt so schlichtes wie elegantes Domizil, mit großzügigen Terrassen, Fenstern und Ausgängen in den zum See abfallenden Garten. Ein Haus, das zur socken- und schlipslosen Legerheit des leidenschaftlichen Seglers passte, der noch unbehelligt von den heute am Fuß des Grundstücks angesiedelten Häusern zum Ankerplatz seines „Tümmler“ genannten Segelboots gelangen konnte.

Das Haus von Caputh, in dem Einstein vier glückliche Sommer mit Familie, Freunden und wechselnden Geliebten verbrachte, in dem Heinrich Mann und Rabindranath Tagore, Erich Kleiber und Max Planck, der spätere erste Präsident Israels Chaim Weizmann und Anna Seghers verkehrten, es wird derzeit mit größter Sorgfalt und bis auf ein paar neuere Heizkörper originalgetreu restauriert und im Mai wieder für Besucher und Veranstaltungen des Potsdamer Einstein Forums zugänglich. Aus Einsteins Arbeits- und Schlafzimmer am Ende des unteren Flurs sind zwar keine Einrichtungsstücke mehr erhalten. Aber die wunderbare gußeiserne Badewanne mit ihren Löwenfüßen, in ihr hat der – ähnlich wie Brecht mitunter etwas streng riechende – Hausherr tatsächlich gebadet.

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