Zeitung Heute : Im Untergrund des Lebens

CHRISTINA TILMANN

"Verrückt bleiben, verliebt bleiben" von Elfi MikeschWas heißt hier schon verrückt? Torsten Ricardo Engelholz, der Protagonist in Elfi Mikeschs Dokumentarfilm "Verrückt bleiben, verliebt bleiben", präsentiert sich so intelligent, so phantasievoll und selbstbewußt, daß die landläufigen Vorstellungen von Gesundheit und Gestörtheit endgültig durcheinandergeraten.Eine Erkenntnis, die der 31jährige Berliner mit Michel Foucault teilt: "Menschen, die sich Behinderten gegenüber unsicher und gehemmt fühlen, sind selbst behindert: Wissensbehindert", erklärt Torsten seinem Freund. Torstens Biographie ist eine Geschichte des Sieges über Krankheit und Schmerz.Jede psychische Störung ließe sich erklären mit seiner grauenvollen Kindheit: Aufgewachsen in einer Berliner Trabantenstadt, von den Eltern als "geistig behindert" acht Jahre in einer dunklen Besenkammer gehalten, mißhandelt, vernachlässigt, dann auf Betreiben des Vaters in die Kinderpsychiatrie abgeschoben, dort vergewaltigt.Später zwei Jahre Beruhigungszelle, Betreuungsgruppe, Krebstherapie. Torsten weiß um seine Gefährdung, er kennt die zerstörerische Wut, kennt aber auch die Befriedigung, danach wieder "Ordnung" zu schaffen.Als Schauspieler und Maler am Theater Thikwa hat er Freunde gefunden und künstlerischen Erfolg: Woyzeck, Kaspar Hauser, Orpheus waren seine Rollen.Und er hat die U-Bahn.Mit der verbindet ihn eine fast erotische Beziehung: "Die U-Bahn könnte ich heiraten, denn sie ist treu.Sie verläßt mich nicht.Die U-Bahn kommt immer an." Tagelang U-Bahn fahren ist seine Leidenschaft: Er kennt jeden Bahnhof, kann die Zugansager täuschend nachmachen, pilgert zur Metro nach Wien und Budapest.Berlin als Weltstadt der U-Bahnen, träumt er angesichts der Bauarbeiten am Lehrter Stadtbahnhof.Die Ameisenstraßen in der Baumrinde erscheinen ihm als gigantisches U-Bahn-Universum.U-Bahn fahren, vom dunklen Tunnel ins helle Licht, heißt für ihn den Tod überwinden. Elfi Mikesch filmt ruhig und zurückhaltend, kommentarlos: Vom berechtigten Zorn angesichts dessen, was Menschen einander antun können, ist bei ihr nichts zu spüren.Mit gleitenden Kamerafahrten folgt sie Schienen und Tunnel, nichts erweist sich als visuell dankbarer als das rhythmische Zusammenfließen von Schienensträngen.Kapricen und Tricks sind auch bei Großaufnahmen nicht erforderlich: Torstens schneller Ausdruckswechsel zwischen abwesender Starre und begeistertem Leuchten, zwischen Zärtlichkeit und Trauer sorgt für Spannung genug.Kein Wunder, daß der Zuschauer am Ende des Films keinen Unterschied mehr sieht zwischen Verrücktsein und Verliebtsein.CHRISTINA TILMANNIm Moviemento und im Filmtheater Hackesche Höfe.

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