Zeitung Heute : IM WM-FINALE HEUTE ABEND GEGEN GASTGEBER FRANKREICH: Ein Arbeiter soll Brasiliens Künstler zum Titel führen

MICHAEL ROSENTRITT

PARIS .Er ist nicht irgend jemand.Und schon gleich gar nicht jedermanns Liebling.Carlos Dunga hat sich seinen schlechten Ruf wahrlich hart erarbeitet.Vornehmlich auf dem Fußballplatz, denn außerhalb des Rasens pflegt er eher die feinere Klinge zu schwingen, gilt als ruhiger, ja fast schon introvertierter Typ.Für TV-Spots jedenfalls ziemlich ungeeignet.Er ist nicht zu sehen, wenn Roberto Carlos mit dem Bällchen am Bein durch die Flughalle dribbelt oder Ronaldo in einem Werbespot am Strand der Copacabana gar als Torwart in den Sand hechtet.Dunga ist eben Dunga, was zu gut Deutsch Schlafmütze heißt, aber die Sache auch nicht trifft.Denn dieser Carlos Caetano Bledorn Verri, wie Dunga mit bürgerlichem Namen heißt, wird aller Voraussicht nach heute abend den Weltpokal als Kapitän der brasilianischen Fußballnationalmannschaft in den Pariser Nachthimmel strecken.

Wenn nicht, wenn heute abend (21 Uhr, ARD) Frankreich gewinnen sollte, dann werden die brasilianischen Journalisten auf ihn einschlagen und das schreiben, was sie eigentlich schon immer wollten: den Abgesang auf einen zu alten, zu wenig brasilianisch spielenden Mann, der sich allzu oft als Meckerkopf ihren Lieblingen gegenüber aufspielt.Nur zwischenzeitlich, bei der Weltmeisterschaft 1994 in den USA, als Brasilien mit einem überragenden Kapitän Dunga den Titel gewann und er seine unzähligen Kritiker im Land der Fußball-Lust und -Leidenschaft besänftigen konnte, ließen sie ab von ihm.Aber Dunga weiß, daß heute diese seine Kritiker im Stade de France in St.Denis wieder sitzen werden.Sollte Brasilien zum fünften Mal den WM-Titel gewinnen, werden auch die bösen Geschichten über den Kapitän in den Schubladen bleiben.Vielleicht dann auch für immer.

Ginge es nach Mario Zagallo, gäbe es diese Geschichten erst gar nicht.Für den Trainer der "Selecao" ist der 34 Jahre alte Mittelfeldspieler "ein großer Fußballer und Mensch.Er führt die Mannschaft auf und neben dem Rasen, setzt sich stets hundertprozentig ein, stellt sich ganz in den Dienst der Mannschaft.Dunga hat eine spezielle Stellung in der Mannschaft".Nun, Zagallo dürfte es wissen, schließlich war er an allen WM-Erfolgen der Brasilianer beteiligt.

Dunga darf sich bei Zagallo so ziemlich alles erlauben.Auch wenn er auf seine Mitspieler losgeht.So geschehen im Vorrundenspiel gegen Marokko, als er vor ausverkauftem Haus Stürmer Bebeto an die Wäsche wollte, da dieser seiner Meinung nach zu wenig gearbeitet hatte.Allein Leonardo konnte Schlimmeres verhindern, indem er Dunga umklammerte und erst losließ, als sich dessen Gemüt wieder beruhigt hatte.Später hat sich Dunga bei Bebeto entschuldigt: "Aber wenn ich Mißstände erkenne, die unseren Erfolg gefährden, greife ich ein.Mit Bebeto hat das nichts zu tun."

Dunga verkörpert wie kein anderer im Team der Ballkünstler den ungeliebten Kraft- und Kampffußball der Europäer."Ich spiele stets mit Herz und Seele, und nur wer so spielt, kann das Maximum aus seinen Möglichkeiten machen", erzählt Dunga.Ein glänzender Techniker war er noch nie.Er versteht Fußball in erster Linie als Arbeit.Und seine Mannschaftskollegen haben es gelernt, dies an ihrem unumstrittenen Chef zu schätzen."Dunga ist ein bewundernswerter Mensch und hilft gerade den jungen Spielern in schwierigen Situationen", sagte der zweifache "Weltfußballer" Ronaldo nach dem Halbfinale gegen Holland.Dunga war einer der erfolgreichen Elfmeterschützen, die dank seiner Sicherheit nach 120 Spielminuten nicht die Nerven verloren hatten.

Kaum ein Angriff, der nicht über ihn läuft.Er wedelt mit den Armen, gibt Anweisungen, mal mit dem Auge zwinkernd, mal lauthals brüllend.Zagallo setzt auf die taktische Intelligenz und Routine Dungas, der mit allen Vollmachten auf dem Platz ausgestattet ist.Das war nicht immer so.Vor allem nicht beim VfB Stuttgart, wo er von 1993 bis 1995 spielte."Deutschland war eine wichtige, gute Erfahrung für mich", erzählt Dunga, der sich zuletzt isoliert fühlte."Es war mein Fehler, daß ich zu spät begann, die Sprache zu lernen." Dunga, der sich zu wenig respektiert glaubte, verließ die Schwaben und heuerte in Japan bei Jubilo Iwata an.

Besonders heute abend bauen die brasilianischen Künstler auf ihren Arbeiter."Wenn Dunga die Mannschaft führen und zusammenhalten kann", sagt Zagallo, "bin ich mir sicher, daß wir Weltmeister werden können." Die Mannschaft sei in Takt, alle fit."Ich bin stolz, in dieser Mannschaft zu stehen", sagt Dunga, "aber alles andere als der Titelgewinn wäre eine große Enttäuschung für uns und ganz Brasilien." Und dann kämen doch noch die üblen Geschichten.

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