Zeitung Heute : Im Zeichen des Bösen

CHRISTIAN SCHRÖDER

Angst ohne Lust: die australische Gewalt-Studie "The Boys"VON CHRISTIAN SCHRÖDERIn vielen Filmen kommt Gewalt bloß als dramaturgisches Schmiermittel vor, das ein bißchen Nervenkitzel in die Handlung bringt.Wenn die Pumpgun knattert und das Blut spritzt: schon geil.Süße Angstlust geht vom Schrecken aus, denn auch im heftigsten Gemetzel weiß der Zuschauer doch immer, daß das alles bloß Kino ist."The Boys" fehlt dieser Trost, und deshalb wirkt der australische Beitrag im Wettbewerb der Berlinale tatsächlich beängstigend.Gewalt, das zeigt der Film mit schmerzender Genauigkeit, braucht kein Motiv, nur einen Auslöser.Treffen kann sie jeden.Drei Männer fallen über eine Frau her, die zufällig ihren Weg kreuzt.Was sie ihr antun, das zeigt der Film schon nicht mehr.Es gibt nichts, was Täter und Opfer verbindet.Außer der Tat.Und nachher ist nicht bloß das Leben des Opfers zerstört, sondern auch das der Täter. "The Boys": So nennt Sandra Sprague (Lynette Curran) ihre drei Söhne immer noch, obwohl sie ihr schon längst über den Kopf gewachsen sind.Als könne sie sie dadurch zu Kindern zurückverwandeln, als würde dann alles wieder gut.Am Anfang wird Brett (David Wenha), dessen Hass vor allem Selbsthass ist, aus der Haft entlassen.Am Ende des Films, 24 Stunden später, wird er wieder im Gefängnis sein.Mit seinen Brüdern Glenn und Stevie teilt er seine Vorliebe für geschmacklose Joggingklamotten.Ihre vom Alkohol gezeichneten Gesichter verstecken sie hinter Fusselbärten.Prolochic.Die Wohnung, in der sie hocken wie Tiere in einem Käfig, bezahlt das Sozialamt.Man schlägt die Zeit tot mit Bier und Fernsehen und Prügeleien.Gewalt: Ein aufziehendes Gewitter, das sich entladen muß.Als ihre Frauen (eine wird von Toni Collette gespielt, bekannt aus "Muriels Hochzeit") Reißaus genommen haben, setzen sich die Brüder ins Auto und fahren ziellos durch die Nacht.Bis sie auf ein Mädchen treffen."Die holen wir uns", sagt Brett.Dann folgt eine Schwarzblende.Und der Abspann. In seinem ersten langen Spielfilm geht es Regisseur Rowan Woods nicht um Moral.Mit quasi-dokumentarischer Genauigkeit zeigt er die Entwicklungsgeschichte eines Verbrechens, ohne eine Wertung mitzuliefern.Diese scheinbar distanzierte Machart erinnert an die Norman-Mailer-Verfilmung "Kaltblütig" und an "Funny Games" von Michael Haneke.Doch die philosophische Metaebene von "Funny Games" fehlt "The Boys", und das Courtroomdrama, Mittelpunkt von "Kaltblütig", wird nur ausschnitthaft angedeutet.Kein schöner Film.Aber ein wichtiger. Heute 15 Uhr (Royal Palast) und 23.30 Uhr (Urania), morgen 22.30 Uhr (International)

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar