Zeitung Heute : Im Zeichen des Sägefischs

Peter Marx

Station vier. Eine Kreuzung von zwei Feldwegen. Fünf Soldaten in Tarnanzügen tauchen aus der Dunkelheit auf. Im Schein seiner Taschenlampe sucht Marco Ascher den nächsten Kontrollpunkt, ein einsames Haus, irgendwo im Hinterland von Eckernförde. Jetzt, fünf Uhr morgens, ist es kalt, bitterkalt. Die Hälfte des 19 Kilometer langen Geländemarsches haben sie jetzt hinter sich. Sie legen eine kurze Pause ein, Ascher und seine vier Kollegen trinken lauwarmen Tee und essen Müsliriegel. Doch "das Schlimmste kommt noch", sagt Ascher leise. Er redet von den zehn Kilometern Schwimmen in der eiskalten Ostsee.

Für die Soldaten ist es die Abschlussprüfung. Wer am Nachmittag im Militärhafen ankommt, der erhält den Sägefisch, das Abzeichen der Minentaucher der Bundeswehr. 37 Soldaten hatten im Juli mit der Ausbildung begonnen. Nur Ascher und die vier anderen standen den monatelangen Drill durch. Der 22-jährige Zeitsoldat wirkt noch fit. Dafür, dass er seit zwei Uhr morgens über Wassergräben springt, sich in Gebüschen versteckt und regelmäßig durch den Morast robbt. Und jetzt soll er noch lächeln. Einfach so, weil der Ausbilder sagt, jetzt lach mal. Er grinst, trotz Blasen an den Füßen. Später sagt Chefausbilder Karl-Heinz Dietl: "ohne Schmerzen keinen Sägefisch".

Minentaucher sind auch auf den sechs Schiffen der Deutschen Marine dabei, die gestern Wilhelmshaven verließen, um sich am internationalen Kampf gegen den Terrorismus zu beteiligen. Die Schiffe sollen im Golf von Aden für die Sicherheit der Seewege sorgen. Außerdem die Waffentransporte von Terrororganisationen unterbinden und verhindern, dass Al-Qaida-Kämpfer auf dem Seeweg von Afghanistan in andere Länder der Region reisen. Für eine monatliche Taucherzulage von 360 Mark stehen die Minentaucher bereit, um zum Beispiel in 50 Metern Tiefe Grund- und Ankerminen zu entschärfen. Dazu müssen sie in der Dunkelheit, die in diesen Tiefen herrscht, entweder Sprengsätze an den Minen anbringen und sie aus der Entfernung zünden, oder sie müssen gar per Hand entschärfen.

Mehr Flaum- als Bartträger

Eckernförde im Juli. In dem schleswig-holsteinischen Badeort sind alle Kampfschwimmer und Minentaucher der Bundesmarine stationiert. Hier findet auch die Aufnahmeprüfung zum Lehrgang für Waffentaucher statt. Wer diese erste Hürde genommen hat, kann sich nach vier Monaten entscheiden, ob er Minentaucher werden will oder Kampfschwimmer. Die müssen auch Unterwasser- und Landangriffe ausführen; die Anforderungen sind so hoch, dass noch weniger Rekruten sie erfüllen können, als bei den Minentauchern.

Im hinteren Teil der Kaserne liegt das Ausbildungszentrum mit Sportplatz, Schwimmhalle, Lehrsälen, Büros. In der muffig riechenden Eingangshalle stehen 37 Soldaten stramm. Die Gesichter angespannt, die Augen geradeaus fixiert. Junge Soldaten, 18, 20 im Durchschnitt, mehr Flaum- als Bartträger. Nachdenklich mustert Kapitänleutnant Dietl die neuen Rekruten, von denen die meisten Kampfschwimmer werden wollen. Ein Elitesoldat, so wie sie es aus Filmen kennen. "Leider wird darin nie die Ausbildung gezeigt", sagt Dietl. Auf die bekommen die Rekruten bei der zweitägigen Aufnahmeprüfung auf dem Sportplatz einen Vorgeschmack. 5000 Meter Laufen in 25 Minuten sind da zum Beispiel gefordert, und Ausbilder Frank Aßmann lässt die Neulinge spüren, was er von ihnen hält: nicht viel, eigentlich gar nichts. Er schimpft, droht, lässt keinen Kandidaten zur Ruhe kommen. Wer zwischen den Tests nicht zuhört, macht zehn Liegestütze. "Nur wer gelassen bleibt", sagt Wolfgang Eisele, "der hat eine Chance, durchzukommen." Der Psychologe gehört ebenfalls zum Ausbilderteam, ist bei allen Tests dabei. Aufmerksam beobachtet Eisele den ersten Aussteiger. André, 22 Jahre alt, stolpert würgend auf die Wiese neben der Tartanbahn. "Nicht fit" - die Ausbilder haken André von der Liste ab, wie Gemüsehändler ihre bestellte Ware. Schwer atmend erreichen Kai Dobschinski, 22 Jahre alt, aus Pirna, und Danny Born aus Rostock, mit 24 der Älteste der Neulinge, das Ziel. Dobschinski war bei den Marinefliegern und hat sich dort "gelangweilt". Born fuhr mit Schnellbooten zur See. Beide reizt die "sportliche Ausbildung", sagen sie, dann mit leichtem Zögern: "die Herausforderung, die Chance, etwas Besonders zu sein". Das Wort "Elite" nimmt keiner in den Mund, aber natürlich geht es darum: zu einer Eliteeinheit zu gehören.

Die ersten Tage des Lehrgangs. Vom Beckenrand verfolgt Chefausbilder Dietl die Übungen: 1000 Meter Schwimmen in 25 Minuten, 30 Meter Tauchen. Anforderungen wie für das Goldene Sportabzeichen. Die Ausbilder finden die Einstiegskriterien zu lasch. Sie möchten schärfere. Dann aber, befürchtet Dietl, "erleben wir den personellen Kollaps". Er ist schon froh, wenn jeder zehnte Teilnehmer den Test besteht. Bei den Minentauchern ist fast jede zweite Stelle nicht besetzt, bei den Kampfschwimmern jede fünfte Stelle. 500 000 Mark kostet die sechsmonatige Ausbildung eines Soldaten zum Minentaucher. Die 15-monatige Ausbildung zum Kampfschwimmer kalkuliert Dietl mit 1,5 Millionen Mark. Da "bleibt kein Platz für Kompromisse", sagt der Kapitänleutnant.

Die Rambos scheitern

Mit verschränkten Armen verfolgt Psychologe Eisele, wie sich die Soldaten in der Schwimmhalle gegenseitig antreiben. "Normal", findet das der Psychologe, "denn alleine kommt hier keiner durch." Alle Rekruten müssen einen psychologischen Fragebogen ausfüllen, bevor sie ins Wasser dürfen. Die Antworten dienen als Grundlage für Eisele, um sich ein Bild über die Persönlichkeit der einzelnen Soldaten machen zu können, ergänzt durch Gespräche und Beobachtungen bei den Tests. So soll Eisele Spinner ausfiltern. Die zwei bis drei Rambos, die es trotzdem in jedem Lehrgang gibt, scheitern jedoch meist "an der eigenen Disziplinlosigkeit".

Einen Monat später, im August, haben 17 Rekruten aufgegeben. 20 Soldaten in schwarzen Taucheranzügen stehen jetzt noch an der Hafenrampe des Marinestützpunktes. Der Hauptgefreite Ascher zupft nervös an seinem Tauchanzug. In der dunklen Hafenbrühe sollen sie in 250 Meter Entfernung eine Boje finden. Neben Ascher wartet Johannes Zyros, der Exot der Gruppe. Der Hamburger war bei den Fallschirmpackern in Bayern gelandet. Nicht gerade das, was sich der Abiturient unter einem "spannenden Bundeswehralltag" vorgestellt hatte. Also wollte er zu den Waffentauchern wechseln. 1 Meter 85 groß, schlank, durchtrainiert - optisch wirkt er wie die Idealbesetzung. Doch er wird den Lehrgang nicht bis zum Ende durchhalten.

Bei der Abschlussprüfung im Winter ist er nicht dabei. Jeden Tag Training, jeden Tag schinden bis an die persönliche Leistungsgrenze. Sein Körper machte schlapp, brauchte zu lange, um sich zu erholen. Der Traum vom Kampfschwimmer endete für Zyros in der demütigenden Rückkehr zu den Fallschirmpackern, nicht mal Springen dürfen sie da.

Ascher und seine Kollegen haben die letzten Kilometern des Geländemarsches erreicht, sie sprinten über den nassen Strand. Auf einer Wiese ziehen sie sich um, packen für den zweiten Teil der Abschlussprüfung Schwimmflossen und Taucheranzug aus. Noch zehn Kilometer Ostsee trennen Ascher, Dobschinski und Kollegen vom Sägefisch, der seit dem Zweiten Weltkrieg das Abzeichen der maritimen Kleinkampfverbände ist - der Sägefisch, der zu den Hai-Rochen gehört, kann bis zu sechs Meter lang werden und hat ein schwertartiges Maul. "30 Minuten Frühstückspause", ruft Oberbootsmann Aßmann. Die Kartons mit Getränken und Lebensmitteln liegen im Toilettenhaus. Der Türschlüssel ist in einem Übungsminenfeld vergraben, die Eingangstür mit Übungshandgranaten gespickt. Die Ausbilder schauen feixend zu, wie die Soldaten erst Minenfallen entschärfen und dann hungrig in den Frühstückspaketen wühlen. Eingekeilt zwischen Toilettentür und Gang kaut der Hauptgefreite Ascher einen Schokoriegel. Ihm ist anzusehen, dass er sofort einschlafen könnte. Doch seine Augen verfolgen unruhig, was um ihn herum geschieht.

Nach der Pause platschen die Schwimmflossen der fünf Soldaten, gleichmäßig durchs winterlich kalte Wasser. Außentemperatur fünf Grad, Wassertemperatur zwölf Grad. Seit zwei Stunden schwimmen sie gegen Wind und Wellen. Trotzdem sind sie erst vier Kilometer vom Strand entfernt, wo sie ins Wasser stapften. Neben ihnen fährt im Schlauchboot Frank Aßmann und verteilt heißen Tee, den er in leere Colaflaschen gefüllt hat.

Die letzten Liegestütze

Die Ereignisse vom 11. September sind auch am Stützpunkt in Eckernförde bemerkbar. Am Kasernentor wird jetzt scharf kontrolliert. Während im Sommer noch ein einfacher Pförtner dort stand, sind es mittlerweile mehrere Wachleute. Die Soldaten wirken angespannt, bemühen sich jedoch, gelassen aufzutreten. Im Dienstzimmer wartet Korvettenkapitän Stephan Annighöfer auf die Ankunft der Schwimmer. Er ist der Kommandeur aller Kampfschwimmer und Minentaucher. Er sagt, in der Truppe herrsche keine Unruhe, man sei schließlich vorbereitet, sei ja bereits in Somalia und im Golfkrieg dabeigewesen. Mehr will er nicht sagen, darf er auch nicht, wenn er seine Karriere nicht riskieren will. Order vom Bundeswehrinspekteur.

Bei den Schwimmern im Wasser ist nach mehreren Stunden in der Kälte der Rhythmus weg. Die Flossen platschen müde auf das Wasser. Die Männer halten sich an einem dicken Tau fest. So müssen jetzt die Stärkeren die Schwächeren mitziehen. Seit fast vier Stunden sind die Rekruten im Wasser. Keiner zählt mehr Wolken, Wellen oder denkt noch an Familie oder Freundin. Am Ende der Bucht ist deutlich die Mole des Marinestützpunktes zu erkennen. Das Ziel. Als sie aus dem Wasser steigen, spürt keiner mehr Beine und Arme. Jeder ist körperlich am Ende, hat alle Mittel aufgebraucht, um sich zu motivieren. "Du bist so platt, dass dir selbst träumen schwerfällt", keucht Ascher. Sein Gesicht ist mit einer feinen Salzschicht bedeckt. Nach 4 Stunden 15 Minuten stapfen die Rekruten mit wackeligen Beinen aus dem Wasser, versuchen, aufrecht zu gehen, obwohl sie an Ort und Stelle einschlafen könnten. Der Kommandeur, der Chefausbilder, die zukünftigen Kollegen - alle stehen am schmalen Strand zur Begrüßung. Die letzten 50 Liegestütze, die letzte Schinderei. Dann ist es vorbei. Die fünf jubeln, voller Genugtuung über ihren Erfolg und über all die Aßmanns dieser Welt, die ihnen jetzt nichts mehr anhaben können. Kein Gedanke an den möglichen Kriseneinsatz, keiner an die 32 gescheiterten Kollegen. Jetzt zählt nur noch eines, sagt Ascher: "die heiße Dusche".

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