Zeitung Heute : Im Zeichen des Wandels

Die Stimmung in den USA dreht sich – weg von Hillary Clinton hin zu Barack Obama. Wie entscheidend ist die Vorwahl heute in New Hampshire?

Christoph von Marschall[Concord (New Hampshire)]

Was ist bei den Vorwahlen in New Hampshire anders als in Iowa?

Auch in New Hampshire, wo heute die zweite Vorwahl im US-Präsidentschaftsrennen ansteht, hat sich im Schlussspurt unter den Demokraten der schwarze Senator Barack Obama an die Spitze gesetzt. In sieben von acht Umfragen führt er mit bis zu 13 Prozent vor der ursprünglich favorisierten Hillary Clinton. Ansonsten aber ist in dem kleinen „Granit“-Staat im Nordosten mit einer skandinavisch anmutenden Mischung aus dunklen Nadelwäldern und einem Streifen Nordatlantikküste sowie nur 1,2 Millionen Einwohner fast alles anders als im Mid-West-Farmstaat Iowa. Dort hatte Obama am Donnerstag Clinton klar distanziert. Sie kam mit acht Prozentpunkten Abstand nur auf den dritten Platz, noch hinter John Edwards. Bei den Republikanern siegte der gitarrespielende Baptistenpfarrer Mike Huckabee vor dem Mormonen Mitt Romney.

Es gibt kein national einheitliches Wahlrecht in den USA. Die einzelnen Bundesstaaten regeln die Abläufe selbst. Iowa hat ein Caucus-System. Die Parteien organisieren die Wählerversammlungen, die darüber abstimmen, wer für sie bei der Hauptwahl im November antreten soll. Nur wer bereits Mitglied ist oder sich an diesem Abend als Anhänger der Demokraten (oder der Republikaner) registrieren lässt, ist wahlberechtigt.

New Hampshire praktiziert das Primary-System. Diese Vorwahl wird vom Staat organisiert, alle Einwohner sind wahlberechtigt. Das macht die nicht parteigebundenen Wähler zur größten Gruppe: 45 Prozent. Sie dürfen allerdings nur bei einer der beiden Parteien über deren gewünschten Spitzenkandidaten mit abstimmen. In den Neuenglandstaaten denkt man liberaler als im Mittleren Westen. Eine überwältigende Mehrheit ist gegen den Irakkrieg und für eine allgemeine Krankenversicherung. Basisdemokratie ist der Kern der politischen Kultur. Bei Townhall-Meetings in Schulcafeterias, Turn- oder Mehrzweckhallen stellen sich die Bewerber seit Wochen den Fragen der Bürger.

Die große Frage in beiden Parteien ist: Wo stimmen die Unabhängigen ab? Gehen sie mehrheitlich zu den Republikanern, wo sie mutmaßlich den moderaten Konservativen John McCain unterstützen? Der Senator von Arizona war 2000 George W. Bushs gefährlichster Konkurrent und gewann New Hampshire. Oder wollen sie bei den Demokraten über deren Präsidentschaftskandidaten mitbestimmen, was Barack Obama zugute käme? Die regionalen Medien prognostizieren, dass die Unabhängigen überwiegend zur demokratischen Primary gehen.

Welche Chancen hat Hillary Clinton noch, wenn sie auch hier verliert?

Rein zahlenmäßig haben Iowa und New Hampshire keine große Bedeutung. Nach der Bevölkerung sind sie kleine Staaten und stellen wenige Delegierte beim Nominierungsparteitag Ende August in Denver. Mit einem überzeugenden Ergebnis am 5. Februar, dem „Super Tuesday“, an dem 22 Staaten gleichzeitig abstimmen, kann sie Obama noch schlagen. Doch die öffentliche Stimmung und die Dynamik des Rennens würden sich drehen, wenn er abermals gewinnt. Er bekommt dann mehr Medienaufmerksamkeit und mehr Spenden, mit denen er in den nächsten Vorwahlstaaten mehr TV-Werbung finanzieren kann. Nur in Iowa und New Hampshire ist dies noch ein Händeschüttel-Wahlkampf. Hier stellen sich die Bewerber direkt den Bürgern. Mit Millionen von Wählern, die in 22 Staaten an einem Tag abstimmen, können die Kandidaten dagegen nur noch über die Medien kommunizieren.

Wichtiger noch ist die Psychologie. Bisher galt Obama als der Kandidat der Herzen, der aber keine wahre Chance hat, weil Amerika doch sowieso keinen Schwarzen wählt und weil die Clintons viel zu mächtig sind, über eine erfahrene Wahlkampfmaschine verfügen und auch die schmutzigen Tricks besser beherrschen. Hillary, so hieß es, sei kompetenter, erfahrener und wählbarer. Jetzt zeigt sich: Das Obama-Lager spricht nicht nur die Gefühle besser an, voran die Sehnsucht nach einem Stil- und Generationswechsel. Es ist zur Überraschung der Clintons auch professioneller organisiert. Die Bürger sehen nun, dass er für eine Mehrheit der Weißen wählbar ist und laut Umfragen auch den direkten Vergleich mit Republikanern gewinnt.

Was bedeutet New Hampshire für die Republikaner?

Im rechten Lager setzt New Hampshire den Kontrapunkt zu Iowa. In Iowa gewann Politprediger Huckabee dank der religiösen Rechten. In New Hampshire spielt diese keine Rolle. Hier führt der Mitte-rechtsKandidat McCain. Obwohl Huckabee und McCain politisch weit auseinander liegen, hatten sie ein gemeinsames Interesse: zu verhindern, dass der millionenschwere Ex-Manager und frühere Gouverneur von Massachusetts, Mitt Romney, beide frühen Vorwahlstaaten gewinnt. Darauf hatte der landesweit nicht so bekannte Romney seine Strategie aufgebaut – und deshalb galt er als Geheimfavorit und aufsteigender Star. Verliert er nach Iowa auch New Hampshire, wird es schwer für ihn.

Wie geht es weiter?

Bei den Republikanern ist die Lage völlig offen. Erst ein Sieg für Huckabee in Iowa, nun vermutlich einer für McCain in New Hampshire. Romney wird seine Chance in Michigan am 15. Januar und in Nevada am 19. Januar suchen. In South Carolina, wo nur die Republikaner am 19. Januar abstimmen, haben die beiden Südstaaten-Kandidaten Huckabee und der Schauspieler Fred Thompson die besten Aussichten. Die Aufspaltung der frühen Staaten nützt Rudy Giuliani. Der populäre Bürgermeister von New York während des Terrorangriffs 2001 war in den bisherigen Vorwahlstaaten aussichtslos. Er setzt mit seiner landesweiten Bekanntheit auf Florida am 29. Januar und den „Super Tuesday“ am 5. Februar.

Bei den Demokraten ist nach New Hampshire wohl Obama der klare Favorit. Alle blicken auf deren Vorwahl in South Carolina am 26. Januar. Wer bekommt die Stimmen der Schwarzen, die größte Gruppe der Delegierten dort: Hillary, weil die Afroamerikaner die Clintons lieben – oder der Schwarze Obama?

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