Zeitung Heute : Im Zeichen von Mackintosh

HENNY WILLENBROCK

Glasgow, die größte Stadt Schottlands, hat sein Image verbessertVON HENNY WILLENBROCK

Stets stand sie im Schatten der schönen Schwester Edinburgh.Als Aschenputtel der industriellen Revolution übersah man sie lange Zeit beharrlich.Zu Unrecht.Glasgow, die größte Stadt Schottlands, hat seit Beginn der 80er Jahre mächtig an ihrem Image gebastelt.Mit Erfolg.1990 wurde das einstige Mauerblümchen als "viktorianischste Stadt der Welt" zur europäischen Kulturhauptstadt gekürt.So etwas bekommt nicht nur der Stadt, es hebt auch das Selbstbewußtsein seiner Bewohner."Was wollen Sie", nuschelt James mit schottischem Zungenschlag ins Mikrophon im Doppeldecker-City-Tours-Bus, "nirgendwo in Britannien gibt es soviele Parks wie in Glasgow", und fügt stolz hinzu, "nämlich über 70".Tatsächlich hat Glasgow mehr Grünflächen pro Einwohner als jede andere Stadt Europas."Außerdem sind wir eine bedeutende Kunststadt", rühmt James."Picasso und van Gogh können Sie in den Museen überall in der Welt sehen", fährt er fort, "aber Charles Rennie Mackintosh gibt es nur bei uns!" Der gebürtige Glasgower (1868-1928), Architekt und Designer von jugendstilig minimalistischen Möbeln und Innenräumen, ist der ganze Stolz der einstigen Industriemetropole am River Clyde."Toshie", so nennen ihn die Einheimischen liebevoll, hat um die Jahrhundertwende nicht nur die Wohn-, sondern auch die Teekultur revolutioniert.Als die Aufträge stagnierten, fand der Designer hochlehniger Stühle und funktionaler Möbel eine Auftraggeberin, die von seinem Anliegen, Kunst in den Alltag zu bringen, überzeugt war.Eine Erkenntnis, die wenig zum äußeren Erscheinungsbild der resoluten Geschäftsfrau paßte.Kate Cranston trug gräßliche Hüte zu längst aus der Mode gekommenen Kleidungsstücken.1903 eröffnete die fortschrittsorientierte Lady ihre von Mackintosh ausgestatteten "Willow TeaRooms" in der Sauchiehall Street.Inzwischen kann man in den authentisch restaurierten Räumen wieder Tee trinken und leichte Snacks verzehren. "Dort oben", spricht James unermüdlich ins Mikrophon, "steht die Kunstschule, die Mackintosh vor hundert Jahren gebaut hat." Natürlich muß man die "Glasgow School of Art" besichtigen.Diese architektonische Glanzleistung machte den nach Anerkennung strebenden Künstler-Architekten international bekannt.Das Schöne an der Stadtrundfahrt mit dem grasgrünen "Scotguide" (fünf Pfund für den ganzen Tag), Abfahrt am George Square gegenüber von Lord Nelson auf seiner Säule: Man kann beliebig aus- und an beschilderten Haltestellen wieder zusteigen.Weil Glasgow ganz im Zeichen von Mackintosh, der visuellen Künste und des Designs steht, verlassen wir James und seinen Bus an der Glasgow University und gehen die wenigen Schritte zur Hunterian Art Gallery hinauf.Sie ist der Universität angeschlossen und besitzt eine wundervolle Sammlung James Abbott Whistlers sowie die gesamte Inneneinrichtung von Mackintoshs Privathaus.Lichtdurchflutete Räume mit weißen Schleiflackmöbeln und hellen Teppichböden.Geradezu revolutionär in einer Zeit, als Glasgow noch der Ruf einer obskuren Industriestadt mit schmutzigen Slumvierteln anhaftete. Das ist nun heute anders.Die ausladenden klassizistischen und viktorianischen Fassaden aus pflaumenrotem oder honigfarbenem Sandstein aus den heimatlichen Steinbrüchen von Ayrshire und Dumfriesshire wirken wie frisch geputzt.Trutzige Bankpaläste fallen auf, verziert mit Säulen, Türmen und Pilastern.Sie sind Zeugnisse des 18.Jahrhunderts, als Glasgow dank des regen Tabak- und Baumwollhandels prosperierte.Die Zeiten des Wohlstands setzten sich bis zum Beginn des 20.Jahrhunderts fort dank Schwermetallurgie, Schiffbau und Hochfinanz.Mit dem Ende des ersten Weltkriegs war es dann so ziemlich mit dem Glanz vorbei.Inzwischen bemüht sich Glasgow (700 000 Einwohner) ganz entschieden um steigende Besucherzahlen.Besonders der Kunstreisende kann sich bei über 20 Museen über mangelnde Möglichkeiten nicht beklagen.Allein die weltberühmte Sammlung des reichen Reeders Sir William Burrell, die "Burrel Collection" im Pollok Park mit über 8000 Exponaten aus 4000 Jahren Kunstgeschichte, lockt jährlich über eine Million Besucher.Gleich nebenan im Pollok House ist eine ungewöhnliche Privatsammlung spanischer Malerei untergebracht.Bedeutend auch die McLellan Gallery mit hochkarätigen Wechselausstellungen.Wenn James von Glasgow als Kunststadt schwärmt, dann hat er keineswegs übertrieben.Ein weiteres Kunstereignis: Im März vergangenen Jahres wurde die "Gallery of Modern Art" eröffnet.In einem säulengeschmückten klassizistischen Tempelbau mit bewegter Vergangenheit.Einst Börse, dann Bibliothek und später Head Office einer Bank, lockt das Haus nun mit einer bunten Sammlung moderner Kunst.Und unterm Dach bietet ein poppiges Café eine schöne Aussicht über die Dächer der City. Was an Glasgow überrascht, sind seine Dimensionen, seine Weitläufigkeit, seine vielen Plätze und breiten Straßen.Das Herz der Stadt, die "Merchant City", das einstige Handelszentrum, mit George Square und dem Rathaus, ist Ausgangspunkt jeder Stadtbesichtigung.Rund um den Platz konzentrieren sich die teuersten Geschäfte, die besten Restaurants, Pubs und Bars.Ideal fürs Shopping: die Buchanan Street.Glasgows erste Einkaufs-Adresse mit Boutiquen, Edelkaufhäusern und Princes Square, einer glasüberdachten Einkaufsmeile auf mehreren Ebenen.Bevor wir die Stadt verlassen in Richtung schottische Highlands, noch ein Besuch in Glasgows gotischer Kathedrale aus dem 12.Jahrhundert.Es war im Jahr 543, als der heilige Mungo am Ufer des Flüßchens Molendinar Burn, das in den Clyde fließt, ein erstes schlichtes Gotteshaus errichtete.Was daraus wurde, weiß man nicht.600 Jahre später entstand hier die gotische Kathedrale mit prachtvollen Mittel- und schmalen Seitenschiffen.Wer Walter Scotts "Rob Roy" kennt: In der Krypta spielen Szenen aus diesem Epos á la Robin Hood. Vom Gotteshaus geht es auf einem Umweg, zweimal links und dann über eine alte Brücke zu einem der schönsten viktorianischen Friedhöfe Englands mit grandiosem Ausblick auf Stadt und Umland.Monumentale Grabdenkmäler überziehen den Hügel, dorische Tempel, neugotische Türme und Zinnen, ägyptische und maurische Grabkammern.Und über allem hebt John Knox oben auf hoher Säule drohend die Faust gegen die Kathedrale.Sie war in jenen Zeiten der Reformationsbewegungen im 16.Jahrhundert noch katholisch.TIPS FÜR GLASGOW - Anreise: Mit Lufthansa oder British Airways täglich von Tegel nach Heathrow. - Restauranttip: "Rogano", 11 Exchange Place, Glasgow G13AN, Telefonnummer: 01 41 / 248 40 55.Edel-Art Deco Einrichtung.Menü-Preis: um die 60 Mark. "The Jenny", gemütliches Restaurant und Straßencafé.Sandwich zwischen sieben und 15 Mark, Nachmittagstee, zirka 15 Mark inklusive Pot of Tea, Kuchen, Sandwiches, Scone, das sind kleine Kuchen, die man mit Marmelade und Butter ißt. "The Willow Tearooms", 217 Sauchiehall Street, Preise wie "The Jenny". - Museen: Der Besuch von Museen in Glasgow ist kostenlos, außer bei Sonderausstellungen.McLellan Galleries, 270 Sauchiehall Street, zeigt öfter interessante Künstler.Broschüren beim Glasgow Tourist Board, 11 George Square. - Hoteltip: Glasgow Youth Hostel, 7/8 Park Terrace; Telefon: 332 30 04.In Zentrumsnähe, komfortables Unterkunft, Übernachtung etwa 30 Mark; "The Gleneagles Hotel", Auchterarder, Pertshire, Scotland PH3 1NF, Telefon: 00 44 / 17 64 / 66 22 31, Telefaxnummer: 00 44 / 17 64 / 66 21 34.Fünf-Sterne-Haus mit Golfplätzen, Falknerei, Mark-Phillips-Reitschule, Jacky-Stewart-Shooting-School, Tennisplätzen, Indoor Pool, Beauty Center, Kutschfahrten, Off-Road-Touren.Doppelzimmer inklusive Frühstück für zwei Personen ab 500 Mark, Suiten ab 730 Mark.Anreise mit der Bahn von Glasgow, Quenn Street Station, bis Gleneagles zirka eine Stunde.Abholservice vom Hotel. - Auskunft: Britisches Fremdenverkehrsamt, Taunusstraße 52-60, 60329 Frankfurt; Telefon: 069 / 23 80 70. Greater Glasgow Tourist Board & Convention Büro, 11 George Square, Glasgow; Telefon: 00 44 / 141 / 204 44 80.

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