Zeitung Heute : Im Zugabteil lauschen

Von Elisabeth Binder

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Eigentlich gibt es ja zwei Orte namens Berlin, und sie liegen beide ganz genau an der selben Stelle. Der eine, das ist das altlatschige Berlin, in dem man zu Hause ist. Nass, kalt und leider wieder zunehmend rummelig, mit zu teuren Parkplätzen und mehr Krisen als die Laune vertragen kann. Das ist das Berlin, in dem man die Wände hochgehen könnte, weil ein Döner futternder Taxifahrer mal wieder die einfachste Zielstraße nicht kennt und eine doofe Tankstellentante einem mit einer dermaßen raubautzigen Bemerkung in nullkommanix die Tränen in die Augen treibt. Das olle Berlin, das sich Mühe gibt, allen Klischees zu entsprechen und nur manchmal am Nachmittag in der untergehenden Wintersonne so übernatürlich golden aufleuchtet, als strebe es etwas Höheres an. Aber das sieht man meistens nicht, weil man ja schließlich zu tun hat.

Und dann gibt es das andere Berlin. Diesen traumhaft aufregenden Abenteuerspielplatz, diese große, geheimnisvolle Stadt. Wenn man das erleben will, muss man Zug fahren zum Beispiel. Man wird hören wie eine Großfamilie auf dem Weg hierher die Stadtpläne studiert und andächtig Namen wie „Bleibtreustraße“ oder „Nikolaiviertel“ buchstabiert, als handele es sich um Versprechungen aus einer großartig glitzernden fremden Welt. Wenn man aus der Stadt herausfährt, wird man vielleicht eine Gruppe älterer Leute dabei belauschen können, wie sie die Namen mit einem leichten Übermaß an vertraulicher Selbstverständlichkeit gebrauchen. Wie sie Erinnerungen austauschen an ein unvergessliches Konzert, eine umwerfende Show („wie im Fernsehen“), die unsereiner in den endlosen Veranstaltungshinweisen kaum wahrnehmen würde. Auch im Winter werden auf den UBahnhöfen viele Sprachen gesprochen, knicken sich rund um die Siegessäule staunende Köpfe in den Nacken, finden die Höfe rings um die Oranienburger Straße enthusiastische Window-Shopper, die sich an den exotischsten Kleinigkeiten freuen und in Kneipen schwelgen, deren uns alltäglich schmeckende Küchenleistungen ihnen einen Geschmack von Aufbruch vermitteln. Das ist das tolle Berlin, das jedes Reiseprospektversprechen noch übertrifft mit seinem übersprudelnden Zukunftsgefühl.

Manchmal kommen die beiden Berlins zusammen. Am Bahnhof Friedrichstraße, Abteilung S-Bahn, zum Beispiel. Einige wollen Tickets, viele wollen Auskünfte. Apostel-Paulus-Kirche? Weeß ick nich, bin seit 50 Jahre in Berlin, aber ick wusste bis letzte Woche nich mal, dass det Ding dahinten „Berliner Dom“ heißt. Auch ein Grund, auf etwas stolz zu sein. Die Frau, die solches von sich gibt, bequemt sich immerhin rasch an den Hörer, versucht herauszufinden, ob es eine solche Kirche gibt, und wo sie sich befindet, bis ein Schlangensteher den entscheidenden Hinweis gibt. „Und mit welcher Linie kommt man zum Zoo?“, wird der gleich von anderen Hilfesuchenden gefragt. „Keene Ahnung, müssense Richtung Westkreuz oder Potsdam fahren.“ Aber welche Linie? Seit wann kommt es auf die Linie an? Die Richtung muss stimmen! Der Mann ist nicht zu trösten. Richtig! Da draußen kennt man Berlin auch über das Musical „Linie 1“. Aus dem Fernsehen eben. Dort (unter anderem) bekommt Berlin sein für langjährige Bewohner unsichtbares Glamourgesicht. Um es zu erkennen, muss man, so scheint es, leider ein Fremder sein.

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