Zeitung Heute : Im Zweistromland

Wind- oder Atomkraft? Deutschland sucht nach der Energieformel der Zukunft. In und um Brunsbüttel kann man sie erahnen

Sebastian Stoll[Brunsbüttel]

Irgendwann war der Punkt gekommen, da wusste Marco Bernardi sich nicht mehr anders zu helfen. Er brach aus ihm heraus, ein heftiges Lachen, Sarkasmus.

Bernardi ist umgeben von Schafen, die in der Sommerhitze träge auf einer Wiese seines Grundstücks dösen, er deutet Richtung Süden. Hinter einem angrenzenden Waldstück ist ein Schornstein zu erkennen, er gehört zum Atomkraftwerk Brunsbüttel. Kürzlich gab es dort einen Störfall, mal wieder. „Inzwischen“, sagt er, „sehe ich das fatalistisch.“

Aber der Atommeiler ist nur das eine. Bernardi sieht kaum mehr als dessen Schornstein, kein Problem. Sein eigentliches Problem sind die Windräder. Sieben Stück stehen zwischen Bernardis Grundstück und dem Reaktor, und 27 weitere im Osten, und 20 im Südosten. Der Rest verteilt sich so über die Landschaft. 73 Stück insgesamt. „Einmal“, sagt Bernardi, „waren wir drei Wochen im Urlaub. Als wir wiederkamen, war plötzlich ein kompletter Park direkt vor unserer Nase.“ Im Hintergrund hört man eine Autobahn, die es gar nicht gibt: surrende Windräder.

Brunsbüttel, Stadt mit einem Atomkraftwerk, das nach einer Serie von Störfällen im Juli vom Netz ging. Und Stadt der Windkraft. Etwa 800 Windräder stehen im Landkreis Dithmarschen, in dem Brunsbüttel liegt, fünf Prozent aller Anlagen in Deutschland auf nur 0,15 Prozent der Fläche. In der Gegend lässt sich heute schon besichtigen, was die Energiewende für viele Deutsche bedeuten wird. Es ist alles da. Zum Beispiel vor der Haustür des Kfz-Sachverständigen Marco Bernardi und seiner Frau Jutta Reichardt.

Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, den Ausstoß des Klimagases Kohlendioxid bis 2020 um 40 Prozent zu senken, verglichen mit 1990. Auf der weltgrößten Windkraft-Fachmesse, die zurzeit in Husum stattfindet, hat Umweltminister Sigmar Gabriel betont, dass bis dahin mehr als 25 Prozent des deutschen Strombedarfs durch erneuerbare Energien gedeckt werden sollen. Bisher sind es gerade einmal zwölf Prozent. Das Ziel ist durchaus realistisch, zumal eine amerikanische Firma vor wenigen Tagen bekannt gab, eine Technik für die effiziente Speicherung von Windenergie entwickelt zu haben. Es wäre eine Lösung für das bisher größte Manko der Windkraft: die Abhängigkeit der Stromproduktion von schwankenden Windstärken.

Als Marco Bernardi und Jutta Reichardt Anfang 1994 aus Hamburg aufs Land zogen, waren sie Mitte 40 und wollten ihren Traum vom Landleben verwirklichen. Auf dem Hof, den sie kauften, wollten sie Tiere ziehen und endlich täglich mit einem Horizont leben, nicht mehr nur mit dem Himmel zwischen Häuserschluchten. Im ersten Jahr gab es drei Windräder – und Kiebitze, die in der Nähe rasteten. Tausende Kiebitze, sagen sie. Im Jahr darauf gab es sechs Windräder, es kamen keine Kiebitze mehr, und die Wildgänse zogen nicht mehr über ihr Haus, sie flogen in hunderten Metern Entfernung, jenseits der Windräder. „Ihr hättet ja auch beim Amt nachfragen können, dann hättet ihr gewusst, was hier passiert“, sagten die Bauern – und verkauften ihr Land. An Städter wie Bernardi und Reichardt. Oder aber an Windkraftbetreiber.

Seitdem haben Bernardi und Reichardt das Gefühl, dass ihr Haus Teil eines Freilandexperiments sein könnte. Die Versuchsanordnung: Wie geht man mit Räumen um, in denen das Tageslicht permanent zwischen hell und dunkel wechselt, hervorgerufen vom Schattenwurf der Windräder? Oder: Wie beeinflussen die Anlagen den Vogelzug? Oder auch: Wie wirken sich Windräder auf den Wert eines angrenzenden Grundstücks aus?

Die Resultate: Marco Bernardi und Jutta Reichardt haben Bäume vor ihre Fenster gepflanzt. Sie können so das Esszimmer zumindest im Sommer auch bei Sonnenschein nutzen, da die Blätter den Lichtwechsel abfangen. Den Zugvögeln sehen sie nun aus der Ferne zu. Ihr Gut habe die Hälfte seines Wertes verloren, sagen Makler. Irgendwann wurde es ihnen zu viel, sie schlossen sich mit einigen Nachbarn zusammen und besuchten Gemeinderatssitzungen. Die Windräder wurden trotzdem immer mehr.

Und vor drei Jahren gab es die ersten Anzeigen. Anonym. Wegen eines Misthaufens, den sie angeblich unsachgemäß angelegt hätten. Wegen des großen Teichs, den sie auf ihrem Grundstück ausgehoben hatten. „Ohne Genehmigung“, so der Vorwurf. Sieben Anzeigen kamen so zusammen, nicht eine landete vor Gericht.

„Die wollen uns hier weghaben“, sagt Jutta Reichardt. „Die Bauern sind ein seltsamer Menschenschlag. Es geht nur darum, den Gewinn mit möglichst wenig Rücksichtnahme zu optimieren.“

Marco Bernardi und Jutta Reichardt sind nicht allein auf ihrem Hof, sie teilen ihn sich mit 89 Tieren. Murphy etwa, dem Schwein, das den ganzen Tag gestreichelt werden will. Oder Zwiebel, dem Schaf, das ein Jahr lang getrauert hat, als seine Mutter starb.

Die beiden sind Naturschützer, kamen auf der Suche nach Idylle. Zu Anfang hatten sie gezögert, schließlich produzierte das nahe Atomkraftwerk damals schon Strom. Dann war es ihnen egal: „Wenn’s hier knallt, dann schlafen wir für immer. 50 Kilometer entfernt schlafen wir fünf Monate schlecht und sterben erst dann“, sagt Marco Bernardi.

Seither leben sie wie Nachbarn, die sich nichts zu sagen haben: Marco Bernardi und Jutta Reichardt auf der einen Seite, das Atomkraftwerk auf der anderen. Wenn sie nicht hinschauen, scheint es nicht mehr da zu sein.

„Leukämie-Cluster Elbmarsch“ ist die offizielle Bezeichnung für einen der größten Atomkraft-Skandale der Bundesrepublik – der vielleicht gar keiner ist. Statistisch gesehen wären in der Region um das Atomkraftwerk Krümmel in den Jahren von 1990 bis 2005 maximal fünf Leukämiefälle bei Kindern zu erwarten gewesen. Tatsächlich waren es mindestens 15, je nach Zählweise.

Anfang des Jahres musste Jutta Reichardt an der Schilddrüse operiert werden; es hatten sich Knoten gebildet. Sie und ihr Mann haben nun einen Verdacht: Sie bauen ihr Gemüse an einem ungünstigen Ort an, falsche Windrichtung. Der Wind kommt aus der Richtung des Atomkraftwerks. Manchmal denken Marco Bernardi und Jutta Reichardt wieder an ihren alten Plan. Den mit dem Geigerzähler. Bereits 1986 wollten sie sich einen zulegen, nach Tschernobyl, lange bevor sie hier lebten. Bis heute ist es beim Plan geblieben. „Wenn ich so ein Gerät zu Hause hätte, würde es mich permanent an den Reaktor erinnern“, sagt Jutta Reichardt. Zumindest im Kopf lässt sich der Meiler abschalten, mit den Windrädern geht das nicht.

Bis 2015 soll Windkraft fast 80 Milliarden Kilowattstunden liefern – mehr als doppelt so viel wie heute. Was das für die Zahl der Räder bedeutet, ist allerdings unklar. Der Bundesverband Windenergie hofft auf eine neue Generation von Windradanlagen, die mit der Hälfte der heute 18 000 Windräder den nötigen Strom erzeugen. Die mit Bundesmitteln finanzierte Deutsche Energieagentur rechnet dagegen mit 24 000 Anlagen im Jahr 2017, fast alle davon an Land. Kritiker wie der Bundesverband Landschaftsschutz halten selbst diese Zahl für viel zu niedrig. Die Aufrüstung von Rädern sei in vielen Fällen sinnlos, zudem seien ganze Bundesländer noch kaum für die Windenergie erschlossen.

Für die Betreiber lohnt sich die Windenergie: Die großen Versorger sind verpflichtet, sie in ihre Netze aufzunehmen und einen festgelegten Preis dafür zu bezahlen. Das nützt zum Beispiel Hans Peter Witt. Eigentlich produziert er auf seinem Bauernhof Raps und Getreide. Er besitzt 750 Muttersauen, die etwa 20 000 Tiere im Jahr gebären. Die verkauft er an Mastbetriebe. Die Preise schwanken. Bleiben sie über einen längeren Zeitraum niedrig, hat Witt ein Problem: Für Schweinezucht gibt es keine Subventionen. Vor fünf Jahren hat sich Witt mit seinem Nachbarn zusammengesetzt. Sie hatten Wind vor der Haustür, die Banken vergaben günstige Kredite, sie konnten einen Garantiepreis für den Strom bekommen. So wurde Hans Peter Witt Miteigentümer zweier Windradanlagen: Eine teilt er sich mit dem Nachbarn, eine weitere gehört ihm zu einem Sechstel. Macht für ihn gut 10 000 Euro im Jahr. „Ich habe aus meiner Nutzungssituation heraus eine grundsätzlich positive Einstellung zur Windenergie.“ Genau so formuliert er es. Für Witt ist Windenergie keine Frage ökologischer Vernunft, sondern ein sichereres Geschäft. Punktum.

Hans Peter Witt kennt die Argumente der Windkraftgegner, einiges betrifft ihn selbst. Auch in sein Arbeitszimmer fällt morgens der Schlagschatten. Er stört ihn aber nicht. Ungemütlich findet er es nur, „wenn die Mühlen sich nicht drehen und keinen Strom produzieren“. Und noch etwas sei ihm aufgefallen: dass die heile Welt eines Frage des Standpunktes ist. „Es gibt viele Leute, die hierherkommen und eine heile Welt suchen. Aber wenn diese heile Welt vor deren Haustür steht und Strom produziert, dann wollen sie plötzlich nichts mehr davon wissen. Wären die Windräder irgendwo anders, würde von denen doch nichts kommen.“

Ginge es nach ihm, könnte er in seiner Welt gut auf das Atomkraftwerk verzichten. Aber er ist da pragmatisch. „Eine Abschaltung von Brunsbüttel ist dann erforderlich, wenn es ein Risiko darstellt.“ Ist das denn so? „Damit habe ich mich zu wenig beschäftigt. Aber ich bin kein grundsätzlicher Kernkraftgegner.“ Ende der Diskussion.

Nur nicht Ende der Energiedebatte. Es gibt wenige Probleme, deren Lösung schwerer ist als das der künftigen Energieversorgung. Sauber soll der Strom sein, billig, flächendeckend verfügbar. Auch in und um Brunsbüttel wird über Energie gesprochen. Nur geht es dann nicht um „Restlaufzeit“ oder „Energieeffizienz“. Die Menschen streiten über Lärm, über Schlagschatten, um Geld und Arbeitsplätze. In einem Landkreis mit einer Arbeitslosenquote von 17 Prozent sind Windräder schlicht „Industrie“. Einige leben mit der Windenergie, andere von ihr. Eine Debatte, die andernorts idealistisch oder ideologisch geführt wird, stellt die Menschen hier vor konkrete Probleme.

Die Diskussion um die Windräder in Brunsbüttel hat Erstaunliches bewirkt. Dass Naturschützer sich gegen die Windenergie aussprechen zum Beispiel. Dass Bauern sie befürworten und statt Weizen nun Wind anbauen. Und die Erkenntnis, dass es bei der Windenergie manchmal auch um die Frage geht, wie weit Natur eine Ressource ist – oder ein Fluchtpunkt.

Vor kurzem gab es einen Tag, an dem Marco Bernardi nicht mehr zum Lachen war. Da musste er ins Atomkraftwerk Brokdorf, direkt hinein ins Areal. Der Sachverständige sollte einen Schaden an einem Fahrzeug schätzen. Da bekam er alles aus nächster Nähe mit: Sicherheitsschleusen, Metalldetektoren, ständige Begleitung. Den ganzen Tag hatte er ein unheimliches Gefühl. „Wenn man da steht und weiß, was da brütet – da wird einem schon mulmig.“ Erst später wurde es besser. Zu Hause. Da konnte er zwischen den Windrädern nur noch einen Schornstein sehen und die Atomkraft war wieder weit weg. Ganz weit.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar