Zeitung Heute : Im zweiten Gang

„Bloß nicht aufhören!“: Die Studenten streiken weiter und besetzen die SPD-Zentrale

Jan-Martin Wiarda

Am Nachmittag stehen fünf Gestalten auf dem Dach der SPD-Parteizentrale in Berlin und recken die Fäuste in den Winterhimmel. Neben ihnen flattert die rote Fahne, unten jubeln die Studenten. Ein paar Dutzend Wagemutige klettern mit Leitern an der Fassade hoch und besetzen den Balkon über dem Haupteingang. Das Willy-Brandt-Haus ist in der Hand von Studenten: der unerwartete Schlusspunkt eines Tages, der so ganz anders begonnen hatte, an dessen Morgen es so aussah, als könnte der große Streik der Berliner Studenten ganz kleinlaut zu Ende gehen.

Das große Zittern beginnt an der Freien Universität ein paar Minuten vor zwölf. Eigentlich soll im Audimax die Vollversammlung über die Bühne gehen, die erste im neuen Jahr, doch kaum einer ist da. Die Holzvertäfelung und die braunen Vorhänge lassen den leeren Saal noch düsterer erscheinen. Es riecht muffig und alt. Vorne auf der Bühne probieren sie die Mikrofone aus und lassen schon mal testweise das Video ablaufen, das die Massen in Stimmung bringen soll. Doch wo bleiben die? Vor dem Saal haben sich ein paar Leute von der Gruppe „Linksruck“ einen Tisch aufgebaut, rote Tischdecke, rote Broschüren. Schlagzeile: „Schröder macht krank“. Dahinter steht Michael, 31, immer noch Amerikanistikstudent. Michael glaubt trotzdem, dass alles gut wird. Was in diesem Fall hieße, dass der Streik fortgesetzt wird. Was voraussetzen würde, dass genug Leute kommen, die dafür stimmen.

Die Angst vor einer Pleite ist deutlich zu spüren. Oder auch die Hoffnung darauf – auf eine Pleite, wie sie die Streikbefürworter am Montag an der Humboldt-Universität erlitten hatten. Die Studenten stehen in Grüppchen beieinander, tuscheln. Lassen einige den Kopf hängen oder scheint das nur so? Irgendwie ist die Luft raus. Die Zeit der Nachrufe sei angebrochen, die Totenglöckchen läuteten, können die noch Streikenden an diesem Morgen in der Zeitung lesen.

Doch plötzlich wird alles anders: Es ist viertel nach zwölf, und das Zittern ist vorüber. Irgendwo haben sich die Schleusen geöffnet, und das Audimax im Henry-Ford-Bau füllt sich mit Studenten. Sie hocken auf dem Fußboden, verstopfen Gänge und Türen und warten begierig darauf, dass ihnen jemand sagt, wo es langgeht. Die Streikorganisatoren vorne auf dem Podium haben sich einiges einfallen lassen: Erst zeigen sie einen Film mit den gelungensten Streikaktionen von der Besetzung des Büros Flierl bis zum Bad in der Spree. Jubel im Auditorium. Dann tritt er auf, der Held von der Mahnwache, die seit sechseinhalb vor dem Roten Rathaus ausharren, in Kälte, Schnee und Regen. „Wir können jetzt nicht aufhören!“, ruft er. „Sonst lassen wir ganz Deutschland und alle streikenden Hochschulen im Stich!“ Riesenjubel im Auditorium. Und so geht es weiter: Die Studenten, überrascht von ihrer eigenen Euphorie, bringen sich in Stimmung für die Abstimmung. Trotzdem trauen die auf dem Podium denen da unten noch nicht so richtig und bombardieren sie mit Grußworten von Verdi und Polizeigewerkschaft, Tagesordnungsanträgen, Vorträgen über Aktionstage und Streikkonzepten. Die Aussprache eröffnen sie erst nach anderthalb Stunden und setzen sie auf genau 21 Minuten an. Und sogar die werden am Ende noch gekürzt, auf Antrag aus dem Plenum. Trotzdem wird es doch nochmal spannend. „Gibt es eine Gegenrede zum Antrag?“, fragt Ralf, der schlaksige Asta-Hochschulreferent, der die Sache endlich hinter sich bringen will. Der Antrag lautet auf Fortsetzung des Studentenstreiks an der Freien Universität, und zwar als kreativer Ausstand. Nebenbei soll noch FU-Präsident Dieter Lenzen zurücktreten, und die Einschnitte im Bildungs- und Sozialhaushalt sollen auch aufhören.

Fast scheint es schon so, als könne man sich die Abstimmung gleich sparen, da hebt eine Studentin die Hand, Anfang 20, mit dunklen Haaren. Plötzlich ist es ruhig im Saal. Es dauert eine Weile, bis das Mikrofon zu ihr nach hinten durchgereicht worden ist. Sie steht auf und räuspert sich. Sie sei es nicht gewöhnt, vor so vielen Leuten zu sprechen, sagt sie. Dann legt sie los: „Was wir hier heute beschließen, interessiert die meisten Studenten doch gar nicht. Das ist doch albern, wenn wir für einen Streik stimmen, und gleichzeitig finden alle Seminare statt!“ Das war an der FU seit Beginn des Streiks so. Doch wenn schon Streik, findet die Aufrührerin, dann muss man das auch ernst meinen. Es ist eine kurze Rede, dann sitzt sie wieder, und einen Augenblick lang ist es still im Saal. Plötzlich ist die Verunsicherung wieder da. Auf dem Podium fangen sie sich schnell und verkünden den nächsten Tagesordnungspunkt: Abstimmung. „Wer ist für den gestellten Antrag?“, fragt Ralf. Fast alle Hände gehen hoch. Es dauert ein paar Sekunden, bis alle realisieren, was das heißt: Der Streik geht weiter. Aus zögerlichem Klatschen wird lauter Jubel. Die FU ist aus dem Schatten der HU getreten, die bisher die Standards in Sachen Streik gesetzt hatte.

Und an der TU? Als sie im Henry-Ford-Bau die Hände heben, beginnt im Audimax der TU gerade die Vollversammlung. Und wieder erweist sich die Mahnwache als vorzügliches Aufputschmittel streikmüder Studenten. „Wir haben nicht die ganzen Weihnachtsferien durchgehalten, damit ihr jetzt mit dem Streik aufhört!“, ruft eine schmale Studentin im Parka. Das wirkt. Die Dozenten, sagt sie, hätten ihr versprochen, am Ende würde sie alle Scheine bekommen, obwohl sie fast nie zu ihren Seminaren erschienen war. Als dann auch noch Matthias vom Ring Christlich-Demokratischer Studenten auftritt und, revolutionärer Triebe unverdächtig, sich für eine Fortsetzung des Streiks ausspricht, ist die Sache klar und die Mehrheit gewonnen. „Wir werden beides schaffen: ein großartiges Semester hinzulegen und weiterzustudieren“, sagt Matthias. 1600 Stimmen dafür, ein paar Dutzend dagegen, so lautet das Ergebnis. Am Ende sind sie auch an der TU überrascht, wie leicht das ging. Wen wundert noch, dass wenig später die Studentenkollegen von der Humboldt-Universität mitteilen, eigentlich habe man sie missverstanden, auch sie befänden sich noch im Streik. Die Schmach vom Montag ist Vergangenheit, die Streikfront der Berliner Universitäten wieder geschlossen. Zur Feier des Tages, macht sich eine Gruppe von TU-Studenten gleich auf zum Willy-Brandt-Haus. Schließlich kann man von kreativem Ausstand nicht nur reden, man muss ihn auch machen. Auch wenn die Polizei gegen 17 Uhr 30 mit der Räumung beginnt: Die Zweifel vom Morgen sind weggewischt – vorerst.

Mitarbeit: Amory Burchard, Volker Eckert

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